Als Asperger Autistin hochempathisch – ist das möglich?

Ist es nicht weit verbreitet, dass Menschen mit Autismus Probleme mit der Empathie haben? Dass sie kaum oder keine Empathie entwickeln können? Es ist eines der ersten Kriterien bei einer Diagnose: Mangel an Empathie. Das ist auch der Grund, an dem eine Diagnose, meist bei Frauen, direkt zu Beginn scheitert.

Was genau ist Empathie?
Laut Duden ist Empathie die Bereitschaft und Fähigkeit, sich in die Einstellungen anderer Menschen einzufühlen.
Dabei stoße ich auf das Wort „einzufühlen“.
Ich kann mich sehr wohl in andere Menschen einfühlen, sonst könnte ich doch gar nicht unter ihnen existieren. Warum sollte ich nicht verstehen, dass ein Mensch, der eilig an mir vorbeirauscht und mich anrempelt, vielleicht ein Problem mit einem Termin hat. Oder ein Kind, das weinend auf dem Schulhof steht, gerade traurig ist oder sich verletzt hat. Ich habe doch auch Momente der Eile und Traurigkeit. Dementsprechend sehe ich keine Probleme mit der Fähigkeit zur Empathie.

Aber was ist mit dem Begriff „Bereitschaft“? Jetzt wird es schon brenzliger.
Man hat mir gesagt, dass ich hochempathisch sei und deswegen in autistischer Hinsicht nicht auf den ersten Blick einzusortieren sei. Passt das überhaupt? Und wenn ja, wie?

Da ich ein Mensch des „Schwarz-Weiß-Denkens“ bin, gibt es bei mir nur totale Ignoranz oder totale Sorge. Ich muss zugeben, wenn ich meinen Schalter auf „totale Ignoranz“ lege, geht es mir besser. Doch leider legt sich mein Schalter oft in die andere Richtung. Um immer wieder meinem Wunsch nach Anpassung nachzukommen, legte sich mein Schalter immer schon in die diese Richtung. Ich begann mich ab meinem 20. Lebensjahr, dem Beginn meiner Anpassungsphase, ganz auf die Bedürfnisse und Sorgen meiner Mitmenschen einzustellen, um nicht aufzufallen. Ich wollte es ihnen in jeder Hinsicht Recht machen und zeigen, wie „sehr ich dazugehörte“. Mein Maß an Empathie überstieg bei weitem das Maß des Normalen. Das ist typisch bei mir. Ich fand und finde bis heute keine Grenze. Ich wurde hochempathisch und schaltete meine eigenen Probleme vollkommen weg. So war also nicht nur meine Fähigkeit zur Empathie, sondern auch meine Bereitschaft zur Empathie vorhanden.

Und jetzt beleuchte ich das ganze mal näher und begegne einer erschreckenden Wahrheit!
Ich frage mich, ob meine Besorgnis wirklich bei allen Menschen echt war? Nein, meine Empathie war meist vorgegaukelt und nicht von wahrer Natur.
Bei diesem Gedanken stoße ich auf mein System- und Regeldenken. Für mich gibt es nur richtig oder falsch. Es existiert nicht „ein bisschen“. Für mich stellt sich immer die Frage, ob es einem Menschen gut oder schlecht gehen muss. Schon als Kind ordnete ich diese zwei Begriffe den Gefühlen der Menschen zu, weil in mir nur diese zwei Gefühle existieren. Mein System gibt mir vor, dass es Menschen gut gehen muss, weil es das einzige Gefühl ist, das ich aushalten kann und bei dem ich nicht krank werde. Ist doch logisch!
Schon früh hielt ich es für richtig, dass ich Menschen, denen es schlecht ging, helfen musste, damit sie nicht krank wurden. Ein Beispiel: Wenn meine Mutter abends von der Arbeit nach Hause kam und müde war, ordnete ich ihr ein „schlechtes Gefühl“ zu. Sie lachte nicht und zeigte keine Anzeichen von Fröhlichkeit. Ich dachte nicht daran, dass sie schlich erschöpft war, nein, ich überlegte nur, was ich tun konnte, damit sie sich freute und es ihr wieder gutging. Ich wollte doch nicht, dass sie auf Dauer krank wurde und begann, ihre Wäsche tagsüber zu bügeln, und siehe da, es funktionierte. Sie freute sich abends und ich nahm wahr, dass ich nur etwas für diesen Menschen machen musste, damit mein System wieder stimmt. Und so zog sich die Schraube hoch. Ich wendete das System bei vielen anderen Menschen um mich herum an. Mir kam nie der Gedanke, dass schlechte Gefühle einfach zum Leben dazugehören.

