Was unterscheidet Menschen mit Asperger Syndrom von NTs?

Diese Frage stelle ich mir seit Jahren und weiß nicht wo ich anfangen soll.
Ich könnte jetzt schreiben: In 100 000 Sachen und doch haben alle miteinander eine große Ähnlichkeit. Jedes einzelne Anzeichen kann auch bei NTs vorkommen, also was unterscheidet uns wirklich?

Meiner Meinung nach sind es die Menge und Intensivität der Anzeichen. Ich reagiere in so vielen Dingen anders und doch wird es immer NTs geben, die sagen „aber so reagiere ich doch auch“. Stimmt! Denn jeder trägt eine Form der Sensibilität in sich und hat unterschiedliche empathische Empfindungen. Jeder hat in irgendwelchen Bereichen Probleme mit dem Verstehen oder der Logik. Sind wir vielleicht alle irgendwie Asperger?

Warum sprechen so viele NTs den von Autismus betroffenen Menschen ihren Autismus ab? Umgedreht kommt das so gut wie nie vor? Genauso gut könnte ich fragen: Warum kritisieren schlanke Menschen ständig übergewichtige Menschen? Und umgedreht nur ganz selten. Woher kommt diese Schieflage? Was unterscheidet diese Menschen?

Die Wahrnehmung! Sie läuft auf einem anderen Level.

Sie ist ein allumfassendes Ding in unserem Inneren. Nun stellt sich als nächstes die Frage, welche Wahrnehmungen das genau sind und wie kommen sie zustande?

Ich bin kein Fachmann und kann nur von meinen eigenen Theorien ausgehen, indem ich Situationen vergleiche und ich komme immer wieder zu dem gleichen Ergebnis:
Die Wahrnehmung befindet sich im Aufbau und der Struktur unseres Gehirns. Sicher, man kann vieles trainieren. Oder doch nicht?

Bei mir kann man leider nur sehr wenig trainieren. Ich versuche immer wieder bestimmte Dinge zu üben (z.B. Small Talk) und doch prägen sie sich nicht ein. Jedesmal stehe ich mit der gleichen Nervosität oder Ratlosigkeit da wie vorher.
Doch vielmehr beschäftigt mich die Frage nach der Ordnung, die mein Gehirn verlangt. Ist das nicht der Schlüssel zu allem oder die Antwort zu der Frage, was uns unterscheidet?

Menschen mit Asperger verlangen oder haben eine andere Ordnung im Kopf, die sie erhalten oder immer wieder herstellen möchten. Das würde doch vieles erklären. Dabei fällt mir der Begriff „Gelassenheit“ ein. Ein Gefühl, dass ich so gut wie gar nicht kenne, weil ich ständig damit beschäftigt bin, Ordnung in meinem Kopf herzustellen, wenn ich unter Menschen gehe. Bin ich alleine, ist die Ordnung hergestellt und ich kann mich entspannen. Niemand bringt sie durcheinander.

Kann es sein, dass der Autist viel mehr denkt, weil seine Wahrnehmung um so vieles stärker ist? Der innere Filter ist anders ausgelegt. Das Gehirn wird viel mehr beansprucht, als das von einem nicht autistischen Menschen. Ein Beispiel: Der NT geht in die Stadt, schaut sich ohne große Gedanken seine Umgebung an und fühlt sich entspannt. Nun geht ein autistischer Mensch in die Stadt. Vergleichen wir deren Gehirne:
Der NT hat kaum Anzeichen von Stress, weil er vielleicht nur den Einkauf im Kopf hat. Das ist bei mir ganz anders. Mein Gehirn kocht über vor Eindrücken und Unordnung auf dem Weg zum Einkauf. Ich kann mich auf den Einkauf danach kaum noch konzentrieren, weil das Gehirn immer noch mit der Verarbeitung und dem Einsortieren beschäftigt ist.
Ein anderes Beispiel: Das Spezialinteresse.
Wenn ein Mensch mit Asperger Syndrom ein Spezialinteresse pflegt, dann kann man kaum noch von einem „normalen“ Interesse sprechen, denn er perfektioniert es in einer Form, an die oft Fachleute nicht einmal herankommen. Für NTs wäre nun Stress pur angesagt, doch der Asperger empfindet totale Entspannung dabei. Je intensiver er sich seinem Interesse widmet und es ihn fordert, je entspannter fühlt er sich. Der NT würde wahrscheinlich ausflippen, wenn man ihm die Masse an Informationen durchs Gehirn jagt, die ein autistischer Mensch zu kompensieren schafft.

