Ich hasse Streit!

Das Gefühl, das bei einem Streit in mir entsteht, ist unbeschreiblich schlimm! Meine Gefühle fahren auf das höchste Level und sorgen für totale Verwirrung.
Ich denke, ein großer Faktor ist zunächst die Tatsache, dass ich vieles lauter und stärker wahrnehme als andere und mein Gerechtigkeitssinn und meine Ansicht von Ethik/Moral extrem stark ausgeprägt sind. Bei mir gehen bei einem Streitgespräch innerlich sofort 1000 Sirenen an und ich erleide einen gewaltigen Adrenalinstoß. Des weiteren bin ich ein starrer Regeldenker und wenn meine innere Ordnung durcheinanderkommt, laufe ich gedanklich Amok. Das jagt mich in Wut und Aggression. Ein Overload kündigt sich innerhalb von Sekunden an.

Streit gehört für die Menschen dazu, um unterschiedliche Meinungen oder Missverständnisse zu klären, die entstanden sind. Die Klärung finde ich gut, den Streit nicht! Streit bedeutet für mich, in ein unüberschaubares soziales Interaktionsszenarium zu stürzen, dem ich nicht begegnen oder standhalten kann. Es geht um schnelle und gezielte Reaktionen und Argumente. Dabei versage ich auf ganzer Linie! Ich kann auf komplizierte Situationen einfach nicht spontan reagieren, oder wenn, dann verzettel ich mich noch mehr in Missverständnissen und Streit. Das kostet viel Energie. Es entstehen zwei Situationen für mich:

Ich werde hysterisch und blindwütig mit meinen Worten, oder ich gehe durch den Overload in den Rückzug und erleide eine Erstarrung. Das bedeutet stundenlang in einem abgedunkelten Zimmer im Bett zu liegen und zu warten, bis die innere Aggression vorbei ist. In mir entstehen gegen mich gerichtete Aggressionen, sogenannte Autoaggressionen, weil mein soziales Interaktions-Programm gestört ist und ich dadurch nicht angemessen reagieren kann. Dann äußere ich Dinge, die ich nicht äußern will.

Streit hat nichts mit einer anständigen Diskussion zu tun. Bei Streit geht es oft um Verletzung oder Rechthaberei. Beides meide ich tunlichst. Und doch gehe ich keinem Streit aus dem Weg, wenn man mich angreift. Dabei geht es mir nicht darum, andere zu verletzen, Missverständnisse aufzuklären oder meine rechtliche Position klarzumachen, sondern darum, den anderen darauf aufmerksam zu machen, dass er mich überfordert und mein Systemdenken durcheinandergebracht hat. Dass er zu viele Denkprozesse in mir anregt, die ich nicht in Gang bringen kann. Ich will ihn fernhalten, wogegen viele über Streit den Weg zur Lösung und zur weiteren Zusammenkunft suchen.
Ich streite sehr sehr ungern und bevorzuge, wenn es um Missverständnisse geht, das leise und beherrschte Argumentieren. Das hilft mir weiter. Es muss langsam vonstatten gehen, damit ich eine Chance habe zu reagieren. Laute Gespräche heizen mich an, falsch zu reagieren.

Ich weiß, dass sich Streit nicht verhindern lässt, weil es die Art ist, seinen Unmut oder seine andere Meinung kundzutun. Leider. Streit kann aber auch bei einigen Menschen zur Tagesordnung gehören, wenn sie ihren eigenen Unmut, ihre Verbitterung und ihren Groll an andere weitergeben wollen, um die eigene Aggression loszuwerden. Dann wird es besonders schlimm für mich, denn ich kann zunächst nicht unterscheiden, ob es sich um ein Missverständnis handelt oder um ein persönliches Gefühl, grundsätzlich jemanden anzugreifen. Mir fehlen die Empathie und Intuition dafür, es richtig zu deuten.

