Anstrengende Blicke

Es strengt mich grundsätzlich an, andere Menschen anzusehen. Nicht das Hinsehen, sondern das Hinsehen und zugleich das Zuhören, wenn der andere etwas sagt. Dann kommt nur die Hälfte bei mir an, weil ich mich so darauf konzentriere, den anderen anzuschauen. Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, Menschen anzuschauen und falle deswegen kaum noch auf.

Dieses Problem kennen NTs nicht und können das Gefühl sicherlich nicht nachvollziehen. In meinem Gehirn ist die Zusammenarbeit von Anschauen und Zuhören/Verstehen irgendwie schlecht geschaltet. Schaue ich den anderen nicht an, kann ich ihn viel besser verstehen.

Doch es existiert noch eine andere Form von „anstrengenden Blicken“ bei mir. Autisten kennen das bestimmt, denn ich weiß von einigen, dass sie die gleiche oder ähnliche Angewohnheit haben.
Aufgrund dessen dass ich ein akribischer Detailseher bin, hat bei mir vor einigen Jahren eine „Macke“ angefangen, die ich einfach nicht abstellen kann. Ich lese jedes Autonummernschild, was ich um mich herum erblicke und verbinde die Buchstaben mit gedanklichen Wortspielen. Das ist beim Autofahren sehr anstrengend, weil es einen Teil meiner Aufmerksamkeit fesselt. Noch schlimmer wird es, wenn ich durch Großstädte gehe und ununterbrochen Nummernschilder sehe. Ich kann einfach nicht wegsehen und diese „Macke“ abstellen.

Nun, jetzt lebe ich in Großbritannien und aufgrund der für mich ungewohnten Nummernschilder hörte diese Macke plötzlich auf. Das hat mich sehr erleichtert und mir den Alltag stressfreier gemacht.
Dafür begann sich plötzlich eine neue Macke zu melden: Ich gehe viel an der Küste spazieren, wo Unmengen von Steine liegen und nahm schnell wahr, dass viele Steine eine Herzform haben. Damit begann ein neues „Spiel“ für meine Augen. Überall versuche ich zwischen unzähligen Steinen die Herzsteine herauszufiltern. Das ist sehr anstrengend und ich kann mich nur unter großer Mühe davon abbringen, um Wanderungen und Spaziergänge erholsam zu machen.

Schlimm wird es, wenn ich auf gepflasterten Steine gehe. Auch die zähle ich mit Vorliebe bis zum Ziel. So wusste ich immer, dass ich 258 Steine gehen musste, um nach EDEKA zu gelangen. 13 Steine weiter war die Apotheke…

Meine Blicke suchen immer irgendetwas. Ich kann kaum entspannt herumlaufen, ohne Details zu finden, die andere nicht bemerken oder etwas abzuzählen. Das bemerkt natürlich niemand, weil sich alles in meinem Kopf abspielt. Wenn mein Gehirn sichtbar wäre, sähe es oft wie eine Explosion aus.
Und doch habe ich festgestellt, dass es sich in dem Nationalpark Exmoor für mich um vieles leichter leben lässt, weil die Reize sich merklich reduziert haben. Hier finde ich kaum Pflastersteine, die ich zählen muss.  Doch gewisse Macken werde ich wohl nie los. Ich habe aus Zitronen mal wieder Limonade gemacht und sammel jetzt einfach Herzsteine, die ich an Freunde, Familie und meine Leser verschenke. So habe ich diesen Tick zu einem Zeichen von Verbundenheit zu den anderen Menschen gemacht.

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst alseBook oder  Printausgabezum Lesen)
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16 Gedanken zu „Anstrengende Blicke

  1. Yuna

    Blickkontakt und gleichzeitige Konzentration auf Gespräche, die oft Smalltalk und Belanglosigkeiten enthalten ist auch für mich sehr unangenehm und anstrengend. Zum Glück habe ich etwas das mir in dem Fall Ruhe gibt: alle geometrischen Formen und Gebilde-sie sind fast überall vom Pflasterstein, Hausdächer, Holzlatten oder Schränke etc. Klingt für Normalos seltsam, aber ich liebe es, diese mit meinem Blick zu fixieren. Vielleicht komme ich deshalb bisweilen schüchtern oder unhöflich bei anderen an, aber oft ist es ja erstmal wichtig sich selbst gerecht zu werden….
    Liebe Grüße

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    1. S.ina

      Mir passiert dann entweder genau das selbe, oder aber, ich fokussiere mich dann so stark auf eine andere Person das das für andere wohl sehr irritierend ist. Passiert euch anderen das auch manchmal? Ich habe keine wirkliche Erklärung dafür.

