Vom Wollen und nicht Können…

Ich habe mein Dasein immer schon mehr als Kampf anstatt als Leben empfunden. Ich habe immer noch das Gefühl, mir alles erkämpfen zu müssen. Vielleicht liegt es daran, dass bei mir kaum etwas intuitiv oder instinktiv passiert. Bei fast jeder Situation muss ich überlegen, ob ich sie kenne oder ob ich ihr gewachsen bin. Das fühlt sich oft an, als würden Engel und Teufel zugleich in mir wüten. Der Engel sagt: „Ich will das gerne“, aber der Teufel ruft: „Du kannst es aber nicht“. Was genau meine ich damit?

Bei dem Diagnosegespräch wurde ich gefragt, ob ich gerne mit anderen Menschen zusammen sein möchte und ich antwortete „ja“. Dabei ist das Wort „möchte“ in der Frage richtig zu deuten. Die Ärztin schrieb auf, dass ich gerne mit anderen Menschen zusammen bin. Falsch! Eines von den Fehlern, die gerne bei Diagnosegesprächen gemacht werden, denn ich „möchte“ wirklich viel in dieser Gesellschaft, aber ich kann es nicht. Dabei gehe ich mal näher auf das Wort „gerne“ ein.

Mir fehlt jede Beziehung zu dem Wort „gerne“, wenn es um gesellschaftliche Verpflichtungen oder Events geht. Ich mache nichts „gerne“, sobald ich in die Welt von mir fremden Situationen muss oder auf fremde Menschen stoße. In mir bildet sich Stunden, manchmal Tage, vorher ein Widerstand, der nur schwer auszuhalten ist. Es kippt meinen ganzen Alltag, weil ich nur gegen diesen Widerstand ankämpfe, es nicht zu können. Das fühlt sich wie ein Arztbesuch an, vor dem man Angst hat. Warum ist das so bei mir?

Ich mache so viele Dinge gerne! Wirklich! Ich schreibe gerne, ich lese gerne, ich wandere gerne, ich höre gerne Musik, ja, ich spiele sogar gerne auf meiner Gitarre. Aber… und das ist der Knackpunkt… bei mir stellt sich dieses Gefühl nur dann ein, wenn ich alleine bin. Kaum einer wird mich mit der Gitarre erleben, es sei denn, es galt früher dem Zweck, in Kindergruppen durch meinen Beruf als Erzieherin, Musik mit den Kinder zu machen. Oder wenn ich gezielt mit anderen Musikerfreunden spielte, was so gut wie gar nicht mehr stattfindet. Lesen und Schreiben kann ich gar nicht in Gegenwart anderer. Ist ein No-Go, weil sich meine Aufmerksamkeit immer direkt auf die Geräusche lenkt, die um mich herum sind. Dann verliere ich sofort den Faden.

Doch was will ich so gerne und kann es nicht?
-Ich will gerne unbeschwert auf fremde Menschen zugehen können, ohne Angst zu haben, dass ich etwas falsch mache oder falsch verstehe, kann es aber nicht.
– Ich will so gerne unbeschwert mit Freunden zusammensitzen, ohne meine Persönlichkeit zu verbiegen, kann es aber nicht.
– Ich will so gerne mit Freunden entspannt wandern gehen, kann es aber nicht.
– Ich will so gerne bei Musikveranstaltungen unbeschwert die Musik hören, kann es aber nicht.
– Ich will so gerne Termine mit Freunden machen, ohne mir ständig darüber Gedanken zu machen, ob ich mich auch angemessen verhalte, kann es aber nicht.
– Ich will so gerne nicht immer das unangenehme Gefühl des Widerstands in mir spüren, wenn ich Termine habe, kann es aber nicht.
– Ich will so gerne nicht immer das Gefühl in mir haben, immer und ständig um alles kämpfen oder bekämpfen zu müssen, kann es aber nicht.
– Ich will so gerne ehrlich meine Gefühle mitteilen, kann es aber nicht.

Die Liste könnte endlos fortgeführt werden. In mir findet einfach keine Besserung statt. Ist es das Ergebnis von vielen misslungenen Versuchen in all den Jahren? Ja, ich habe jahrzehntelang mit dem Spruch gelebt „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“. Aber er zieht bei mir nicht. Doch, er zieht schon irgendwie… er zieht mich runter. Immer wieder!

