Wie viel Erfolgspotenzial steckt in der Eigendiagnose?

Es ist immer wieder erschreckend und niederschmetternd, wie viele Menschen mit Verdacht auf Asperger Syndrom von den Ärzten abgewiesen oder fehldiagnostiziert werden. Davon schrieb ich bereits einige Male. Doch heute beschäftigt mich etwas anderes:
die Eigendiagnose.

Kein Betroffener nimmt den Aufwand auf sich, Monate oder über ein Jahr auf ein erstes Gespräch mit einem Facharzt zu warten, um sich eine „Fehldiagnose“ abzuholen! Nein, diese Menschen leiden große emotionale Not und brauchen dringend eine Antwort auf all ihre Fragen. Die meisten haben sich bereits schon Monate oder Jahre zuvor mit den Anzeichen vom Asperger Syndrom beschäftigt, um auch ganz sicher zu sein.
Liegt darin schon der Misserfolg?
Was ist es, was den Patienten die Sicherheit nimmt und sie wieder nach einem erfolglosen Gespräch deprimiert heim gehen lässt?

Immer wieder kommen Fragen auf, dass sich bestimmte Ärzte einfach nicht in ihr Handwerk fuschen lassen wollen, indem der Patient vielleicht schon mehr weiß, als er selbst…
Ist das so?

Immer wieder kommen Fragen auf, ob es nicht unser Krankenkassensystem ist, dass verhindert möchte, dass zu viele Betroffene in das Netz von Hilfeleistungen fallen können…
Ist das so?

Immer wieder kommen Fragen auf, ob sich überlastete Diagnosekliniken einfach nur vor zu viel Zulauf schützen wollen, weil ihre Kapazitäten nicht ausreichen…
Ist das so?

Nun, ich kann und werde mich dazu nicht äußern, weil wir leider in einem System stecken, das mich immer wieder zum Verlierer werden lässt, dabei weiß ich mehr über mich selbst als jeder andere. Ich will an dieser Stelle aber eine andere Frage stellen:

Warum nutzen Ärzte nicht einfach das Wissen von Patienten für eine erfolgreiche Zusammenarbeit? Ich meine, was gibt es denn besseres, als wenn jemand bereits „vorgearbeitet“ hat und Ergebnisse liefern kann. Ein großer Teil der Arbeit wäre erledigt und das Ergebnis wäre in kürzester Zeit vorhanden.

Ich als Aspergerin bin ein Mensch der Lösungen. Das bedeutet, dass ich immer an Lösungen arbeite und mich erst zufrieden gebe, wenn ich sie erreicht habe. Das erklärt meinen Perfektionismus. Wenn ich die Lösung nicht erreiche, wende ich mich ab, weil mir jede weitere Zeitinvestition sinnlos erscheint.
Doch was passiert bei Diagnosen, wenn man die Lösung hat und der Zuständige, der die Lösung umsetzen kann, sich weigert?

Was tun Ärzte den von Asperger Syndrom betroffenen Menschen an, wenn sie sie wegschicken, nur weil auf den ersten Blick ein Diagnosekriterium nicht in ihr System passt? Wo bleibt der zweite und dritte Blick? Wo bleibt die Sorgfalt und der Eid eines Arztes, den er einst abgegeben hat?

Genau dieses System ist das wahre kranke System. Es gibt so viele gute Ärzte in unserem Land, die ihre Arbeit machen möchten. Ich glaube, dass viele von ihnen einfach nicht dem System entweichen können oder überfordert sind. Die Menschen richten sich gegenseitig zu Grunde. Vielen Betroffenen bleibt nur die Eigendiagnose, die von der Gesellschaft nicht anerkannt wird. Dabei ist diese Diagnose der Schlüssel für ein erfolgreiches Arbeiten im Bereich der Autismus-Diagnostik.

