Sich gegenseitig reparieren

Für mich steckt in diesen drei Worten unglaublich viel Energie! Ich las sie und bekam sofort eine Vorstellung davon, was damit gemeint ist.

Da laufe ich Jahrzehnte lang mit einer Baustelle in mir herum und weiß nicht, wie ich sie repariert bekomme. Und sie wird immer größer, je mehr ich zu reparieren versuche. Ich versuche andere Menschen zu finden, die mich verstehen, aber ich finde sie nicht. Also bastel ich wieder an mir herum und lasse nichts unversucht, um bloß nicht aufzufallen. Ich merke, dass niemand ähnliche Baustellen hat und beginne, regelmäßig eine große Plane über meine zu legen, damit nicht noch mehr hineinregnet, was sie vergrößert.

Es ist sehr sehr schwer mit Baustellen zu leben, die man nicht beseitigt bekommt. Vor allen Dingen, wenn immer neue hinzukommen.
Ich denke an eine Szene einer Dokumentation, in der übergewichtige Menschen zum Abnehmen trainiert werden sollen. Kaum haben sie ein paar Kilos runter, zieht man ihnen einen Rucksack an, in dem Steine liegen, die das alte Gewicht wieder ersetzen sollen. Nur damit derjenige spürt, wie viel er vorher mit sich herumgetragen hat.

Nun, bei mir kam es erst gar nicht zu einer „Gewichtsabnahme“, nein, ich hatte immer das Gefühl, man würde täglich neue Steine in meinen Rucksack stecken. Und dann der Zusammenbruch! Er war Fluch und Segen zugleich. Zuerst spürte ich nur den Fluch, der mich trieb, endlich diesen Rucksack loszuwerden. Doch ich fand niemanden, der ihn mir abnehmen konnte. Bis zu dem Tag, als ich eine Anleitung las, wie ich ihn loswerden könnte. Das war mein Segen. Als ich zum ersten Mal ein Buch über das Asperger Syndrom las, fand ich eine Gebrauchsanleitung, um meine Baustellen zu reparieren, obwohl, reparieren das falsche Wort ist, denn ich lernte, dass ich gar keine Baustellen besaß, sondern meine Welt einfach nur anders gestaltet war! Ja, alles ist in meiner Welt anders! Ich sehe Farben viel leuchtender, höre Geräusche viel stärker, rieche alles stärker, nehme Menschen anders wahr und verstehe oft nicht deren Anliegen, eben weil ich vieles im Kopf anders verarbeite. Eine Endlosliste, die sich bei mir plötzlich als eine neue DNA zeigte.

Das Buch bewies, dass es noch mehr von mir geben musste und tatsächlich, als ich auf die Suche ging und diese Blogs zu schreiben begann, zeigten sie sich. Immer mehr Menschen meldeten sich bei mir und es begann, sich eine wundersame Entwicklung in Gang zu setzen. Wir begannen uns gegenseitig zu reparieren, indem wir uns austauschten. Schon allein das Wissen, dass viele unter den gleichen Baustellen litten, ließ sie bei mir plötzlich verschwinden. Es waren keine Baustellen mehr, sondern alles zeigte sich bei mir plötzlich als eine wunderschöne Landschaft voller Stärken und Fähigkeiten, die viele Menschen nicht haben. Und ich begann stolz auf mich zu sein und ging noch einen Schritt weiter. Ich eröffnete eine Gruppe in Facebook, sozusagen als öffentlichen Treffpunkt von Menschen, die ebenfalls unter Baustellen litten. Wir begannen uns Hilfe und Stütze zu geben und bildeten gemeinsam eine Plattform, uns auszutauschen.

Heute kann ich sagen, dass jeder Einzelne, den ich kennengelernt habe, eine wunderschöne Landschaft für mich ist, wo es einfach nichts zu reparieren gibt…

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen)
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4 Gedanken zu „Sich gegenseitig reparieren

  1. Horst

    Möchtest Du die Landschaften nicht noch ein wenig erweitern?
    Autistische Menschen könnten auch viel an NTs „reparieren“ (und hier ist nicht integrieren, heilen, oder verbiegen gemeint, sondern lernen!), genauso wie auch umgekehrt.
    Dazu gehört natürlich das eigene Erkennen, wie auch die Erkenntnis: „Es gibt noch andere“, aber auch ein offener Umgang, was dann hoffentlich zur Anerkennung aller führt.

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    1. Denkmomente Autor

      Das wäre wünschenswert… ich begegne oft so vielen tollen Menschen, doch nach einer gewissen Zeit zeigt sich immer wieder, dass diese „sogenannten Freundschaften“ nicht lange halten, weil sie mich zu sehr verbiegen. Und wenn ich die Anpassung weiter verweigere, zerbrechen dieses Freundschaften, weil sie dann von mir plötzlich enttäuscht sind.

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    2. S.ina

      Ich habe nie viele Freunde gehabt. Bis ich eines Tages eine Autistin kennengelernt habe und wir uns sehr schnell sehr gut verstanden haben. Das alles ist passiert bevor ich meine Diagnose hatte. Als ich später darüber nachgedacht habe, ist mir klar geworden: Jeder Autist, ist wie jeder andere Mensch, Individuell aber die kleinen Gemeinsamkeiten, die unter ihnen bestehen (mehr als mit Normalos) machen Freundschaften einfacher. Gemeinsamkeiten schweißen zusammen. Aber jeder Normalo sollte sich auch als Ziel stecken, so viele anderstartigkeiten wie möglich kennenzulernen und sie zu verstehen zu versuchen, genau wie wir Autisten immer mit Normalos zu tun haben sollten, um immer mehr ihrer Interaktionen zu verstehen.
      LG S.ina
      Falls dich Autismus aus der Sicht einer Teenagerin interresiert schau doch mal auf meinem Blog einlebenohnefilter.wordpress.com vorbei. Ich würde mich freuen

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