      Mein neuer Blog ist jetzt übrigen endlich öffentlich Sichtbar. Schau doch mal vorbei.
      einlebenohnefilter.wordpress.com

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  2. Gitta

    Schau mich an, wenn ich mit Dir rede!, war ein Standardspruch in meiner Kindheit, in der Schule, aber auch privat. Heutzutage fällt es mir leichter, den Blickkontakt zu halten, aber eben nicht so lange, wie die anderen. Wahre Konzentration und Aufmerksamkeit erfordert das Zurseitesehen eben doch. Auch ich komme nur sehr langsam voran beim Spazierengehen. Am Strand suche ich nach interessanten Steinen, im Wald bemerke ich zB. die Gesichter auf den Baumstämmen, die hübsche Schnecke am Wegestrand oder in der Stadt das interessante Muster einer zersprungenen grünen Glasflasche und wie schön sich das Sonnenlicht in den plattgefahrenen Splittern bricht und diese zum Leuchten bringt. Ich bin schon früh angefangen all diese Dinge zu fotografieren, was das Ganze zu einem interessanten Hobby macht. Nur passiert es mir ständig, dass ich die Menschen um mich herum dabei übersehe und das führt dann manchmal zu unerwünschten Situationen.

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  3. Cassandra

    Und wieder mal eine Ähnlichkeit. Die Sache mit den Nummernschildern kenne ich nur zu gut und wenn ich dann auf eins aufmerksam mache, weil ein lustiges Wort daraus entsteht, ernte ich oftmals verständnislose Blicke.
    Ich habe festgestellt, dass ich deshalb auch nicht im Wald entspannen kann. Dort raschelt etwas, das krabbelt was hoch, „Gesichter“ in den Baumrinden etc. Am Meer ist es für mich um ein vielfaches leichter. Natürlich suche ich immer nach Muscheln und kann dann in einen leichten Wahn verfallen… doch ich bin ruhiger dabei und ansprechbar.

    Vor vielen Jahren hat mir ein Wirtschaftspsychologe „beigebracht“ mit anderen Menschen Blickkontakt zu halten und dabei die Mimik so zu verändern, dass es auch wirklich interessiert aussieht.
    Also gehe ich voller Stolz durch die Welt, halte den Blickkontakt, versuche dabei mich auch auf das Gespräch zu konsentrieren und nicht auf z.B. einen Pickel, unreine Haut, Fältchen etc meines Gegenübers. Nach so einem Gespräch gehe ich dann – erschöpft aber immer noch mit stolz geschwellter Brust es geschafft zu haben – zu meinem Partner der mich dann fragt, warum ich meinen Gesprächspartner denn wohl so angestarrt hätte.
    Da ich seit einigen Wochen weiß, dass ich Asperger bin habe ich in meinem Freundes- und Familienkreis mal nachgehört, wie sie meine Blicke während eines Gespräches wahrnehmen. Raus kam, dass sich alle recht unbehaglich und „durchbohrt“ fühlten.
    Inzwischen habe ich mir antrainiert, nicht mehr jeden anschauen zu müssen. Bei manchen Menschen bleibt es nicht aus, es machen zu müssen (Vorgesetzte, Polizei, Ärzte), doch die Resonanz die ich erhalte, wenn ich so agiere wie es mir guttut, zeigt mir, dass es scheinbar der richtige Weg ist.

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    1. Denkmomente Autor

      Dass mit den „durchbohrenden Blick“ pasiert mir auch immer wieder. Ich versuche krampfhaft den anderen anzuschauen und wirke deswegen auch wieder unnätürlich. Ich bekomme keine Natürlichkeit hin. Im Wald beschäftigen mich immer die Sonnenstrahlen, sofewrn sie durch die Bäume fallen. Die Muster und Winkel, die entstehen, faszinieren mir derart, dass ich auch schon mal gerne stolpere. Die Welt mit seiner Natur wirkt grundsätzlich in seinen Farben faszinierend auf mich, doch am meisten sucht mein Blick nach kleinen Details. Ich kann das kaum abschalten.

