Worte, die aus meinem Systemdenken fallen

Dies ist mal wieder ein wirklich verwirrender Blog. Falsch, es ist ein Blog über meine Verwirrungen im Alltag…
Es gibt unzählige Begriffe in unserem Wortschatz, die mich regelmäßig in den Wahnsinn treiben. Da versucht die Gesellschaft immer wieder über Begriffe eine Mitteilung zu machen, die keinen Wert haben. Dazu gehören für mich besonders diese fünf Worte:
gleich
sofort
jetzt
einen Moment, bitte
eine Sekunde

Dann starte ich mal mit der Verwirrung der Worte:
(Betroffene haben vielleicht schon eine Ahnung…)

Wenn ich ankündige, dass ich gleich etwas tun möchte, dann meine ich, ich möchte innerhalb der nächsten fünfzehn Minuten zum Beispiel mit jemandem Einkaufen fahren. Oder wenn ich sage: „Ich komme gleich“, dann räume ich mir ein gefühltes Zeitlimit von ca. fünf bis zehn Minuten ein. Daran halte ich mich und finde den Begriff „gleich“ auf den Punkt gebracht. Das erwarte ich auch von meinen Mitmenschen und werde dabei oft enttäuscht. Tja, meine Definition ist leider weit gefehlt! Oder ist es mein Problem mit der Wort-Wörtlichkeit?

Schlimmer wird es, wenn der Begriff „gleich“ bereits gefallen ist und sich das „jetzt“ nähert. Ich habe bereits mitgeteilt, das ich „gleich“ Einkaufen fahren möchte und ziehe mir nach gefühlten zehn Minuten meine Schuhe an. Dann rufe ich zur Sicherheit noch einmal: „Ich fahre jetzt“. Und damit meine ich auch „jetzt“. Jetzt heißt für mich sofort und nicht irgendwann! Doch der andere lässt sich Zeit und ruft: „Ich komme gleich“, kommt aber nicht. Ein furchtbares Wörter-Karussell für mich!

Das macht mich oft wütend, besonders wenn es um eine Vereinbarung geht. Ich schäume über vor Wut!

Wenn ich jemanden abhole und er sagt, er kommt sofort raus, dann macht es mich sehr wütend, wenn ich Vorort erfahre: „Komm doch noch kurz rein. Ich bin noch nicht soweit.“ Ich beobachte, wie diese Person zusätzliche 30 Minuten benötigt, um fahrbereit zu sein. Der Begriff „sofort“ hat seine Bedeutung verloren. Ich hätte genauso gut zu Hause in dieser Zeit noch etwas erledigen können. Doch der andere bemerkt meine Entrüstung nicht, weil ich sie verberge, um nicht in ein Streitgespräch verwickelt zu werden.
Fehlt mir die Gelassenheit?

Absprachen, die also mit „ich komme gleich“ oder „ich komme sofort“ getroffen werden, können mitunter 30 Minuten oder gar eine Stunde dauern. Es kann aber auch bedeuten, dass, dieses „gleich“ nie eintrifft und nur als Pseudonym für „ich will nicht“ steht.

Ein Beispiel: Ich bitte jemanden um eine Erledigung und er sagt: „Mache ich gleich.“ Nach einer geraumen Zeit stelle ich fest, dass derjenige jedoch nichts unternommen hat und ich frage mich, warum er mir eine Zusage gegeben hat. Warum sagt er nicht direkt, dass er nicht will?
Ich bekomme folgende Antwort: Das hat etwas mit Sozialverhalten zu tun und damit, den anderen nicht verletzen zu wollen.
Aha! Mich verletzt es aber, wenn man mich hinters Licht führt. Besitze ich jetzt kein Sozialverhalten?