Streit führt meistens zu Verletzungen. Er kann auch durch Provokation entstehen. Ich hasse Provokationen, die meine Persönlichkeit und mein Denken und Handeln angreifen. Ich frage mich oft, warum viele Menschen anderen einen Vorwurf aus z.B. einem eigenen Geschmack machen. „Wie sieht die denn aus? Das Auto von dem ist ja hässlich! …“ All das interessiert mich überhaupt nicht. Doch der Vorwurf ist der erste Schritt zum Streit. Wenn ich die Farbe Rot mag, dann will ich damit nicht verurteilt werden. Ich verurteile auch niemanden, weil er einen anderen Geschmack hat.

In mir entstehen unsagbar schlimme Gefühle, wenn ich einem Streit nicht begegnen kann. Das kann so weit gehen, dass ich den betroffenen Menschen vollkommen von meinem Leben abschneide, weil ich nie wieder das gelassene Gefühl von früher herstellen kann. Viele nennen es „nachtragend“.  Das mag sein. Für mich heißt es „einsortieren“. Ich sortiere die Menschen, die mit mir streiten, in eine Schublade, die ich nur ungern noch mal öffne. Dafür benötige ich das Gefühl der des „Nachtragens“. Es soll mich daran erinnern, wie schlimm dieser Mensch meine Gefühle hochgejagt hat. Ich mache nicht gerne zweimal den gleichen Fehler.

Für mich ist es wichtig, meine innere Ordnung stets aufrecht zu erhalten, um mich einigermaßen stressfrei zu fühlen.

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen)
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12 Gedanken zu „Ich hasse Streit!

  1. Horst

    Hallo Marion!

    Wiedermal sehr interessant für mich das Thema, danke!

    Hier steht, vollkommen unerwartet für mich: „Es soll mich daran erinnern, wie schlimm dieser Mensch meine Gefühle hochgejagt hat“.
    Das kann „dieser Mensch“ doch gar nicht, dass kannst nur Du selber! Du bist für Deine Gefühle verantwortlich, nicht ein anderer. Noch schlimmer für den anderen, wenn dieser gar nichts von dem „Hochjagen“ mitbekommt und dann, vollkommen unerwartet für ihn, in einer Schublade landet in die er eventuell gar nicht gehört und nun vielleicht seine Strukturen vollkommen durcheinander kommen.

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    1. Denkmomente Autor

      Du hast recht, dass ein anderer manchmal gar nicht wahrnimmt, wie sehr er meine Gefühle hochjagt. In diesem Moment wird mir klar, dass dieser Jemand auch gar nicht zu mir passt, weil er meine Ebene des gegenseitigen Respekts nicht erkennt. In der Regel spreche ich Warnungen aus, aber ich schrieb über das Thema „Streit“, nicht „Gespräch“. Damit meinte ich laute und verletzende Worte, denen ich sowie sozial als auch vom gerechten Denken her nicht folgen kann. Streit ist für mich grundsätzlich eine Art Waffe, die bei einem respektvollem Umgang miteinander nichts zu suchen hat. Für mich kommt es einer Form von Krieg gleich. Der Mensch, der Streit mit mir sucht, ist grundsätzlich ein unangenehmer Mensch für mich. Für den einen kann Streit an der Tagesordnung sein, völlig unbedeutend oder nicht weiter wichtig, aber bei mir hinterlässt er immer einen bitteren Beigeschmack. Wenn bei mir Gefühle hochjagen und ich in einem hilflosen Dilemma lande, benötige ich Stunden, wenn nicht sogar Tage, um wieder in einen geregelten Tagesablauf zu finden. Ich bin deswegen sehr gerne allein und rede nur wenig. Das gibt mir einen tieferen inneren Frieden. Ich mag Menschen, die mit mir genussvoll schweigen können und mit denen ich mich verstehe, ohne lange zu reden.

