Das Tagebuch des „Wrong-Planet-Syndroms“

Immer wieder wird das „Wrong-Planet-Syndrom“ mit Autismus und/oder Asperger Syndrom zusammengebracht.
Schon als Jugendliche, als ich noch nichts von diesem Begriff und dieser Diagnose wusste, schrieb ich ununterbrochen den Satz „Ich bin nicht von dieser Welt“ in mein Tagebuch. Ich glaube, meine Niederschriften bestanden mehr aus Fragen, als aus Dokumentationen. Als ich mich erstmals mit dem Asperger Syndrom beschäftigte, kramte ich natürlich meine alten Tagebücher hervor und begann, darin zu lesen. Und tatsächlich, ich schrieb immer wieder auf, dass ich vieles nicht verstand oder am liebsten davongelaufen wäre, weil mir alles zu kompliziert, zu laut und zu schnell war. Ich fühlte mich ständig überfordert und zog mich mit Vorliebe in mein Zimmer zurück, wo ich ununterbrochen schreiben konnte und nicht gestört werden wollte. Meine Eltern empfanden das immer als sehr angenehm. Meine Mutter sagte: „Die Marion kann sich immer so schön allein beschäftigen.“

Ich erinnere mich: Schon als Kind und Jugendliche verspürte ich ein starkes Bedürfnis, mein Leben zu dokumentieren, als würde ich es verlieren, wenn ich es nicht niederschreiben würde. Ich wollte es irgendwie festhalten. Da waren zu viele Gedanken und Gefühle in dieser Zeit, die ich nicht speichern konnte. Das war mein Hauptmotiv für das Anlegen einer Tagebuch-Serie. Ich war immer von der Angst gefangen, ich könnte mein Leben vergessen. Oftmals erinnere ich mich nur durch Fotos an bestimmte Lebenssituationen. Schon als Kind fotografierte ich gerne und besah mir später in aller Ruhe die Fotos. Oftmals kann ich nur durch Fotos das Leben überhaupt spüren.
Doch zurück zum „Wrong-Planet-Syndrom“.

Ich fühlte mich früher nie an dem Platz, an dem ich lebte, wohl. Ist das kurios? Doch ich kam nie auf die Idee, es wäre der falsche Planet, auf dem ich lebte. Ich habe mir nie einen „Wunschplaneten“ in meinem Kopf gebastelt. Doch ich habe etwas anderes gebastelt: Schon von klein an war mein Wunsch, in einer Hütte in den Bergen zu wohnen, sehr stark ausgeprägt. Ich suchte immer die Einsamkeit, die Einfachheit und die Ruhe. Deswegen trieb ich mich oft in Wäldern herum. Das hat sich bis heute nicht geändert. Ich liebe die Natur, Tiere und Holz – wenig Besitztum und wenig Menschen um mich herum.
Wo auch immer ich wohnte, ich tapezierte Holztapete hinein und stellte mir auf diese Weise meine Welt ein wenig her. Holz gibt mir ein warmes und geschütztes Gefühl.

Über viele Jahrzehnte nahm ich mein Leben „in einem Zimmer gesperrt“ wahr. Ich fühlte mich isoliert und eingeschlossen, obwohl ich durch meine Kinder viel herausging und mit anderen Menschen redete. Doch meine Sehnsucht, zurück in mein Zimmer zu kommen, war unermesslich stark. Ich straffte jede Erledigung, um möglichst schnell in meinen „Bunker“ zurückzukehren. Das imaginäre Zimmer hatte ein Fenster aus Holz, das ich hin und wieder öffnete, wenn es mir gutging. Durch dieses Fenster sah ich in die Welt hinaus, die mir so fremd erschien. So stellt sich bei mir das „Wrong-Planet-Syndrom“ dar.

Viele Menschen behaupten immer, ich sei auf der Flucht. So mag es nach außen aussehen. Der Begriff „Flucht“ ist für mich negativ besetzt. Es stellt sich die Frage, vor was und vor wem ich flüchte? Und warum endete diese Flucht nie? Man warf mir vor, ich sei feige oder unfähig, der Realität ins Auge zu schauen. Ich bin weder feige noch blind vor der Realität. Ich habe viel mehr in meinem Leben gemeistert, als andere es je schaffen würden.
Meine Theorie ist eine andere: Ich befand mich schlichtweg auf der Suche.

Nach vielen Jahren hat sich die Suche ausgezahlt und ich habe mir Lebensbedingungen geschaffen, die ich brauche. Das war nötig und viel harte Arbeit. Der erste Schritt war, mich als den Menschen endlich anzunehmen, der ich wirklich bin und nicht der, den andere gerne in mir sehen würden. Meine Welt ist also kein fremder Planet, sondern nur eine Umgebung, die zu mir passt. Sie muss mir das Gefühl geben, in vollkommener Ruhe und Zurückgezogenheit leben zu können. So ungestört wie möglich. Dann kann ich auch genug Energie tanken, um mich hin und wieder unter die Leute zu begeben.

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen)
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7 Gedanken zu „Das Tagebuch des „Wrong-Planet-Syndroms“

  1. 2ndplanetleft

    Als Kind habe ich meine Eltern oft gefragt, ob sie mich im Wald gefunden haben und mich dann mitgenommen haben, damit sie mich großziehen können. Ich fühlte mich immer wie adoptiert.