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  4. Horst

    Also mich würde es interessieren, was autistische Menschen in den Augen anderer Menschen sehen und warum dies so anstrengend sein kann. Ich persönlich finde das mit dem in die Augen sehen, bei einem Gespräch, nicht sehr hilfreich, um den andere zu verstehen, da sich Körpersprache doch zum Großteil außerhalb der Augen abspielt.

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    1. Denkmomente Autor

      Ich sehe in den Augen des anderen erst mal nichts, doch du fragst, was dabei so anstrengend ist. Es ist meine Detailwahrnehmung. Das heißt, ich sehe jeden beweglichen Gesichtszug des anderen, wenn er redet und nehme diese Bewegungen stärker wahr, als die Worte, die der andere ausspricht. Das lenkt mich derart ab, dass ich mich nicht mehr konzentrieren kann. Alles, was sich bewegt oder zusätzlich Geräusche macht, nimmt mir die Konzentration. Wenn ich wegschaue, kann ich mich besser konzentrieren. Dann fixiere ich meinen Blick und bin voll aufnahmefähig.

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  5. Horst

    Danke! Ich möchte noch eine Ebene tiefer. Fragst Du Dich bei so einem Blickkontakt auch was Dein Gegenüber sieht? Was könnte Dein Gegenüber in Deinem Gesicht lesen?
    Ich möchte gern herausfinden, was Dich an den Bewegungen und Geräuschen in dieser Situation ablenkt.

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    1. S.ina

      Hallo Horst. Ein Ding wäre zum Beispiel das ich zum Beispiel mir dann sehr viel Mühe gebe die Mimik des anderen zu entschlüsseln, was mir zu mindestens, sehr schwer fällt. Das sorgt dann für eine ziemliche Fixierung, auch auf das noch so kleinste Detail (öffnen und schließen der Pupille) und die Beeinflusst meine Wahrnehmung dann. Das sorgt dann auch häufig (leider) für ein blödes Komentar.

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    2. Denkmomente Autor

      Nein, ich denke nie darüber nach, was der andere sieht, weil es für ihn ja völlig normal ist, Menschen im Gespärch anzusehen. Ich denke später nur darüber nach, was der andere von mir denkt, wenn ich mich mal wieder komisch benommen und nur die Hälfte mitbekommen habe. Wenn ich allerdings mit autistischen Menschen rede, läuft das ganz anders ab. Wir schauen uns nur kurz an zwischendurch und konzentrieren uns mehr auf die Gesprächsinhalte. Small Talk läuft dabei so gut wie nie. Es geht immer um effiziente Themen.
      Du fragst, was mich ablenkt bei Gesprächen? Das ist meine Überwahrnehmung. Ich nehme viel mehr wahr als andere. Ich sehe mehr, höre mehr, rieche mehr und fühle mehr. Das kann sich ein NT kaum vorstellen. Wenn ich zum Beispiel ein Haus ansehe, dann sehe ich ganz viele Dinge gleichzeit, besonders die kleinen Details. Meine Blicke wandern das Haus in sekundenschnelle ab und holen sich alles, was es zu sehen gibt. Es ist wie eine Reizüberflutung. Genauso beim Reden. Wenn ich mich mit jemandem im Café unterhalte, höre ich gleichzeitig in gleicher Lautstärke alle anderen Menschen um mich herum reden. Ich kann das Gespräch meines Gegenüber kaum filtern. Deswegen gehe ich kaum raus und treffe Leute in der Öffentlichkeit. Es stresst mich einfach.

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  6. Horst

    Vielen Dank für die Kommentare. Erst dachte ich, die beiden Kommentare sind unterschiedlich, aber beide sprechen ja doch das Gleiche aus. Es ist die Flut an Informationen die überanstrengt.
    Und doch auch NT’s können diese Flut erleben: Wenn ich anfange zu fasten, stellt sich am Ende des ersten Tages das gleiche Phänomen ein mit dem Hören aller Gespräche im Umfeld. Beim ersten Mal natürlich erschreckend, aber mit dem Wissen, das am zweiten Fastentag wieder alles in Ordnung ist, vollkommen erträglich – ich kann ja beim Auftreten des Phänomens die gleichen Vermeidungsstrategien – wie auch von Euch vorgeschlagen – anwenden. Vielleicht solltet Ihr auch einmal ein paar Tage fasten – wäre gespannt, was dann eventuell so passiert 🙂

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