Ich las einen „witzigen“ Satz einer Ärztin, die Asperger diagnostiziert:
Sie hätten nicht kommen dürfen, als Sie schon alles wussten. Sie hätten kommen sollen, als Sie noch nichts von alledem wussten. Dann wäre eine Diagnose objektiv und eher möglich gewesen. Jetzt weiß ich nicht mehr, ob Sie vielleicht nur so tun als ob…

Vielleicht versagt mein logisches Denken… ich weiß es nicht…, aber ich verstehe den Satz irgendwie nicht! Ich soll zum Arzt gehen, ehe ich weiß, ob etwas anliegt?
Warum gibt es dann nicht eine „Asperger-Vorsorge“ für alle?
Ich brauche jetzt einen Kaffee…

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen)
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10 Gedanken zu „Wie viel Erfolgspotenzial steckt in der Eigendiagnose?

  1. Forscher

    Danke für den wichtigen Beitrag! Ich möchte noch hinzufügen, dass es gewissermaßen auch ein Asperger-Symptom ist, sich (autodidaktisch) enormes Wissen anzuhäufen, sehr viel Zeitaufwand zu betreiben, um Diagnosen zu verstehen, die Ursachen zu finden und beispielsweise seitenlange Listen mit Symptomen zu erstellen, die einem an einem selbst auffallen. Listen, Autodidaktik, hoher Zeitaufwand sind TYPISCH, wenn auch nur EIN Puzzlestein, aber doch häufig bei Asperger.

    Man kann also auch davon ausgehen, dass derjenige „seine Hausaufgaben“ gemacht hat, wenn er derart vorbereitet bei der Diagnose erscheint. Asperger-Autisten arbeiten in der Regel (!) gewissenhaft und sehr genau. Bestenfalls wissen sie von Überlappungen Bescheid. Es ist auch nicht so, dass es unendlich verschiedene Möglichkeiten gibt, was es sonst noch sein kann. Und wenn man sich beispielsweise in einem Blogtext wie vielen von deinen sehr wiedererkennt, dann sind zumindest autistische Züge vorhanden.

    Für mich entscheidend ist dann immer auch die Frage, was dem Betroffenen hilft. Das kann durchaus ähnlich trotz verschiedener Diagnosen sein. Sowohl einem ADHSler als auch einem Asperger hilft eine reizarme Umgebung. Vielleicht aus verschiedenem Grund, aber das ist eher akademischer Natur. Beide profitieren auch von klaren Strukturen und Abläufen. Da gibt es unzählige Beispiele. Die Angst davor, dass jemand von Hilfestellungen profitiert, obwohl er eine andere Diagnose oder Fehldiagnose hat, kann ich persönlich nicht nachvollziehen. Das betrifft höchstens eine geringe, in der Öffentlichkeit kaum wahrnehmbare Minderheit.

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    1. Denkmomente Autor

      Vielen Dank für deine ergänzenden Worte! Ja, es ist etwas dran an der Aussage, dass er ein Asperger Symptom bereits ist, gut vorbereitet ein Diagnosegespräch anzustreben. Schon das alleine solle Ärzte aufmerksam werden lassen… Danke! 🙂

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  2. MaRa

    Hallo,
    ich bin auf diese Blogseite gestoßen, weil auch ich gerade mittendrin stecke im Suchen…Verstehen…Revue passieren lassen…Listen schreiben pro / contra…bin ichs oder bilde ich es mir nur ein usw.
    Bei mir ist es so, dass mein ältester Sohn letztes Jahr die Diagnose bekommen hat, und er mir von vieren schon immer das liebste Kind war und ist, eben weil er mir so ähnlich ist und ich mich in seiner Gegenwart am allerwohlsten fühle, ich kann und und konnte seine Probleme so gut verstehen und nachvollziehen, weil in meiner Kindheit und Jugend fast die selben
    Sachen passiert sind. Das ich evtl selbst betroffen sein könnte, auf die Idee bin ich erst gekommen seit ich mich mit dem Thema beschäftige. Laut Internettest gehöre ich auch zu diesen besonderen Menschen, aber aus Angst als Idiot oder was auch immer, als Mutter die auch gern dazugehören möchte abgestempelt zu werden traue ich mich an einen Arzttermin nicht so recht ran. Wahrscheinlich ist es wirklich so, das mich jetzt eh keiner mehr ernst nimmt weil ich viel zu belesen bin zu dieser Thematik. Und ich frage mich, brauche ich eine Diagnose überhaupt es ändert doch nix, oder ???