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  2. tanea

    Auch ich habe das Glück gehabt einen Großteil meiner Zeit als Kind, als Jugendliche und sogar noch manchmal als Erwachsene, im Wald zu verbringen. Ich kletterte auf Bäume, baute Hütten oder saß einfach im Gras auf einer Lichtung. Ansonsten war auch ich gerne allein in meinem Zimmer um zu zeichnen, zu schreiben und um Musik zu hören. Ich bin nicht mal auf die Idee gekommen Kinder einzuladen. In meiner Familie fühlte ich mich weder sicher, noch wirklich dazugehörig oder verstanden. Das Wort Flucht ist für mich auch negativ besetzt. Einen Ort zu suchen, der zu einem passt ist, finde ich, legitim und menschlich. Wer sucht den nicht? Wir suchen den eben woanders. Meinen Wald habe ich leider verloren und von da an wurde es für mich umso wichtiger diesen Ort auch zu einem gewissen Teil in mir selbst zu finden. Und das hat, seit meiner Diagnose, einiges mit Selbstakzeptanz und Selbsterkenntnis zu tun. Dennoch ist ein ruhiger Ort, der meine Bedürfnisse erfüllt unerlässlich und so suche ich immer wieder neu danach. Zum Teil habe ich das umsetzen können. Umso mehr freue ich mich für Sie, dass Sie genau das geschafft haben.

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    1. S.ina

      Auch ich, lebe meine Kindheit so. Ich verlasse wenig das Haus, höchstens um alleine im Wald joggen zu gehen, und mein Zimmer ist meine Zuflucht. Seit ich meinen eigenen Computer und meinen eigenen Autismusblog (einlebenohnefilter.wordpress.com) habe, arbeite ich viel an ihm und das ist meine neue Art mich mitzuteilen, denn generell habe ich nicht besonders viel Kontakt zu anderen Menschen. Aber Flucht an sich bedeutet für mich nichts negatives, denn sie beendet meine Panik, meine Gestresstheit oder meine Wutanfälle und sorgt für mich selbst als Sicherheit vor und für andere Menschen in meinem Umfeld.

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    2. Dusseltier

      seit Weihnachten, nämlich als in der Familie meines Freundes der Verdacht geäussert wurde, er könne etwas vom Asperger betroffen sein, beschäftigt mich dieser Gedanke der anderen Wahrnehmung…bei mir wurde vor ca 12 Jahren ADHS diagnostiziert (ich ging zu einem Psychiater um mir die einschlägig bekannten Symptome mit einem „zweifelsohne!“ von ihm bestätigen zulassen). Nun kann ich vielen der Gedankengänger der betroffenen „Aspies“ aber nachvollziehen, ich weiß da gibts Überschneidungen und egal wo man sein „Anderssein“ einzuordnen versucht finde ich ganz wichtig, sich nicht in eine defizitäre Krankheitsschublade stecken zu lassen oder selbst nur noch durch diese Brille zu sehen. sich mit solchen Diagnosen zu beschäftigen sollte helfen sich und einander zu verstehen.
      Nun antworte ich ja auf diesen Blogeintrag weil ich mich auch von Kindheit an im Wald so wohl gefühlt hatte. Ich habe zu keinem Ort oder Familienmitglied ein Heimatgefühl, was ich immer darauf schob und es kann ja auch daran liegen, daß meine Familie hochproblematisch war (Vater Alkoholiker und durch eine schwere Persönlichkeitsstörung überhaupt nicht fähig angemessen eine Familie zu führen, ich war wirklich froh als die Eltern sich trennten und meine Mutter, eine einfache Frau, ist von diesem jahrelangen Martyrium verbittert, wir lebten sehr zurückgezogen und einfach, kein Austausch mit Entwicklungspotential, der Besuch des Gymnasiums hat wohl einiges gerettet, auch wenn ich und mein Bruder dort Aussenseiter waren) Also jedenfalls habe ich ein Heimatgefühl bei der Erinnerung an Momente in der Natur, interressanterweise wenn ich alleine oder mit ausgeführtem und später eigenem Hund unterwegs war. Ich durfte ja nicht alleine in den Wald, wo meine Mutter hinter jedem Baum einen Vegewaltiger vermutete und als ich dann mit 13 Jahren wirklich mal sexuell belästigt wurde (ich konnte Gott sei dank fliehen), habe ich das niemandem erzählt, weil ich das so unbedingt brauchte meine Streifzüge durch die Natur… habe mich auch schon einfach in ein Naturfreundehaus eingemietet für ein paar Tage, von wo aus ich Wanderungen unternehme, dabei geht es mir nicht ums Kilometerschrubben, sondern in der Natur zu ihren Jahreszeiten zu sein und mal fernab der Reize, die das Leben spannend, aber auch anstrengend machen (die vielen Dinge die zu erledigen sind, die Menschen, die ich mal wieder kontaktieren müsste, damit mir die Freundschaft nicht entgleitet, die vielen Bücher, die ich eh nicht schaffe zu lesen)
      ich fotografiere auch sehr gerne und lasse die Fotos auf Papier nachmachen um sie in Ordner zu heften und statt Familienmitglieder lächeln mich da Baumpilze und Käfer, Bäume, Blumen, Landschaften an. Ein kleiner Freundeskreis freut sich auch wenn ich ab und an mal eine Wanderung schön mit Einkehr oder Picknik plane, es sind auch alles Menschen die bisl aus der Norm fallen und ich freue mich sie um mich zu haben. Doch entspannen tut es mich nur, wenn ich alleine in der Natur bin, da kann ich wirklich ich selbst sein. Mit meinem Partner (der Begriff „Freund“ gefällt mir irgendwie nicht) sehe ich da Schnittstellen, ich hoffe wir werden auch die Zeit finden für gemeinsame Wanderungen, aber die Beschäftigung mit der Thematik hat mir jetzt auch geholfen zu verstehen, dass er das genauso brauch sich selbst zu sein um zu entspannen.Ich bin so froh, dass er nicht ganz normal ist und auch dass ich es nicht bin !

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