Kein Wiederherstellungsprogramm

Wie im letzten Blog beschrieben, kann es Situationen in meinem Leben geben, die mich auf unerklärliche Weise zu einem Kurzschluss bringen. Oftmals Kleinigkeiten. Nur die geringste Veränderung kann mich hochjagen und nicht mehr zurückholen.
Ich kann im Vorfeld nicht einmal sagen, bei welchen Veränderungen mich solche Kurzschlüsse einholen. Es passiert einfach. Warum ist das so?

In meinem Kopf existiert für vieles eine genaue Vorstellung von etwas. Das gibt mir Sicherheit und ein gutes Gefühl. Solange es so bleibt, ist meine Welt in Ordnung. Man kann es sich wie ein Regal vorstellen, in dem alles exakt einsortiert ist. Nun verändert jemand etwas in diesem Regal und ich flippe aus! Meine Sicherheit ist in Gefahr geraten und ich kenne in meinen Gefühlen keine Grauzone. Entweder ignoriere ich die Veränderung komplett, weil sie mir total egal ist, oder ich rege mich tierisch auf und reagiere unangemessen, ja, fast hysterisch. Meistens trifft die zweite Reaktion zu, sofern es sich um Veränderungen in meinem privaten Bereich handelt. In diesem Bereich hat niemand etwas verloren. Das erklärt auch, warum es mir immer wieder schwer fällt, mit anderen zusammen zu sein oder überhaupt in einer Ehe zu leben. Bei mir muss es genaue Abgrenzungen geben. Die Möbel müssen dort stehen, wo sie mir am besten gefallen, und die Schränke müssen so einsortiert sein, wie ich es am praktischsten finde. Wenn jemand anderes nach seinen Kriterien Ordnung herstellt und sie nicht direkt mit meiner konform läuft, kann ich sie nicht akzeptieren.

Vergleichen wir es mit einem Rechtschreibprogramm. Das zeigt sofort einen Fehler an, wenn in dem Wort auch nur ein Buchstabe falsch geschrieben ist, obwohl ich das Wort immer noch gut lesen und es verstehen kann. Und doch bleibt es für das System falsch und der rote Unterstrich verschwindet erst dann, wenn das Wort korrigiert ist. So in etwa funktioniert mein Denken. Es besteht aus ganz klaren Regeln und Ordnung. Es gibt dort keine Alternativen oder Kompromisse. Schief ist bei mir schief und bleibt auch schief. Ja, ich nehme eine Situation dann als schief wahr, wenn sie nicht exakt meinem Ordnungsdenken entspricht, und sie geht mir solange nicht aus dem Kopf, bis sie nach meinem Ermessen gerade gerückt ist.

Gegenstände müssen in meinen Regalen ein gewisse Anordnung haben, um sie harmonisch für mich erscheinen zu lassen. Die Einrichtung im Wohnraum muss so verteilt sein, dass sie angenehm auf meine Wahrnehmung wirkt. Trifft das nicht zu, schiebe ich solange alles herum, bis es mir angenehm erscheint, unabhängig, ob mein Mann es gerne anders hätte. Inzwischen kennt er meine „Möbelrück-Aktionen“ und nimmt sie hin.
In der Küche hat alles seinen festen Platz. Wehe, eine Sache wird nach dem Spülen woanders hingeräumt! Und so zieht sich mein Ordnungs-Denken durch viele Bereiche meines Lebens.

Leider passiert es immer wieder, dass mich Veränderungen so aus dem Tritt bringen, dass ich mich  über Stunden oder Tage völlig irritiert zurückziehe. Ich finde dann kein Wiederherstellungsprogramm auf meiner Festplatte.

Inzwischen haben mein Mann und ich vieles im Leben auf die Reihe bekommen, damit sich solche „Kurzschlüsse“ nicht mehr zeigen. Wir haben getrennte Bereiche, d.h. jeder ist für einen Bereich zuständig, in den sich der andere nicht mehr einzumischen hat. Und das hat dann wieder für mich eine Form der Ordnung, mit der ich gut leben kann.

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst alseBook oder  Printausgabezum Lesen)
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4 Gedanken zu „Kein Wiederherstellungsprogramm

  1. mo jour

    Oh du liebe, wie ich das kenne!
    „In der Küche hat alles seinen festen Platz. Wehe, eine Sache wird nach dem Spülen woanders hingeräumt!“
    Aber so was von genau mein Ding und ein gutes Beispiel!
    Ich verliere total die Orientierung in meiner Küche, wenn auch nur ein einziger Kaffeelöffel falsch herum in seiner Schublade liegt.
    Für Außenstehende mag sich das spaßig anhören, aber es ist schon gruselig, am eigenen Leibe bzw. im eigenen Kopf zu spüren, was für ein Gefühlsorkan sich dann in meinem Inneren abspielt – und ich bin kaum (und manchmal auch gar nicht) in der Lage, es zu stoppen.
    Wie wunderbar, dass du einen so geduldigen, verständnisvollen Menschen in deinem Leben hast, der bereit ist, in all diesen Bereichen auf deine Seins-Weise(n) Rücksicht zu nehmen – und stark genug, das auszuhalten.
    So jemand ist mir noch nicht begegnet.
    Alles Gute dir und deinem Mann ebenso!

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  2. Gitta

    Ich habe auch eine feste Vorstellung von Dingen und Abläufen. Besuch, der nur sehr selten kommt, spiele ich bis zur Erschöpfung durch und bin schon erledigt, wenn es noch gar nicht geklingelt hat an der Tür. Gegenstände haben bei uns ihren festen Platz, wobei es nicht um Zentimeter geht, aber doch um einen dafür vorgesehenen Ort und wird in diese Ordnung stark eingegriffen, ist das oft nur schwer bis garnicht für mich auszuhalten. Schlimmer jedoch als Gegenstände, sind Situationen, die ich mir so nicht vorgestellt hatte und Worte, die jemand spricht. So kommt es vor, dass ich Tage, Wochen oder sogar Monate über einen Satz nachdenken muss, den jemand gesagt hat. Dann gerate ich in eine Art innere Schieflage und möchte auch nach langer Zeit am liebsten die Person darauf ansprechen. Meine Erfahrung lehrte mich, dass das wenig bringt und unter Umständen alles noch schlimmer macht. Manchmal kann mein Mann mir das Gesagte im Nachhinein übersetzen, aber eben längst nicht immer. Und obwohl wir uns in unserer Welt eingerichtet haben ist es meistens die Konfrontation mit der Welt da draussen, die dann Unruhe zwischen uns beiden verursacht. Und ich versuche mich anzupassen und merke jedes Mal, wie schwer mir das fällt. Auf der einen Seite sind wir beide gerne unter uns, auf der anderen Seite brauche aber auch ich manchmal andere menschliche Gesellschaft und auch familiäre Begegnungen sollten ab und zu stattfinden. Der Wunsch nach Nähe und die gleichzeitige Erschöpfung, die bei sozialen Kontakten eintritt, belastet mich schon. Es gibt nur ganz wenige Menschen, mit denen ich es mehrere Stunden gut aushalte. Liebe Grüsse!

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