Nach über 50 Jahren habe ich beschlossen, mein Leben von Grund auf zu ändern. Wenn sich die Kämpfe in mir nicht einstellen, muss ich ihnen den Schauplatz nehmen, das heißt, ich muss einfach akzeptieren lernen, dass dieser Widerstand, etwas zu wollen und nicht zu können, ein fester Bestandteil meiner Persönlichkeit ist. Deswegen passe ich mich nicht mehr der Gesellschaft an, sondern ich passe die Gesellschaft an mich an. Dazu gehört die richtige Umgebung zum Leben und die Menschen und Veranstaltungen, die ich mit so wenig Widerstand wie möglich aushalten kann. Doch ganz wird der Widerstand nie verschwinden, aber ich bekomme ihn seitdem besser in den Griff und das Gefühl von Kampf ist erheblich weniger geworden, so dass mir mehr Energie bleibt, Gutes für mich zu tun.

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen)
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2 Gedanken zu „Vom Wollen und nicht Können…

  1. Wolfgang Baumann

    Hallo Marion,

    auch als NT kann ich das mit dem „gerne wollen, aber nicht können“ sehr gut nachvollziehen. Ok, jetzt nicht erfahrungsgemäß, sondern rein rational über den Verstand. Eine Methode, die Asperger ja auch oft anwenden. Sie „lernen“ das NT-Verhalten wie eine Fremdsprache. Leider bemühen sich umgekehrt die wenigsten NTs, einfach auch mal was über die Denkweise der Asperger zu lernen. Vielleicht auch, weil sie dann feststellen könnten, dass sie doch nicht immer so clever sind, wie sie denken? Und sich selbst auch oft was vormachen? Und eben keineswegs nur deshalb „erfolgreich“ im Leben sind, weil sie ein besonders gut angepasstes „Schaf in der Herde“ sind?

    Also ich finde: Asperger sollten gar nicht erst versuchen, auch so ein Schaf zu sein, weil sie das im Grunde gar nicht wollen. Ich verstehe schon, dass es sehr schwer zu ertragen ist, ständig das Gefühl zu haben, ein bisschen „anders“ zu sein. Aber vielleicht resultiert dieses Gefühl vor allem aus dem Bedürfnis, immer unbedingt „dazu gehören“ zu wollen? Also eben ein gut angepasstes Schaf zu sein? Du hast ja nun auch festgestellt, dass so ein Verhalten auf Dauer einfach zu stressig ist, weil du ständig das Gefühl hast, eher zu „überleben“, statt zu leben, eben ständig nur zu kämpfen. Und deshalb den, wie ich finde, völlig richtigen Schluss gezogen, konsequent auf diese Art Kampf weitgehend zu verzichten, so gut es eben geht.

    Klar wird das nicht immer klappen, aber zumindest im privaten Bereich kann man da schon was machen, finde ich. Und das fängt schon bei der Auswahl der Freunde an. Wenn man hier das Gefühl hat, wie du es ja sagst, dass man beim „Zusammensein mit Freunden“ immer auch seine eigene Persönlichkeit „verbiegen“ muss, kann man schon die Frage stellen: sind das dann überhaupt echte Freunde? Also ich finde, zu echter Freundschaft gehört volles Vertrauen und das entsteht nur, wenn man den anderen so annimmt, wie er oder sie nun mal ist. Ohne irgendwas in Frage zu stellen . Oder sogar zu glauben, man müsse da jetzt als Normalo unbedingt was „richtig“ stellen und mal erklären, wie so ein richtig gut angepasstes Schaf jetzt gefälligst zu denken und zu handeln hat. Wenn das zu sehr nervt, ist es vielleicht manchmal besser, den Kontakt zu diesen sogenannten Freunden auf ein Minimum zu reduzieren und sich nur auf die Leute zu beschränken, mit denen man wirklich gut auskommt. Bei denen man eben nicht das Gefühl hat, sich immer verbiegen zu müssen.

    Ich bin übrigens schon seit vielen Jahren mit einer Aspergerin befreundet, ein paar Jährchen jünger als ich, Ende 30, allerdings nur per Brieffreundschaft. Sie ist auch Mutter und etwa seit 15 Jahren verheiratet. Persönlich getroffen haben wir uns nur einige Male so vor zehn Jahren, weil wir damals kurz beruflich zusammen in Kontakt waren und uns auch mal privat verabredet haben, aber danach den Kontakt verloren, als unsere Wege auch beruflich auseinander gingen. Aber einige Jahre später haben wir uns durch Zufall per Email im Netz wieder gefunden. Ein Kontakt, den wir seitdem regelmäßig so ein-bis zweimal im Monat aufrecht erhalten, wobei es anfangs so einige Missverständnisse gab, weil ich wie schon damals bei unseren ersten persönlichen Treffen nicht im geringsten wusste, mit wem ich es zu tun habe.