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    1. Denkmomente Autor

      Hallo, ich finde eine Diagnose wichtig, wenn sie dir Sicherheit gibt und dein Leben dadurch besser macht. Viele leben ohne Diagnose und kommen gut damit klar. Für mich war die Diagnose wichtig, weil ich nie wusste, was wirklich mit mir los war. Die Bestätigung durch einen Facharzt hat mich stabiler gemacht und meinem Leben eine neue Richtung gegeben. Viele Grüße!

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    2. S.ina

      Hallo. Ich bin jetzt 16 Jahre alt und habe mit der Pubertät eigentlich schon genug zu tun Und seit einem knappen halben Jahr bin ich nun auch diagnostizierte Asperger-Autistin und bin ziemlich erleichtet um die Erklärung meiner Anderstartigkeit. Als Tipp: Eine große Hilfe war mir zum Beispiel das Buch „Schattenspringer- Wie es ist anders zu sein“ von Daniela Schreiter. Damit habe ich mich verglichen und sowohl meine Unterschiede als auch meine Gemeinsamkeiten zu ihr festgestellt

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  3. Marion

    Erstmal danke für den interessanten Blog.
    Ich würde wahrscheinlich auch eine Asperger Diagnose bekommen.
    Zur Zeit promoviere ich zu dem Thema Differetialdiagnostik bei ASS und komme zu dem Fazit, daß unsere Wahrnehmung unsere Art, wie wir von anderen wahrgenommen werden, immens beeinflussen kann. Das Problem, dass ich an der ASS Diagnostik (ich habe selbst ein einschlägiges Studium mit div.Weiterbildungen zu dem Thema ASS Diagnostik) sehe, ist Folgendes :
    Sie wird völlig subjektiv und bar jeglicher Nachweisbarkeit von neurotypische Personen gestellt. Und ja, es ist eine Modediagnose. Oft wird sie bei Kindern gestellt, die eigentlich ganz andere Schwierigkeiten, die man leicht beheben könnte, haben. Aber dafür müssten die Ärzte ein viel fundierteress Wissen haben….Und mehr den Blick auf das Individuum lenken. Ich verzichte also gerne. Trotzdem finde ich mich hier wieder. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass unserer Gehirne ähnlich funktionieren und somit auch unsere Wahrnehmung und dass, hier schließt sich der Kreis, wir deswegen auch von außen als „seltsam“ befunden werden. So what? Ich möchte meine Zeit trotzdem nicht damit verschwenden, darum zu betteln, mich pathologisieren lassen zu dürfen. Jeder Mensch hat ein Recht darauf, ein Individuum mit individuellen Bedürfnisse zu sein. Das ist nicht krank, bedarf keiner Diagnose. Vielmehr sehe ich so einen Austausch wie er hier auf dem Blog stattfindet, als hilfreich an. Auf die Neurodiversität!
    Liebe Grüße, ich freue mich auf den nächsten Beitrag,
    ebenfalls Marion

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    1. Denkmomente Autor

      Vielen Dank für deinen Beitrag. Ich denke mal, man sollte nicht unterschätzen, wie wichtig manchen Menschen eine Diagnose ist, weil sie einfach wissen wollen, was mit ihnen los ist. Leider ist nicht jeder in der Lage, so gelassen damit umzugehen, sondern hat schon Jahre der Depression, der Zweifel und der Erkrankungen hinter sich, weil er nicht weiß, warum er alles so anders wahrnimmt. Eine gute Diagnose befreit diese Menschen von ihren Ängsten. Inwieweit Fehldiagnosen gestellt werden oder sogenannte Modediagnosen stattfinden, weiß ich nicht. Ich weiß nur dass jeder, der betroffen ist, oft ein großes Leiden hinter sich hat und keineswegs eine Modediagnose möchte, sondern Hilfe. Eine Diagnose ist dann hilfreich.

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      1. Marion

        Ja, dieser Aspekt ist sicher auch wichtig. Ich wünsche jedem erstmal, dass er sich gut, besser, am besten fühlt und wenn eine ASS Diagnose ein Weg dahin ist, ist das gut. Nur mir war es wichtig auch die von mir genannten Aspekte dazu zu stellen.

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