Schon alleine meine Fähigkeit zur Wahrnehmung unzähliger Details in allen Sinnesbereichen unterscheidet mich von NTs. Ich traue mich oft gar nicht darüber zu sprechen. Ein Spaziergang mit mir kann eine nervende Prozedur für einen NT werden, denn ich bleibe andauernd stehen und muss mir die vielen Details anschauen, ob in der Natur oder auf dem Weg in die Stadt. Deswegen habe ich oft eine Kamera dabei und mache Fotos, weil ich gerne alles erfassen möchte, was um mich herum ist. Am liebsten bin ich alleine unterwegs, weil ich dann keinen nerve.

Dann gibt es noch einen weiteren sehr wesentlichen Unterschied: das ständige Analysieren und Reflektieren. Viele NTs schauen mich ratlos an, wenn ich davon erzähle. Auch das hat etwas mit meinem Ordnungsdenken zu tun. Ich analysiere ständig neue Situationen oder reflektiere Begegnungen, ob auch alles seine Ordnung hatte. Wenn nicht, kann es mich tagelang beschäftigen, bis ich wieder Ordnung hergestellt habe. Es kommt dem Prinzip des „Zauberwürfels“ gleich.

Mich würde mal interessieren, was NTs als Unterschied empfinden…

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst alseBook oder  Printausgabezum Lesen)
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8 Gedanken zu „Was unterscheidet Menschen mit Asperger Syndrom von NTs?

  1. Horst

    Es ist natürlich so wie Du schreibst, die Menschen, ob Asperger oder nicht, sind schon an sich sehr verschieden und es werden alle möglichen Eigenheiten bei beiden Gruppen zu finden sein. Zumal natürlich auch noch all die Fälle hinzukommen, wo man sich seiner Zugehörigkeit selber nicht bewusst ist (Menschen mit Asperger, die glauben NT’s zu sein und NT’s die nichts von ihrer Asperger Seite wissen). Eine Antwort wird also, wenn Du nicht auf die wissenschaftlichen Tests zum Feststellen von Asperger hinaus möchtest, eher persönlich sein.

    Für mich war im Umgang mit Personen mit Asperger der Körperkontakt ein sehr ungewöhnliches Erlebnis. Wie in der Fachliteratur oft beschrieben, wird dieser von Personen mit Asperger wohl oft als sehr unangenehm empfunden. Er wird gegebenenfalls hingenommen, aber das er als nicht angenehm empfunden wird, ist wohl leicht zu erkennen.

    Nicht Lügen! Natürlich lügen auch Menschen mit Asperger mal, aber eher selten und wohl sehr selten aus reinem Eigennutz. Hier könnten sich viele NT’s eine Scheibe abschneiden, dann wäre viel im Umgang miteinander gewonnen.

    Einmal getroffene Entscheidungen oder gebildete Meinungen können nur äußerst schwierig wieder geändert werden. Habe ich oft erlebt, vom Kleinen bis zum Großen: Ein Termin ist ein Fixpunkt, oder ganze Freundschaften können schon bei einmaligen Fehlverhalten zerbrechen – natürlich unwiderruflich. Ich verstehe hier die Hintergründe, Menschen, die sich nicht mit autistischem Verhaltensweisen beschäftigt haben, werden dies aber leicht als sehr abstoßend empfinden.

    Hang zum allein sein. Am Anfang, als ich noch keine Ahnung von Menschen mit Asperger hatte, fand ich es sehr sonderbar, sich den ganzen Samstag auf sein Sofa zu setzten und den Tag einfach vorbei ziehen zu lassen. Ich dachte mir, dass es lange gedauert haben musste sich so alleine wohl zu fühlen… in Wirklichkeit sind dies wohl aber die schönsten Stunden der Woche.

    Auch mir würden noch viele weitere Eigenheiten einfallen, dies wären aber für mich die wichtigsten.

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  2. Patty

    Ich habe Asperger, möchte aber trotzdem gerne etwas schreiben.

    Bevor (vor 1,5 Jahren) ich endlich meine Diagnose bekam musste ich 2 DBT (Dialektisch behaviorale Therapie) für Menschen mit BPS (Borderline Persönlichkeits Störung).
    Abgesehen davon das mit die Therapie sehr geschadet hat, war es interessant.
    Rückblickend: Ich musste Zeit mit Menschen verbringen und hatte gleichzeitig eine Anleitung über Ihr denken, fühlen und handeln, interessant und aufschlussreich.

