Wenn alles durcheinanderkommt!

Mein Denken liegt einem riesen System zugrunde und das wichtigste für mich ist, dass das System „aufgeräumt“ bleibt. Das bedeutet, jede Information und jede Wahrnehmung sortiere ich sofort bewusst in ein Fach meines Systems ein. Nur so komme ich gedanklich zur Ruhe. Ich führe also eine große Buchhaltung. Menschen ohne Autismus machen das unbewusst, also automatisch, doch bei mir läuft fast alles im klaren Bewusstsein ab. Jedes Detail ist schwere Handarbeit, dorthin zu tragen, wo es hingehört. Es löst in mir ständig zusätzliche Denkprozesse zu all den anderen aus. Ich besitze also keine Direktleitung zu meinen Fächern, sondern muss Umwege gehen, um alles einzusortieren.

Anstrengend wird es, wenn mir Dinge passieren, die nicht sofort in mein System passen. Dass können Menschen, Begegnungen oder Situationen sein, aber auch Kunst, Lieder oder einfach nur ein Geräusch/Gerüche. Menschen ohne Autismus nehmen viele Dinge einfach hin, ohne weiter darüber nachzudenken. Sie besitzen eine gewisse Gelassenheit oder Ignoranz solchen Dingen gegenüber, die ich nicht besitze. Bei mir herrscht Ordnung! Auf ganzer Linie! Es darf in meinem Leben nichts geben, was ich nicht einsortieren kann. Und wenn das der Fall ist, setzt es solange einen Denkprozess in mir in Gang, bis ich es einsortiert habe.
Ich will es an einem Beispiel verdeutlichen:

Ich kann eine Person, die schon seit langer Zeit zu meinem Freundeskreis aufgrund immer gleichen Verhaltens einsortieren. Doch eines Tages begegnet mir dieser Mensch plötzlich völlig anders. Mir begegnet eine unerwartete Reaktion, die ich nicht verstehe. Sie fällt also aus meinem System. Anstatt nachzufragen, beginne ich darüber nachzudenken, was passiert sein könnte, dass diese Person plötzlich so anders zu mir ist. Jeder normale Mensch würde jetzt sagen: Dann frag doch nach. Das kann ich irgendwie nicht und führe es auf meine mangelnde Fähigkeit zur sozialen Interaktion zurück. Ich habe Angst, dass es eine weitere Reaktion in Gang setzt, die ich auch nicht einsortiert bekomme. Dann fühle ich mich wie ein Hund, der auch nicht antworten kann.
Stresst mich eine Situation zu lange, beende ich sie wutentbrannt. Ich flüchte aus der Freundschaft oder Situation heraus und vermeide tunlichst alles weitere damit.

Bildlich gesehen kann man es mit dem „Zauberwürfel“ vergleichen. Mein Leben ist ein Zauberwürfel, bei dem alle sechs Seiten die gleichen Farben haben. Dann dreht jemand daran herum und alle Farben kommen durcheinander. Ich versuche, sie wieder in Einheit zu bringen, doch egal, wie lange ich an dem Würfel herumdrehe, ich schaffe es nicht. Ich hole mir auch keine Hilfe, aus Angst, mein Würfel könnte noch schlimmer verstellt werden. Erst wenn ich sie Situation verlasse, finde ich zur Ruhe, meinen Zauberwürfel wieder zu richten.

Das erklärt mein Problem mit unerwarteten Tagesabläufen. Ich richte für jeden Tag ein System ein, nach dem ich lebe. Wird es spontan von außen durcheinander gebracht, werde ich nervös oder sogar aggressiv. Das Gleiche, wenn ich eine Sache plane. Bringt jemand meine Planung durcheinander, reagiere ich sofort aufgebracht, so dass der andere nicht versteht, was mit mir los ist. Auch nur das kleinste Detail kann mein ganzes System kippen. Schon die Frage Hast du mal über eine andere Möglichkeit nachgedacht?, kann mich in großen Stress versetzen. Nein, ich habe gerade die Sache einsortiert und will sie nicht wieder durcheinander bringen. Auch wenn der andere vielleicht Recht hat, weigere ich mich, mein System zu kippen. Viele nennen es schlicht und einfach Sturheit, doch mit Sturheit hat es nichts zu tun. In meinem Kopf entstehen in einem solchen Fall Hitze und endloser Stress. Das kann soweit gehen, dass ich den ganzen Tag über nichts mehr geschafft bekomme, weil ich nur mit dem Wiederherstellen meines System beschäftig bin.

Es ist mir nicht möglich, diesen Prozess in mir jedem oder immer wieder zu erklären und der Grund eines fortwährenden Rückzugs aus der Gesellschaft. Das Leben wird immer komplizierter, so auch meine Systeme.
Schon als Kind fühlte ich mich nie dieser Welt zugehörig und mit jedem weiteren Tag wird mir dieser Zustand bewusster…

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen)
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Ein Gedanke zu „Wenn alles durcheinanderkommt!

  1. Gitta

    Das mit dem Rüchzugsverhalten kenne ich von mir nur zu gut. Interessant zu lesen, dass es auch anderen so geht. Dabei will ich das gar nicht immer wirklich. Es geht dann nur darum, wieder Ruhe und Ordnung in mein inneres Chaos zu bekommen und mich vor Verletzungen emotionaler Art zu schützen.

    Gefällt 1 Person

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