Heute frage ich mich, ob auf diesem Wege Empathie bei mir entstanden ist. Es begründet sich im Regel- und Systemdenken.
Doch wenn ich jetzt einen Schritt weiter gehe und darüber nachdenke, was passiert, wenn mein System scheitert, d.h. wenn der Mensch trotz meiner Hilfe nicht fröhlich oder glücklich wird, stoße ich an meine wahre Empathielosigkeit, denn dann passiert etwas für NTs vielleicht Unvorstellbares. Ich kann diese Reaktion nicht hinnehmen, sondern trenne mich von diesen Menschen. Ja, wenn mir ein Mensch immer wieder unglücklich erscheint oder seine Probleme wiederholt schildert und ich ihm mit meiner Hilfe nicht helfen kann, ich aber auch feststelle, dass er sich selbst nicht helfen will, dann kommt mein wahrer Mangel an Empathie ans Tageslicht. Mich interessieren keine Menschen, die nur Jammern und Leiden ohne es ändern zu wollen. Ich kann für diese Menschen nichts empfinden. Sie fallen aus meinem System und sind nicht mehr vorhanden.
Und genau das ist der Knackpunkt, an dem ich keine Fähigkeit und Bereitschaft zur Empathie besitze. Ich kann in diesem Fall weder Mitleid, Trauer noch Schmerz für den anderen empfinden.

Es existieren jedoch einige Ausnahmen.

Kinder.
Kinder können aus meiner Sicht oft nicht ihr Leid aus eigener Kraft ändern. Dazu sind Eltern oder entsprechende Betreuer zuständig. Deswegen fällt mein Zorn auf sie, wenn Kinder leiden. Das ist wohl auch der Grund, weshalb ich mich diesem Thema immer wieder in meinen Büchern widme und viele Jahre als Erzieherin mit großem Engagement mit Kindern gearbeitet habe. Ich reagierte immer auf auffällige Kinder.

Unverschuldete Kranke oder Hilflose.
Bei ihnen kann ich erkennen, dass sie aus eigener Kraft ihre Situation nicht ändern können und zeige viel Mitleid und Verständnis.

Tiere und Natur.
Auch dabei steht oft die Schuldlosigkeit im Vordergrund. Wenn der Mensch ihnen etwas antut, können sie sich meist nicht wehren oder etwas ändern. Ich zeige Mitleid und Verständnis, kann sogar bei einem Baum, der wunderschön ist und gefällt werden soll, weinen. Oder wenn ich ein leidendes Tier sehe, es mitnehmen und pflegen.

Das alles ist eng verwoben mit meinem Gerechtigkeitsdenken. Und ich bin ein Mensch der immer nach Lösungen sucht.

So nahe können Hochempathie und Mangel an Empathie bei mir zusammenliegen. Schwarz und weiß. Es sind die Regeln meines Denkens und nicht die meines Fühlens, die  es bestimmen.

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen)
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6 Gedanken zu „Als Asperger Autistin hochempathisch – ist das möglich?

  1. Denkmomente Autor

    Es ist mir auch nicht alles bewusst gewesen, denn ich glaubte immer, dass ich ausreichend oder sogar zuviel Empathie besitze. Doch wo andere eine Empathie entwickeln, nämlich dann wenn ich es nicht mehr kann, machte mir erst bewusst, dass genau dort mein Mangel in Erscheinung tritt.

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  2. Horst

    Eine andere Sichtweise:

    „Laut Duden ist Empathie die Bereitschaft und Fähigkeit, sich in die Einstellungen anderer Menschen einzufühlen“

    Auch ich möchte die Hauptbegriffe dieser Aussage betrachten: Bereitschaft, Fähigkeit, Einstellungen und einfühlen.

    Ein Beispiel:

    Montag morgens auf der Arbeit. Ich betrete den Arbeitsplatz, der Kollege ist schon am Arbeiten. Beim Öffnen der Tür, in nur einer 1/1000 Sekunde, erkenne ich: Mit dem stimmt heute was nicht.

    Hier tauchen für mich nun schon 2 der Begriffe auf: Fähigkeit und Einstellungen. Fähigkeit: In der 1/1000 Sekunde habe ich etwas wahrgenommen. Einstellungen: Mit ihm stimmt was nicht – hier ist noch ganz egal was mit ihm nicht stimmt!

