Ein sensorisches Integrationsproblem – Gerüche (Hypersensitivität)

Was meinen Geruchssinn betrifft bin ich sehr sehr empfindlich. Ich nehme unendlich viele Gerüche wahr. Jederzeit, egal, wo ich bin. Das nennt man eine Hypersensitivität und ist häufig im Zusammenhang mit dem Asperger Syndrom zu finden. Gerüche wirken auf mich intensiv und einnehmend.

Ich rieche jeden Menschen, der an mir vorbeigeht, ob er gerade geduscht hat oder seine Kleidung mit einem bestimmten Weichspüler gewaschen ist. Ob er alten Schweiß trägt, parfümiert ist oder was er gerade zu Hause gekocht hat. Ich stehe an der Kasse eines Supermarktes und bemerkte sofort, wenn sich jemand über längere Zeit nicht gewaschen oder seine Wohnung nicht gelüftet hat. Ich rieche ungewaschene Haare und Düfte von Menschen, die sich gerade an dem Platz befunden haben, wo ich jetzt stehe. Ich rieche Raucher aus anderen Fahrzeugen, die hinter oder vor mir im Verkehr stehen, obwohl ich keine Lüftung laufen habe. Ich rieche in meinem Haus, was meine Nachbarn in der Wohnsiedlung gerade kochen oder ob jemand auf der Terrasse raucht, ohne ein Fenster oder eine Tür geöffnet zu haben. In der Bücherei rieche ich Bücher, die von Rauchern ausgeliehen wurden. Ich rieche schon von weitem, wenn Aldi mal wieder extrem chemisch verseuchte Sportschuhe im Angebot hat. Ich rieche Menschen aus der Masse, die Schampoos mit Fruchtdüften benutzen. Ich rieche Menschen, die regelmäßig Alkohol zu sich nehmen und das Abgas eines Wagens, der vor einigen Minuten die Straße passierte. Im Bus rieche ich sofort, wenn jemand Knoblauch gegessen hat oder alte Kleidung trägt, die lange nicht gewaschen wurde.
Es kann passieren, dass ich kurz die Luft anhalte, wenn ein Jogger an mir vorbeirennt, weil ich ihn nicht riechen will.
Es kann auch passieren, dass ich bestimmte Menschen nicht mehr besuche, weil sie Duftkerzen benutzen oder die Wohnung zu wenig lüften.

Im Grunde sind das alles Gerüche, die jeder irgendwie wahrnimmt, doch ich nehme sie bewusst jederzeit wahr, eher oder bevor andere es tun. Allzu oft frage ich: „Riechst du das auch?“ und mein Gegenüber schüttelt den Kopf. Auf mich strömt also neben den anderen Sinneseindrücken, eine Masse von Gerüchen ein, die meinen Kopf zusätzlich beschäftigen.

Es sind Gerüche, an die ich mich irgendwie gewöhnt habe. Sie nehmen einen großen Teil meiner Aufmerksamkeit ein, wenn ich mich draußen bewege. Das bedeutet, zusätzliche Arbeit für mein Gehirn. Schlimm wird es, wenn es sich um für mich wirklich ekelhafte Gerüche handelt, die auf andere überhaupt nicht ekelhaft wirken. Das können süße Parfüms sein oder Gänseschmalz in der Pfanne. Fruchtschampoo in meinem Haar oder ein süß duftender Weichspüler. Ich denke, dass jeder Gerüche kennt, die er nicht mag, aber bei mir lösen bestimmte Gerüche direkt Brechreiz aus.
Deswegen meide ich Menschenansammlungen wo immer ich kann und Pflegemittel, die stark parfümiert sind.

Im Gegenzug mag ich jeden Geruch, den die Natur hergibt. Ich rieche Felder, Regen, das Meer und Wälder. Ich rieche jede Blume am Wegesrand, ja, ich mag z. B. den Geruch von Bauernhöfen, wo andere die Nase rümpfen. Ich mag den Geruch von frischem Holz oder altes Holz in englischen Kirchen, woraus die Bänke gebaut wurden. Ich mag den Geruch von Leder und Schafswolle. Lagerfeuer und brennende Kerzen. Das sind Gerüche, die mich zutiefst beruhigen.

Es gibt aber auch die Hyposensitivität. Manche Menschen im Autismus-Spektrum haben praktische keinen Geruchsinn und nehmen selbst extreme Gerüche einfach nicht wahr. Das kann den eigenen Körpergeruch einschließen.

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen)
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4 Gedanken zu „Ein sensorisches Integrationsproblem – Gerüche (Hypersensitivität)

  1. Pingback: Quickshot: Stimme und Stimmungen | yowriterblog

  2. 2ndplanetleft

    Bei mir kommt eher die Frage: „hörst du das auch?“, da bei mir das Gehör am sensibelsten ist. Aber Gerüche nehme ich auch sehr gut wahr. Gerade im Sommer, wenn ich oft die Balkontür auf habe, habe ich das Gefühl alle Düfte (grillen, rasenschnitt, Zigarettenrauch…) der Nachbarschaft strömen in meine Wohnung.

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    Antwort
    1. Denkmomente Autor

      Vielen Dank für deinen Beitrag! Das Thema „Hören“ ist mir auch sehr bekannt. Ich habe mal einen Blog über „Misophonie-Hass auf Geräusche“ geschrieben und einen über „Geräusche in der Natur“, wo ich das Thema von der anderen, nämlich beruhigen Seite, aufgreifen. Aber ich werde das Thema bestimmt auch noch aufgreifen, denn Geräusche sind sehr einnehmend und können stark belasten. Ich gebe dir mal den Link zu meinen Blogs, wenn du Interesse hast, sie zu lesen. Viele Grüße! 🙂
      http://www.marionschreiner.com/denkmomente/meine-blogs/

      Gefällt 1 Person

      Antwort
      1. 2ndplanetleft

        Gerne würde ich die beiden Blogs lesen. Ich gehe gerne im Wald spazieren und genieße die Geräuschkulisse aus Vogelgezwitscher, Blätterrauschen, Wasser … Auch die frische klare Luft im Wald tut mir immer sehr gut und beruhigt mich.

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