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      1. Horst

        Danke für Deine Antwort.
        Für mich ist das wichtigste hierbei, dass niemand Deine Gefühle hochjagen kann außer Du selbst. Dies erkannt, hast Du gleich eine erfolgreiche Strategie der Vermeidung. Eine mögliche Folge wäre dann die Person zu meiden, oder versuchen herauszufinden, wie und warum die Person es schafft, dass Du Deine Gefühle veränderst (natürlich könnte die Veränderung ja auch positiv sein, also nicht hochjagen…) – hier könnte natürlich eine Lösung liegen, die Person zu meiden ist für mich nur Flucht vor Dir selbst, ist aber natürlich manchmal letztendlich einfach nötig…
        Alles leicht geschrieben und doch manchmal soo schwer es umzusetzten – auch in kleinen Dingen – aber doch sehr sinnvoll, weil Du hierbei wächst!

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  2. semilocon

    Ich reagiere auf Streits auch eher mit Zurückziehen. Allerdings sehe ich es auch nicht ein, mein Leben von den Gefühlen und Wünschen anderer Leute beeinflussen zu lassen. Wenn ich mich bei jedem Streit ständig mitreißen lasse, dann kontrollieren anderer Leute Probleme ja mein Leben. Dazu ist mir mein Leben zu gut. Das lasse ich dann gar nicht an mich ran, not my division. Dann sag ich auch mal „tja, ist wohl dein Problem“ oder „kannst das ja gerne so sehen, wenn du willst“. Ich musste auch erst lernen, dass andere Leute auch Moralvorstellungen haben, die von meinen abweichen und trotzdem genauso korrekt sein können (es gibt nicht die eine korrekte Moral für jeden). Eventuell kann dir gewaltfreie Kommunikation weiterhelfen, dazu gibt es auch Kurse, wie man so streiten kann, dass man nicht verletzend wird und produktiv kommunizieren kann. Aber bei Drama Queens, also Leuten, die nur Streit suchen, finde ich das auch durchaus richtig, die dann eben nicht mehr ins Leben zu lassen.

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  3. tanea

    Ich denke, ich habe eine Ahnung davon, was Du meinst und fühlst. Deinen Text kann ich so auch für mich unterschreiben. Disskussion ja, Streit nein. Gerade in der Partnerschaft, in der Streit zum Glück bei mir nur extrem selten vorkommt, kann mich Verhalten, das ich als ungerecht o. a. empfinde, auch schon sehr aus der Bahn werfen. Streit im Allgemeinen fühlt sich für mich wie ein endloser Fall an. Persönliche Angriffe, die mir draussen leider öfter passieren, weil Menschen nunmal Menschen sind, halte ich nur schwer bis garnicht aus, was zu Rückzug oder zu Aggression führen kann. Ich versuche von vornherein bestimmte Situationen zu vermeiden, in dem ich mich ihnen gar nicht erst aussetze. Das würde ich aber nicht Flucht nennen, sondern schlaues Handeln, damit es mir gut geht und ich mich nicht in gefährliche Situationen begebe. Letztendlich kommt das auch manchem Angreifer zugute. Ich möchte Dinge ausdiskutieren, viele möchten genau das nicht. Ich versuche an den Verstand zu appellieren, der aber oft nicht in großen Mengen vorhanden ist. Oft lohnt es sich also nicht, mit einem Kritiker oder sonstwie ausfallenden Menschen das Gespräch zu suchen.

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    1. Denkmomente Autor

      Vielen Dank, genau das meine ich. Es geht nicht darum, mich zu verändern oder etwas zu lernen, was ich sowieso nicht kann. Wenn ich es könnte, hätte ich es längts getan. Es geht darum, dass Gefühle bei einem Streit bei mir ungewollt und ungebremst, also auch nicht kontrollierbar, in die Höhe jagen und kaum stoppen. Ich flüchte dann auch nicht, sondern suche Schutz vor demjenigen. Genau, wie du es formulierst. 🙂 Danach überlege ich mir sehr gut, ob ich mit demjenigen noch in Kontakt bleiben will.