    Ich gehe weiter zu meinem Arbeitsplatz und fange an zu arbeiten. Nun taucht der Begriff Bereitschaft auf. Ich habe mich nicht weiter um meinen Kollegen gekümmert – es fehlt die Bereitschaft weiter auf den Kollegen einzugehen. Ein anderes klassisches Beispiel für „Bereitschaft“ wäre der Unfall auf der Autobahn: Wie viele sehen den ganz frischen Unfall mit Verletzten, doch viele halten nicht an! Es werden sich schon andere kümmern…, ich habe keine Zeit…, will mir das Grauen nicht ansehen…, möchte mich nicht beschmutzen… – keine Bereitschaft zum Helfen… 😦

    Fehlt noch „einfühlen“. Dazu brauche ich die Bereitschaft. Ich muss bereit sein meiner Fähigkeit (ich habe schon erkannt mit dem Kollegen stimmt etwas nicht) weiter zu folgen. Im Beispiel ändert sich etwas: Ich gehe nicht sofort an meinen Arbeitsplatz und fange nicht direkt an zu arbeiten, sondern frage meinen Kollegen ob alles in Ordnung ist. Er erzählt mir vom dem am Wochenende gestorbenen Haustier und ist deswegen sehr traurig. Das kenne ich gut, ich wohne mit 15 Tieren zusammen und kenne das Kommen und Gehen nur zu gut. Ich kann mich in seine Situation „einfühlen“.

    Jetzt folgen noch Ableitungen des Einfühlens: Ich erzähle Ihm z. B. von meinem Umgang mit solchen Situationen oder versuche anders Trost zu spenden. Ganz wichtig: Dies sind aber bereits Ableitungen der Empathie!

    Empathie hat für mich etwas mit non-verbaler Kommunikation zu tun, ein sehr weites und sehr unterschätztes Gebiet. Hier erkenne ich einen Bezug zum „Autismus“. Auch NTs rufen hier Schemata ab, dies läuft aber häufig unterbewusst ab, steuert aber viele der folgenden Aktionen. Im Beispiel oben wäre dies dann vielleicht „autistisch“ so gelaufen: Beim Betreten des Arbeitsplatzes wurden Tränen an den Augen des Kollegen bemerkt, dann ist das Gespräch vom Freitag wieder in die Erinnerung gekommen, dass sein Haustier krank sei – eine logische Folge könnte sein: Der Kollege ist traurig wegen des Tieres. Die folgenden Aktionen können wieder gleich sein. Der Unterschied: NTs nehmen unterbewusst sehr leicht weit mehr und vielleicht auch weit schneller non-verbale Elemente auf – sind sich dessen in den meisten Fällen aber gar nicht bewusst! Aber wie schon geschrieben, dies sind eben aber auch nur Schemata und natürlich kann so etwas auch trainiert und verfeinert werden… was könnte die fahle Hautfarbe bedeuten, warum kratzt er sich gerade am Kopf, warum schaut er mich nicht an… und tausend andere Wahrnehmungen…

    Mangel an Empathie ist etwas das ich mit Besorgnis betrachte, da dieser Mangel, für mich, zunimmt. In unserer Gesellschaft rücken häufig nur die eigenen Interessen in den Vordergrund – hat also erstmal nichts mit dem Klischee zu tun, autistische Menschen haben keine Empathie. Neben der fehlenden Bereitschaft geht hier auch die Fähigkeit verloren. Die meisten Tiere sind uns schon weit überlegen. Wie erstaunlich ist es doch, dass der Hund ganz ohne Worte erkennen kann, dass sein Besitzer heute Trost braucht. Oder das Pferd schon nur beim Annähern eines Menschen eine drohende Gefahr erkennt und flüchtet. Empathie ist (war) also lebenswichtig! Etwas was beim Menschen heute aber in den Hintergrund getreten ist – sehr schade!

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    1. Denkmomente Autor

      Vielen Dank für diese anschaulichen Beschreibungen. So einiges kann auch Instinkt oder Intuition sein. Aber ich muss zugeben, wenn ich morgens in einen Betrieb käme, würde ich nicht auf Anhieb erkennen oder spüren, wenn etwas mit meinem Kollegen nicht stimmt. Erst klare Mitteilungen oder klare Gesichtsausdrücke würden mich zu einer empathischen Reaktion veranlassen. Doch wenn ich empathisch reagiere, dass ist es meist zu stark… Ich versuche dann immer die ganze Welt des anderen zu retten…

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  3. Mary

    Sehr eindrücklich, wie du das beschrieben hast, es hat mich an Erlebnisse aus meiner Kindheit erinnert. Allerdings habe ich mir als Kind immer gewünscht, wie ein Roboter keine Gefühle zu empfinden, weil ich sie nur schwer ertragen konnte.
    Aber wie Horst schon in seinem „Unfall-Beispiel“ angesprochen hat, habe ich meine Zweifel, ob Empathie nach Duden-Definition bei NTs zu einem ausgeprägten Merkmal gehört. Würde die Welt dann eben nicht ganz anders aussehen?
    Auf der anderen Seite lebe ich, weiblich, Autist, vegan, sowohl aus logischen als auch aus empathischen Gründen, und schaffe es nicht einmal, ein Insekt zu töten. Also, was läuft hier falsch?

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