Wenn Überforderungen zu Depressionen führen

Ich möchte in diesem Blog nicht darüber schreiben oder diskutieren, ob das Thema doch jeden letztendlich betrifft, also Menschen mit Asperger Syndrom und NTs. Ich habe als Betroffene des Asperger Syndroms meine eigene Art von Depression kennengelernt, die sich von der normalen unterscheidet. Und damit meine ich, dass ich sie zunächst nicht einmal wahrgenommen habe…

Es gibt so vieles, das ich nicht rechtzeitig wahrnehme oder bemerke, oder zu spät bemerke, besonders, wenn es um meine Gefühle geht. Ich bin ein Mensch, der keine Grenzen in sich rechtzeitig bemerkt, sondern erst, wenn sich „der Karren bereits im Dreck“ befindet.
Durch meine Empfindung von alles oder nichts, schwarz oder weiß, nehme ich keine Grauzone wahr und damit auch keinen schleichenden Prozess in mir. Ich lasse den Motor solange laufen, bis der Sprit aufgebraucht ist. Und das ist fatal, denn dann geht oft gar nichts mehr!

Als vor nunmehr fünf Jahren mein „Fahrzeug“ plötzlich stand und ich den Motor nicht mehr angeworfen bekam, stand ich vor einem großen Rätsel, denn ich wusste nicht warum. Das Leben lief doch prächtig und niemand sah das Problem. Ich hatte das Bremsen und Auftanken vergessen, eines der wichtigsten Handlungen in meinem Leben. Vergesse ich das, übernimmt mein Körper die Reaktion.

Das große Problem bleibt immer wieder die Eigenwahrnehmung, die bei mir bedenklich schlecht funktioniert. Ich bin auf Menschen um mich herum angewiesen, dass sie für mich bremsen und mich auftanken lassen. Aber leider passiert das nur selten. Niemand stoppt mich. Immer wieder höre ich diese Sprüche: „Du musst wissen, wann du eine Grenze setzt.“ oder „Es liegt an dir, wenn du dich verausgabst.“ Solche und ähnliche Sprüche bekomme ich dann bei einem Zusammenbruch zu hören und kann nichts damit anfangen, denn genau diese Fähigkeiten fehlen mir. Eine „Mitschuld“ tragen meine Probleme bei der sozialen Interaktion. Ich kann mich nicht angemessen mitteilen, wenn es mir schlecht geht. Ich lächele immer. Immer! Solange ich eben kann. Ich kann die Grenze von „stop“ und „go“ nicht erkennen, bzw. wahrnehmen. Erst wenn der Körper „stop“ signalisiert, nehme ich wahr, dass ich mal wieder meine Grenze überschritten habe.

Das Thema „Medikamente“, also „Antidepressiva“ ist dann ein großes Thema, weil viele tatsächlich eine neue Starthilfe benötigen, um wieder in Schwung zu kommen. Doch bei mir zeigte sich die Depression ganz anders, weswegen ich nie zu Tabletten griff. Ich begann an Schlaflosigkeit und Erschöpfung zu leiden. Zunächst völlig unbekannte Zustände. Erst eine Psychologin wies mich darauf hin, dass ich inmitten einer Depression steckte. Mein Erstaunen war groß, denn ich verband eine Depression mit Stimmungen wie Lebensunlust bis hin zu Suizidgedanken. Eine solche Verstimmung hatte ich einmal vor acht Jahren verspürt, als ich in vielen Dingen sehr sehr überfordert war. Doch dieser Zustand zeigte sich erst nach der Schlaflosigkeit.

Die Sache mit dem Schlaf wurde für mich ein Signal, dass etwas nicht stimmt mit meiner Wahrnehmung. Dass ich mal wieder das Bremsen vergessen hatte. Bremsen heißt, sich mit den Dingen auseinanderzusetzen, die einen belasten und diesbezüglich schnellstmöglich eine Veränderung herbeizuführen. Leider sind an solche Entscheidungen oft finanzielle Konsequenzen gebunden, denn nicht selten ist es die Arbeitsstelle, die eine große Belastung ausübt, oder die Verpflichtungen in der eigenen Familie. In diesem Fall ist der Partner eines Aspergers auf jeden Fall mit gefordert, eine Veränderung herbeizuführen und Unterstützung zu leisten. Und ich spreche aus eigener Erfahrung. Wenn mein Mann mich in meinen Entscheidungen, eine grundsätzliche Veränderung herbeizuführen, nicht unterstützt hätte, hätte ich wahrscheinlich nicht aus meinem Zusammenbruch herausgefunden oder hätte mich schlimmstenfalls von ihm trennen müssen.

Es war immer eines meiner großen Ziele im Leben, genau das zu schaffen, was alle anderen um mich herum schaffen. Heute betrachte ich vieles rückblickend und stelle fest, dass ich dadurch weit mehr schaffte, als alle anderen. Ich hätte mir so sehr einen Menschen gewünscht, der mich mal festgehalten und „stop“ gesagt hätte. Mir fehlt der Blick und die Wahrnehmung dafür. Deswegen bin ich in diesen Sachen auf andere angewiesen.
Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen
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2 Gedanken zu „Wenn Überforderungen zu Depressionen führen

  1. Diana

    Es ist etwas beruhigend zu lesen, dass es jemanden genauso ergeht wie mir, auch ich kann meine Grenzen nicht spüren bzw. auch erst dann wenn es zu spät ist, wenn der Körper kurz vor der Aufgabe ist oder die Depression so stark wird, dass man fast eine Dummheit begannen hätte. Diese gestörte Körperwahrnehmung betrifft leider sehr viele Bereiche und nicht nur den „seelischen Bereich“.
    Ich habe eine Freundin, welche zu mir sagt “ da ich nicht selber auf mich aufpassen kann, macht Sie es“ gut es klappt nicht immer (sie ist ja nicht immer in meiner Nähe) aber Sie erinnert mich doch an einiges was ich nicht merke oder nicht beachte, für den Rest habe ich zur Zeit professionelle Hilfe.
    Man sieht es halt nicht wenn es mir nicht gut geht und ich merke es nicht, so dass fast alle immer denken ich mache das schon und kann und tu alles, dies stimmt aber nicht, es wäre schön, wenn beachtet würde, dass auch wir Individuen sind und nicht unbegrenzt belastbar sind, auch wenn wir meistens so aussehen und so verhalten als ob uns nicht überfordern könnte.
    Es ist nicht lustig die eigenen Grenzen nicht zu spüren, sondern kann gefährlich werden, vor allem wenn man auch noch sehr schmerzunempfindlich ist und dadurch viele gesundheitlichen Probleme nicht rechtzeitig mitbekommen kann.
    Wir können uns die Beachtung der Grenzen bzw. die Erkennung der Warnsignale nur antrainieren, das selber spüren ist nicht möglich, auch wenn das viele nicht verstehen, wie denn auch.

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