Wenn aus Banalitäten Katastrophen werden …

Ein leidiges Thema für autistische Menschen. Was NTs als Banalität empfinden, kann bei mir schnell zu einer Katastrophe werden. Ich werde mal zwei „banale“ Beispiele aufführen.

Ich liebe es, ab und zu Currywurst mit Pommes zu essen.
Mein Mann und ich saßen vor einiger Zeit abends gemütlich vor dem Fernseher und hatten seit mittags nichts gegessen. Das sind Momente, in denen mein Verstand alle möglichen ungesunden Nahrungsmittel abruft, mit dem Drang, dies hier und jetzt essen zu wollen, ohne Gedanken daran, was es mit meinem Gewicht macht. In solchen Momenten ist mir alles egal.
Mein Mann erklärte sich bereit zur Pommesbude zu fahren und zwei Portionen zu holen. Als er das Haus betrat roch es herrlich und ich holte begeistert Besteck aus der Küche. Dann packte ich meine Schale aus und erstarrte! Ohne mich zu äußern, packte ich sie wieder ein, ging in die Küche und warf sie dort wütend in den Müll!
Was war geschehen?

Es war etwas verändert worden. DAS war es. Meine Pommes sahen anders aus, als ich es gewöhnt war. Sie waren nämlich mit Mayonnaise bedeckt, was ich überhaupt nicht mag! Damit sahen sie für mich unappetitlich und ekelig aus. Ich entschied, sie wegzuwerfen und sofort ins Bett zu gehen. Meine Laune war hin. Ich hatte den schönen Abend ruiniert.
Mein Mann lief mir natürlich aufgebracht hinterher und fragte nach.
„Jetzt sind wir schon so viele Jahren verheiratet und du hast immer noch nicht bemerkt, dass ich keine Mayonnaise auf meinen Pommes mag?“, schrie ich ihn an.
„Ich wusste es nicht mehr“, sagte er, „deswegen wollte ich auf Nummer sicher gehen und habe dir auch welche draufmachen lassen. Du kannst sie doch auf meine Pommes schieben und ich gebe dir welche von meinen ab.“
Ein ganz lieber Vorschlag … und so banal! Doch bei mir fährt das Programm nicht mehr hoch, wenn es zerstört ist. Aus unerklärlichen Gründen bleibe ich in meiner Wut hängen und will nichts mehr vom Tag wissen. Ich kann keine Ordnung mehr in mir herstellen.

Zweites Beispiel:
Ich habe immer schon silikonfreies Shampoo benutzt, weil es mein feines Haar nicht so weich macht. Als ich nach England zog, nahm ich zur Sicherheit einige Flaschen mit, um mir genügend Zeit zu geben, dort im Discounter ein ähnliches Shampoo zu finden. Und … zum Glück, ich fand es. Zur Sicherheit nahm ich auch dort einige Flaschen mit, so dass mein Vorrat beachtlich war. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Nun, nach einem Jahr ging der Vorrat zur Neige, doch ich wusste ja, wo ich Nachschub holen konnte.
Pustekuchen! Der Discounter führte das Shampoo nicht mehr und in mir brach Panik aus. Das äußert sich durch Hitze und Hektik. Ich durchsuchte das ganze Angebot nach einem ähnlichen Produkt, fand jedoch keins. Mir brach der Schweiß aus. Ich rannte zum nächsten Discounter und suchte dort, doch auch da wurde ich nicht fündig. Ich brauchte eine Woche, um ein silikonfreies Shampoo zu finden. In dieser Zeit kam ich innerlich kaum zur Ruhe! In mir war eine Welt zusammengebrochen. Ein NT würde jetzt über diese banale Sache den Kopf schütteln, doch mich kann so etwas mächtig aus dem Tritt bringen.

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst alseBook oder  Printausgabezum Lesen)
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10 Gedanken zu „Wenn aus Banalitäten Katastrophen werden …

  1. Horst

    Erstmal Dir ein frohes neues Jahr!

    Zum ersten Beispiel: Du hast doch alles richtiggemacht! Weg mit dem fürchterlichen Zeug, ob mit oder ohne Mayo, die Tonne freut sich immer über den Kram, ganz im Gegenteil zu Deinem Körper… 🙂
    Zum zweiten Beispiel: Es geht noch viel einfacher, lass das Shampoo doch einfach mal ein paar Wochen ganz weg! Ich nehme schon über ein Jahr keines mehr und das geht prima! Meine Freundin mit langen Haaren macht auch mit, ganz ohne Probleme! Der Trick: Das Shampoo wäscht den Fettfilm von Deiner Kopfhaut, nach dem Waschen muss der Körper wieder nachfetten. Du musst dann natürlich wieder waschen, es fühlt sich dann wieder fettig an – und so weiter und so weiter – und der Shampoo-Hersteller freut sich über seinen Verdienst… Lass das Shampoo einfach weg, der Körper braucht natürlich ein paar Wochen für die nun erforderliche Selbstregulation, kann das aber bestimmt, auch nach jahrzehntelangem unsinnigem Haare Waschens…