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  4. Aada

    Marion Schreiber schrieb, »[…]Das kann so weit gehen, dass ich den betroffenen Menschen vollkommen von meinem Leben abschneide, weil ich nie wieder das gelassene Gefühl von früher herstellen kann.[…]« // Das – so würde ich behaupten – ist bei mir auch so. Meist aber aus reinem Selbstschutz. Schlimme Gefühle oder ein Streit sind da nicht immer notwendig. Ich mache es auch inzwischen dann, wenn ich merke, dass mich diverse Menschen meiner Energie berauben wollen. Auf Dauer geht das nicht, wenn ich aufrecht bleiben möchte. Manchmal muss man da eben hart sein.

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  5. thaipimp

    Ich bin soeben auf diesen Block gestoßen. Ich kenne keine anderen Autisten ausser meinen Vater zu dem ich kaum Kontakt habe. Da der Post aus dem Jahre 2016 ist ist es fraglich ob ich eine Antwort erhalte. Mir liegt viel daran mich mit Leuten auszutauschen denen es ähnlich geht. Du bin 26 und habe endlich festgestellt, dass der Gedankenaustausch mit anderen und ein gewisses Feedback durch diese förderlich sein kann um meinen Alltag zu bewältigen.

    Ich stelle folgende Frage voran:

    Was tut ihr wenn ihr nicht versteht wie es zu dem Streit gekommen ist?

    Wenn ich mich mit meinem Freund Streite dann erscheint mir das alles sehr willkürlich. Ich weiss nicht was der Störfaktor war noch wo sich die Fehlerquelle befindet. Die Situationsabfolge entzieht sich meiner Logik. Dass mich diese Unwissenheit absolut manipulierbar macht ist eine bittere Erkenntnis. So hatte ich früher einen schlechten Bekannten, der mir stets suggerierte dass ich der Ursprung allen Übels bin. Ähnlich haben es auch meine Eltern gehalten, da sie nicht mit mir umzugehen wussten.

    Ich mache leidenschaftlich Kampfsport. Dem kämpfen gehört mein Herz, mein Leben. Ich verstehe diesen Sport. Und kann nicht ohne ihn. Für den Fall des Streits ist er aber alle andere als förderlich, da ich dazu neige alles kaputt zu schlagen. Das geht soweit, dass ich Autos in der Strasse kaputt schlage, Türen eintrete oder mich an einer Schlägerei auf der Strasse beteilige wenn das volle Chaos in Fahrt kommt. Inzwischen habe ich mir wegen den ganzen Problem die ich dadurch bekomme (Geldstrafen etc.) für einen anderen Weg entschlossen. Ich mache Ligestütze oder Kicks bei denen ich mich nur auf die Technik konzentrieren, also mit stark reduziertem Kraftaufwand.

    Aber egal was ich tue. Jeder Streit ist eine Katastrophe.

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    1. Denkmomente Autor

      Vielen Dank für deinen Kommentar!
      Die Sache mit dem Streit kennen wir als Betroffene von AS sehr gut. Ich denke, es liegt daran, dass wir eine andere Wahrnehmung vielen Dingen gegenüber haben. Zudem kennen wir es auch, dass man grundsätzlich uns die Schuld zuschiebt, weil wir uns mit der sozialen Interaktion im Nachteil befinden. Das heißt, wir können uns oft nicht spontan und schlagfertig äußern. Dann kann ich die eine oder andere körperlich Reaktion auch verstehen, wenn das Fass überläuft. Und dennoch habe ich sehr große Angst vor Gewalt und übe sie auch nicht aus, sondern ziehe mich eher deprimiert und wütend zurück. Ich finde es gut, dass du eine Alternative gefunden hast, nämlich Sport. Das ist geradezu genial.
      Wir Asperger haben eine sehr stark ausgeprägte Sicht für Gerechtigkeit. Kann es sein, dass das der Auslöser für Streit bei dir ist? Du findest viele Situationen ungerecht und weißt nicht, wie du damit umgehen sollst?
      Ich habe inzwischen gelernt, dass es kaum Gerechtigkeit auf dieser Welt gibt und ziehe mich immer mehr aus dieser Welt zurück. Je weniger Kontakt ich habe, je besser kann ich mit meiner Gerechtigkeit leben. Ich suche nur noch Kontakte, die genauso denken wie ich. Wie siehst du das? Viele Grüße

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