    Heute weiß ich es und bin mir da absolut sicher, auch wenn sie selbst es nie direkt zugegeben hatte, sondern nur des öfteren schrieb, dass sie eben nicht so´n typischer Normalo sei und ihre Ehrlichkeit, Gerechtigkeitsliebe und auch so einige Marotten oft falsch verstanden würden. Das verstand auch ich anfangs oft falsch, weil ich auch vieles direkt auf mich bezog und persönlich nahm, ich dachte, sie mache mir da latente Vorwürfe, was sie in Wirklichkeit niemals so gemeint hatte, ich habe es einfach nur völlig falsch verstanden. Mir kam das auch anfangs oft wie ein Flirt vor, aber das lag wohl auch daran, dass ich anfangs noch nicht wusste, dass sie verheiratet ist. Oder genauer: ich glaubte, dass sie lügt, als sie gleich sagte, sie sei verheiratet. Weil ich überhaupt nicht kapierte (nicht kapieren wollte?), dass sie einfach nur die Wahrheit sagte. Und es überhaupt nicht als Flirt auffasste, sondern einfach nur als Tatsache, wenn sie sagte, das sie mich und meine Art einfach mag, mich aber trotzdem nicht weiter treffen wollte, weil sie eben ab und zu auch mal „etwas launisch“ sei (das waren ihre Worte damals) und das wolle sie mir nicht zumuten. Womöglich hatte sie damals auch schon die Diagnose, weiß ich nicht genau. Naja, echt verdammt lang her;-)

    Aber ich habe über die Jahre gelernt, da einfach mal genauer hin zu hören (bzw. zu lesen) und merkte dann nach einiger Zeit durch viel Eigenrecherche und Lesen von wissenschaftlicher Fachliteratur (natürlich auch Tony Attwood oder Dr. Christine Preißmann), mit wem ich es zu tun hatte. Und woran unsere anfänglichen Kommunikationsmissverständnisse lagen: an meiner, wie man so sagt, „doppelbödigen“ Kommunikation, also immer mit viel Ironie und neckischen Anspielungen. Was sie nicht verstanden hat, weil es einfach nicht so „ihr Ding“ ist, sie will klare Aussagen und keine ironischen Verdrehungen. Auf die Eigenrecherche bin ich übrigens gekommen, als ich mal im Fernsehen eine schwedische Krimiserie mit einer leicht autistischen Kommissarin gesehen hatte und da kam mir so vieles bekannt vor. Natürlich war das rein fiktiv, aber eben mit einer Hauptdarstellerin, die sehr glaubwürdig das Asperger-Syndrom darstellte und dafür auch glänzende Kritiken bekam. Erst danach hab ich mich weiter informiert und nun weiß und verstehe ich halt so einiges mehr.

    Übrigens auch durch lesen in diversen Aspie-Blogs wie in diesem hier. Das sollten wohl auch viele Psychologen und Psychiater mal öfter machen, dann würde sowas wie in dem von dir geschilderten ärztlichen Diagnosegespräch auch nicht passieren: also aus deiner Aussage: Ich „möchte“ gerne mit anderen Menschen zusammen sein, sogleich schlussfolgern: Ich „bin“ gerne mit anderen Menschen zusammen. Im Journalismus würde man sowas wohl schlampige Recherche nennen, aus der eine ungenau formulierte Wiedergabe von eigentlich ganz klaren Aussagen folgt. So entstehen immer wieder unnötige kommunikative Missverständnisse. Also ich finde: Man könnte da schon sehr viel im Verhältnis zwischen Asperger- und NT-Welt verbessern, wenn diverse sogenannte Fachleute hier einfach sorgfältiger arbeiten würden!

    Also weiterhin viel Erfolg bei der Umgestaltung deines Lebens, so wie es deiner Persönlichkeit entspricht. Du bist da schon auf dem richtigen Weg finde ich.

    Beste Grüße von

    Wolfgang

    Gefällt 1 Person

    Antwort
    1. Denkmomente Autor

      Hallo, lieber Wolfgang, ich finde deinen Beitrag tatsächlich erst nach fast unglaublichen 1 1/2 Jahren! In der Regel wird mir per Email immer angezeigt, wenn jemand antwortet, doch in deinem Fall ist das nicht geschehen.
      Vielen lieben Dank für diese Worte! Und vielen Dank, dass du diese Sicht der Dinge vertrittst. Ich kann dem nichts mehr hinzufügen und freue mich einfach nur, wieder einmal einen verständnisvollen Menschen erreicht zu haben. LG, Marion

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