    Klar habe ich Deine Botschaft verstanden, oft gibt es aber noch viel einfachere Lösungen bei solchen „Problemen“ 🙂

    CU

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    1. Denkmomente Autor

      Vielen Dank, lieber Horst! Dir auch ein gutes und gesundes neues Jahr.
      Mir fällt auf, dass du immer gute Lösungen parat hast und das finde ich klasse. Doch wenn ich solche Geschichten erzähle, dann will ich damit nur mitteilen, wie meine Gefühle reagieren, nämlich oft nicht angemessen, weil die banalste Situation innerlich bei mir ausufert. Ich wollte nur Momente aufführen, die das deutlich machen. Ich glaube kaum, dass nicht autistische Menschen ein solches Drama bei Banalitäten verursachen. Ich kann wegen Kleinigkeiten oft nicht schlafen oder stürze wichtige Momente durch Nichtigkeiten ins Unglück, ohne etwas dagegen unternehmen zu können. Die Kernaussage liegt darin, dass ich zu diesen Momenten emotional unerreichbar bin, um umgestimmt zu werden. Deswegen: Bei meinen Blogs suche ich keine Hilfe oder Lösungen, sondern stelle nur dar, wie sich mein Autismus äußert. Viele Grüße.

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      1. aspergerfrau

        Danke für die schönen Beispiele…eine Doser Energy Drink passt bei mir zu 2 Zigaretten, will jemand einen Schluck haben zerstört das die Ordnung, auch wenn der ganze Kühlschrank damit voll ist… Ich bin nicht geizig: lieber verschenke ich den ganzen Vorrat als die „verplante“ Dose zu teilen, das g-e-h-t nämlich nicht :-/

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  2. SK

    Danke für diese Schilderungen. Ich kann diese Situationen sehr gut nachempfinden, mir geht es oft ähnlich. Eine „einfache“ Lösung kenne ich bislang leider nicht, finde es aber erleichternd, dass es nicht mir alleine so geht.

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  3. Fil $andars

    Ich hab noch keine Diagnose, aber nahezu alles was Du schreibst, kann ich nachvollziehen. Momentan hänge ich auch wieder mitten in einer solchen Katastrophe, Chaos im Kopf, und keine Lösung in Reichweite. Weil ein Mensch! (m)eine ganze Ordnung durcheinander gebracht hat, die er zuvor selbst eingerichtet hat.
    Ich hab zwei Spezialinteressen. Hast Du schon mal davon gehört, dass so etwas auch ein Mensch sein kann? Soooo merkwürdig… *hmpf*

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      1. Fil $andars

        Ja das versteht irgendwie niemand, ich selbst ja auch nicht. Nahezu alle Aspies haben ein Spezialinteresse. Ich hab zwei, und eine davon ist ein Mensch. 😦

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      2. Denkmomente Autor

        Ach, jetzt verstehe ich!! Spezialinteresse „Mensch“. Also, ich habe auch drei Spezialinteressen. Nur so am Rande. Eins davon ist „Der Mensch und seine Psyche“. Mein Sohn hat „Die Anatomie des Menschen“. Wir beide pflegen diese Interessen weit über das übliche Maß hinaus. Wie genau äußert sich dein Interesse?

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  4. Ranunculus

    Eigentlich brauche ich viel Input, neue, interessante Dinge erleben, Abwechslung und dann gibt es die Seite, die Stabilität haben möchte, eine gleichförmige Umgebung, ich sammle, versinke im Chaos (fast wie ein Messie), meine Pflnazen-Fotos (Spezialinteresse) sortiere ich akribisch auf meinem Rechner, weil sie mir wichtig sind. Ich bin schnell überfordert durch zuviel, durch zuviel Routine unterfordert.
    Das sind zwei Extreme, die da in mir sind.
    Vor zwei Wochen bin ich nach längerer Abwesenheit (Krankschreibung) wieder durch meinen Arbeits-Wohnort (ich pendle zwischen zwei Städten) gefahren und man hatte eine Haltestelle, an der ich vorbeifahre, die ich aber nie benutze, umbenannt, das irrtiert mich, genauso wenn man Häuser baut in meiner Umgebung, die ich ohne Häuser kenne (Stadtverdichtung), ich verliere nicht die Orientierung, aber ich muss die Umgebung wieder neu kennenlernen.

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  5. petra0654

    Ich halte solche Wutausbrüche für ganz normal. Für den, der ihn gerade erleidet und den, der dabei ist, ist es natürlich nicht angenehm. Ich wollte zum Beispiel Fotos vom zugefrorenen Fluss machen, aber der Akku im Fotoapparat war leer. Mein Mann meinte, dass wir auch so das Eis und den Fluss und die Sonne genießen können und eben morgen noch einmal wiederkommen könnten. Doch ich konnte nichts mehr genießen, war einfach nur stocksauer, was gut eine halbe Stunde anhielt. Vernunft bringt da wenig. Man muss die Situation einfach aushalten – sie geht von allein vorüber.

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