    Wertfreies Denken
    Das ist für mich ein sehr großer Unterschied. Ob Emotionsstörung oder gesunder NT, alles beinhaltet Gefühle.
    NT’s müssen wertfreies Denken erlernen und haben oft große Schwierigkeiten darin.
    Simples Beispiel die Uhrzeit. Ich sehe oft auf die Uhr und sage wie viel Zeit noch bleibt oder wie viel vergangen ist. NT’s denken dann meistens das man das Gespräch nicht will.

    NT’s haben (so scheint es mir) Informationen und Bilden daraus eine Meinung.
    Ich hab Informationen und mache daraus Sand…
    Ganz einfaches Beispiel: Für andere die scheinbar einfachste Frage der Welt: Wie geht es dir? Ist für mich eine anstrengend, kompliziert und schwere Frage.
    Nach monatelangem überlegen wie ich zu einem Ergebnis, (am besten schnell) komme, hab ich es mal schriftlich versucht. Hab 3 seiten über zu beachtende und überflüssige fakten geschrieben und beschlossen, geht nicht!

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    1. Denkmomente Autor

      Vielen Dank für deinen Kommentar! Ja, ich finde mich in fast allem wieder. Menschen, die diese, ich sage mal mentale Belastung nicht spüren, können sich kaum ein Bild davon machen, wie viel Kraft uns das Leben kostet. Viele Grüße!

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  3. Pingback: Froschs Blog: » Im Netz aufgefischt #300

  4. Renate

    Nach meiner Erfahrung – ich bin spätdiagnostizierte hochfunktionale Autistin – besteht folgender großer Unterschied zwischen NTs und Autisten: Ich lerne niemals auswendig, alles, was mich interessiert bleibt einfach an mir haften, einfach weil es mir wichtig ist, weil ich es als logisch empfinden, ich könnte zu etlichen Themen aus dem Stand Vorträge halten. Alles was für mich unlogisch ist oder in dem ich keinen Sinn sehe, das vergesse ich immer wieder, ich merke es mir einfach nicht. Die Namen neuer Schüler habe ich sehr schnell „drauf“, weil es notwendig ist und mich im Unterricht unterstützt. Sobald ich die Schüler nicht mehr im Unterricht habe, vergesse ich die Namen, weil es für mich nicht mehr notwendig ist, sie zu kennen. Genauso kann ich sehr gut Small Talk (ich habe es mir im jahrelangen Training angeeignet und es läuft nie automatisch, auch wenn es so wirkt). Ich kann es gut, weil es mir hilft in der nicht autistischen Welt zurecht zu kommen, daher macht es für mich Sinn Small Talk zu können, wobei der Small Talk selber mir sinnlos erscheint. Ich mache da nur mit, um dazu zu gehören, es ist wie eine Technik für mich, der Inhalt interessiert mich nicht. Wobei ich mir wiederum die Inhalte merke, weil diese mich darin unterstützen in meinem Deko-Small-Talk wieder anzuknüpfen.
    Liebe Grüße von Renate

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    1. Denkmomente Autor

      Vielen Dank für deinen Beitag! Ja, ich erkenne mich viel wieder, aber mit dem Small Talk bleibt es ewig ein Problem. Wenn ich schon sehe, dass jemand auf mich zukommt, werde ich nervös und kann oft keine richtige Reaktion abrufen. Da fehlt mir leider dieses besagte auswendiglernen. Es gibt zwar ein paar ganz typische Sätze, die immer passen, aber ich bin immer sehr nervös. Mag es überhaupt nicht auf Menschen zu stoßen,die ich kenne, ob in der Stadt, beim Spazierengehen und auf dem Heimweg. Aber es lässt sich ja nicht vermeiden.

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  5. aspergerfrau

    mein bester job bislang: dokumente anhand einer 10stelligen nummer zu sortieren: auf pausen musste man mich aufmerksam machen und die überstunden sammelten sich wie von selbst! leider wurde ich ob meiner pflichtbewusstheit gleich mal befördert und 20 menschen die kein interesse an ihrer arbeit zeigen zu beaufsichtigen ist glaub ich auch für NTs herausfordernd 😉

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