Meine Welt funktioniert nur dann, wenn ich in ihr leben darf

Dass vom Asperger Syndrom Betroffene immer wieder darüber berichten in zwei Welten zu leben, kann ich auch von meiner Seite bestätigen und schrieb bereits einen Blog darüber.

Natürlich leben wir nur in EINER Welt und auf einer Erde. Rein äußerlich und als Materie gesehen. Die andere Welt spielt sich rein mental ab. Es ist keine Schizophrenie oder Persönlichkeitsspaltung,  und doch fühlt es sich wie eine Spaltung an. Zumindest bei mir.
Wie soll ich das erklären? Ich beginne mal mit der Zeit in meiner Kindheit und Jugend.

Fernab jeder Diagnose und des Wissens, dass ich anders sein könnte, als alle anderen um mich herum, fühlte ich mich in meiner Welt äußerst wohl. Was kümmerten mich die anderen Leute und deren Meinungen? Sollten sie sich doch gegenseitig „betratschen“ und alle um sich herum beurteilen und verändern wollen. Schon früh bekam ich mit, dass nur wenig gut genug oder richtig war. Immer gab es etwas auszusetzen. Doch als Kind begegnete ich der Welt der Erwachsenen mit einer gewissen Ignoranz oder auch dem Gefühl, eben ein Kind zu sein und nicht alles zu wissen. Man „erlaubte“ mir noch, anders zu sein und ordnete es der kindlichen Naivität zu. Doch Jahr um Jahr veränderte sich diese „Erlaubnis“. Die Kommentare der Erwachsenen wurden nachdrücklicher und trieben mich in eine Pubertät, die sich wie ein abgeschlossenes Zimmer anfühlte. Ja, ich schloss mich gedanklich und emotional ein, weil mich viele zu verbiegen versuchten und ich dem nicht nachkommen konnte. Doch während meiner Jugend fühlte sich das nicht schlimm an, denn mir war eh alles egal, was die anderen machten. Ich gab mich meinen Spezialinteressen hin und opferte nur unter Druck meine Zeit der Schule und so manchen Verpflichtungen. Freunde hatte ich keine, zumindest nicht solche, die man gewöhnlich als Freunde bezeichnet. Ich lebte die meiste Zeit in meiner eigenen Welt mit all meinen Geschichten und Ansichten. Dort fühlte ich tiefes Glück. Wer verstand schon mein stundenlanges Verschwinden im Wald oder meine Lese- und Schreibsucht? Solange ich unter dem Schutz meiner Eltern stand fühlte ich mich sicher und wohl. Meine Welt funktionierte.

Je älter ich wurde, desto mehr zehrte man mich aus dieser Welt heraus. Bis der Tag kam, als ich sie komplett verlassen musste. Ich erwachte mit 19 Jahren in einer kalten und unpassenden Welt für mich. Die erste Irritation holte mich während meiner Ausbildung zur Erzieherin ein. Mobbing war eine völlig neue Erfahrung für mich. Ich verstand nicht den Grund, weshalb man meinen Umgang mit Kindern ins Lächerliche zog und sich darüber lustig machte. Sicher, meine Art mit ihnen umzugehen, war etwas anders, als man es gewohnt war, aber die Kinder liebten genau das. Ich legte viel Wert auf die Wahrnehmung von Farben, Formen und Geräuschen und ließ mir viele außergewöhnliche Beschäftigungen mit den Kindern einfallen. Ich setzte Musik als Mittelpunkt vieler Aktionen ein. Schon alleine das irritierte meine Kolleginnen. Ich entwich dem System und man mobbte mich aus dem Kindergarten heraus.

Ich will hier nicht alle Stationen, die dann folgten aufzählen, aber sie alle hatten etwas gemeinsam: Ich ging anders mit ihnen um. Wenn Kinder etwas äußerten, nahm ich es sehr ernst. Ich ließ mich auf ihre Art der Mitteilung ein, weil ich auch oft einen besonderen Weg der Mitteilung suchte. Als ich später mit alten, kranken Menschen arbeitete, zeigte sich das Problem erneut. Wo Kollegen mit Ignoranz oder verletzenden Bemerkungen reagierten, begann ich nach neuen Möglichkeiten zu suchen. Was allen gemeinsam war, war, dass ich festgefahrene Denksysteme aufbrach und aufforderte, etwas zu verändern. Ja, ich hatte mir angewöhnt, andere belehren zu wollen. Leider meistens ohne Erfolg, denn Veränderung bedeutet Arbeit, zusätzliche Arbeit. Ich scheute diese Arbeit nicht. Da meine Versuche meistens erfolglos waren, stellte ich immer wieder fest, dass dies nicht meine Welt war und verließ die Arbeitsstelle. So erging es mir unzählige Male.
Ich stellte mir die Frage, in welcher Welt ich eigentlich leben darf, um glücklich zu sein? Gab es die überhaupt? Damit begann eine große Flucht in meinem Leben. Ich flüchtete von einer Welt in die nächste und wurde nicht fündig. Aber ich wurde etwas anderes – krank.

Eine Krankheit kann zum Lebensretter werden. Sie veranlasste, mich plötzlich mit vielen anderen Dingen zu beschäftigen. Ich begegnete in zurückgezogenen Momenten plötzlich meiner Kindheit und Jugend und fragte mich, welche Welt das wohl war, in der ich einst so glücklich gelebt hatte. Wie konnte ich nur diese Welt verlassen haben? Wie konnte das passieren? Nun, ich habe mich schlichtweg auf die Erwartung der Gesellschaft eingelassen, hielt deren Empfehlungen, die sicherlich nicht böse waren, für die richtigen, und kam ihnen emotionslos nach. Nur das Gefühl, dass es nicht meine Welt war, blieb tief im Inneren als Wahrheit verborgen.

Ich entkam dieser Welt drei Jahrzehnte später, als ich Entscheidungen traf, die nur wenigen gefielen. Ich wollte endlich meinen Passionen nachkommen und Bücher schreiben. Man zweifelte von vielen Seiten an, dass ich überhaupt ein Talent dafür besaß. Ich sehnte mich nach der Zeit, als ich die Ignoranz als meinen besten Partner und Begleiter hatte. Nur sie lässt mich die Augen davor verschließen, was andere von mir wollen und erwarten. Es fühlte sich anfangs, als ich meine Hilfeleistungen zurücknahm und Menschen mied, die mir einmal wichtig erschienen, ganz furchtbar für mich an. Doch je mehr ich durchhielt, desto näher kam ich meiner ursprünglichen Welt. Bis ich sie schließlich fand und ein Buch nach dem anderen schrieb. Heute lebe ich von meiner schriftstellerischen Arbeit und höre nur noch aus der Entfernung die Menschen reden, die meine Welt nicht billigen. Ist das die Kälte eines Autisten, die ich nun spüre? Die ich immer schon verspürt habe? Für mich fühlt es sich wie eine große Wärme an. Ich entscheide nun alles selbst und kommen meinen eigenen Idee nach. Fazit: Meine Welt funktioniert nur dann, wenn ich darin leben darf.

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen)
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