Das künstliche Lächeln

Das Lachen und Lächeln, also meine Gesichtsmimik, leben in einer ganz eigenen Welt.
Als Kind dachte ich immer, man müsste sich die Bewegungen im Gesicht selbst beibringen. Ich stellte mir vor, wie meine Mutter oder Oma als Kind, genau wie ich, vor dem Spiegel gesessen und das Lächeln geübt haben. Ganz bewusst bewegte ich meine Gesichtsmuskeln, um festzustellen, welcher Muskel welche Mimik hervorruft. Dabei handelt es sich meist um die Muskulatur um den Mund herum. Nur sie zeigt auf den ersten Blick die Stimmung. Die Augen bleiben dabei starr. Ich nahm als Jugendliche mal ein Bild von mir zur Hand, auf dem ich lächelte und hielt mit einer Hand den Bereich um den Mund herum zu und stellte voller Entsetzen fest, dass meine Augen völlig emotionslos waren. Ich bekam sie nur bewegt, wenn ich sie andeutungsweise zusammenkniff, wobei ich mich an die sogenannten „Krähenfüße“ bei älteren Menschen erinnerte, oder wenn ich wirklich aus vollem Herzen lachen musste. Doch das war eher selten. Das bedeutet nicht, dass ich wenig lachte, nein, ich lachte nur nicht dann, wenn andere es von mir erwarteten.

Schon früh stellte ich fest, dass die Menschen an mir herumnörgelten, wenn ich nicht zu ihren Witzen oder Kommentaren lachte oder wenigstens lächelte. Ich galt als launisch und wurde oft gerügt, doch ich konnte als Kind einfach nicht verstehen, wann etwas lustig war und wann nicht, weil ich eine völlig andere Wahrnehmung dieser Dinge habe. Und genauso passierte es oft, dass ich lachte oder lächelte, wenn es nicht angebracht war. Also begann ich, die Menschen um mich herum immer bewusster zu beobachten und lernte, schnellstens ihre Mimik zu kopieren, um nicht aufzufallen. Doch, wie gesagt, es funktionierte nur in der unteren Gesichtshälfte.

Wie schaffe ich es heute, unauffällig und angemessen meine Mimik anzuwenden?

Es ist immer noch schwierig, weil ich oft in verunsicherten Momenten grinsen muss und nicht weiß, wie ich Verlegenheit zeigen soll. Also lächele ich, um dem anderen keinen Anlass für eine Nachfrage zu geben. Natürlich habe ich im Laufe der Zeit viel spontane Mimik erlernt, aber wirklich echt ist mein Gesichtsausdruck nur, wenn meine Gefühle dazu auch stimmen. Und das ist eher selten.

Ich lasse mich ungern fotografieren und habe große Probleme, in eine Kamera auf Kommando zu lachen. Schaue ich ernst, sehe ich wie eine Krähe aus.  Ja, ich empfinde meinen ernsten Gesichtsausdruck als abstoßend und hässlich, dabei mögen viele Menschen, wenn ich ernst schaue, denn ich habe mir eine Art Dauergrinsen angewöhnt.
Ich erkenne dabei meine Anderswahrnehmung. Es erscheint mir, wie die Wahrnehmung eines magersüchtigen Menschen, der sich ständig zu dick fühlt, wenn er sich im Spiegel betrachtet.

Ist mein künstliches Lächeln nur eine Art Schutzfunktion? Eine Angst davor, in soziale Gespräche eingebunden zu werden, denen ich nur mit großer Mühe begegnen kann?
Ja!
Wenn ich lächle, soll es signalisieren, dass bei mir alles in Ordnung ist. Ich antworte auch ständig auf die Frage „Wie geht es dir“ mit „gut“. Das schützt mich, nichts erklären zu müssen.

Warum sehen manche Fotos von mir wirklich gelungen und echt aus, wenn ich lächle? Ich habe mir angewöhnt, an etwas besonders Schönes zu denken, wenn es wichtige Aufnahmen sind. Besonders wenn es Fotos für die Öffentlichkeit sind. Es gibt ganz besondere Momente in meinem Leben, an die ich mich mit viel Glück erinnere. Sie wirken wie ein „tool“ (Werkzeug) auf mich, das ich benutze, um meine Mimik passend einzusetzen. Doch wer hinter meine Fassade schauen kann, wird erkennen, dass ich immer wieder der gegenwärtigen Welt entweiche. Ich kaschiere, spiele den anderen etwas vor. Die einzigen natürlichen Bilder von mir entstehen in der Natur. Wenn ich draußen herumwandere, bin ich ganz bei mir. Dann ist auch mein Lächeln oder Lachen echt.

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen)
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Ein Gedanke zu „Das künstliche Lächeln

  1. S.ina

    Es ist ein wenig als würdest du über mich schreiben! Vor allem dieser ewige Gedanke „Sieht mein Lächeln echt aus?“. Ich kenne ihn seit ich eine kleines Mädchen bin. Ich habe mir alle Gesichtsausdrücke vor dem Spiegel selbst beigebracht und sie kommen mir sehr oft sehr falsch vor.
    Ich bin nicht besonders fotogen, und gestellte Fotos sehen bei mir meist sehr merkwürdig aus, wogegen spontan gemachte Bilder meist sehr nett aussehen.

    Gefällt 1 Person

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