Ich frage die Menschen, warum sie keine genauen Angaben machen oder sich nicht an ihre Angaben halten. Ich werde zum Teil ausgelacht oder wunderlich angesehen und bekomme zur Antwort: „Weil der Mensch als soziales Wesen behutsam mit anderen umgeht.“
Oh, denke ich, deswegen unterstellt man Menschen im autistischen Spektrum wohl Mangel an Empathie. Ich bin nicht empathisch, also behutsam, wenn ich die Sache auf den Punkt bringe. Das stimmt! Ich besitze nämlich oft kein „Verpackungsmaterial“ für meine Mitteilungen.
Direktheit wird oft verletzend empfunden, obwohl bei mir nicht die geringste Absicht besteht, jemanden damit verletzen zu wollen.

Ich weiß nicht, warum bei mir oft die Stimmung wegen diesen „empathischen und behutsamen“ Begriffen kippt. Sie verlieren wohl aus meiner Sicht ihre Ordnung und ihren Sinn.
Am besten kann ich mit festen Zeitangaben umgeben. Ich bekomme eine klare Vorstellung davon, wann eine Sache startet. Dabei bleibe ich entspannt und kann die Zeit inzwischen sinnvoll nutzen. Leider werden auch klare Zeitangaben von vielen Menschen nicht eingehalten. Und damit wären wir bei dem nächsten Problem: einen Moment bitte.

Was bedeutet „einen Moment, bitte“? Ich denke: „Husch, der Moment ist vorbei“. Sagt man nicht oft: „Es war nur eine Momentaufnahme“? Also, ein Sekundenbruchteil der Zeit. Dieser Begriff wird in der Gesellschaft meisten völlig deplatziert angewendet. Meistens in Arztpraxen. Gemeint ist doch „eine (ganze) Weile“. Doch… wie lange genau dauert „eine Weile“? Wenn diese Begriffe in einer Arztpraxis fallen, gebe ich mir genau eine Stunde Wartezeit, weil meine Erfahrung mich gelehrt hat, dass es sich bei „einen Moment“ dort in der Regel um 60 Minuten handelt. Liegt die Zeit drüber, verlasse ich wütend die Praxis wegen der fatalen Fehlplanung.

Für mich sind Zeitansagen mit diesen Begriffen immer wieder verwirrend, nervend und stressend. Ich teile meistens klare Uhrzeiten mit und halte mich dran. Wenn ich sage „jetzt“, dann lege ich just in diesem Moment los.
Wenn mir jemand sagt „du kannst jetzt kommen“, weil wir etwas gemeinsam machen wollen, und ich stehe dann tatsächlich „jetzt“ auf der Matte, werde ich oft genervt angeschaut und bekomme zu hören „gleich“ oder „einen Moment noch“.
Von der Aussage „nur noch eine Sekunde“ will ich erst gar nicht anfangen…

Bei mir muss alles seine Regel haben. Jede Aussage muss in ein System passen, mit dem ich klarkomme und das ich berechnen kann. Fällt es aus dem System heraus, erleide ich Stress.

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen)
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5 Gedanken zu „Worte, die aus meinem Systemdenken fallen

  1. mo jour

    oh das kenne ich: touchè!
    diese (meine) „empathielosigkeit“, was die unpünktlichkeit anderer menschen angeht, hat mich schon freundschaften gekostet. eine sagte mal: „du tyrannisierst mich mit deiner pünktlichkeit.“
    ?!
    ich bin da ganz auf deiner seite und möchte – neben dem persönlichen gestresstsein, weil verabredungen und pläne nicht funktionieren – folgenden aspekt hinzufügen:
    für mich hat das pünktlichsein etwas mit respekt zu tun, respekt vor anderen menschen und ihrer lebenszeit. solange ich meine eigene zeit vertrödele und verschwende, ist es meine eigene angelegenheit. aber sobald die zeit anderer menschen (mit-)betroffen ist, gehe ich damit noch achtsamer um als mit meiner eigenen. ich lasse möglichst niemanden warten. wenn es doch einmal vorkommt, bitte ich tausendfach um entschuldigung.
    die ’sogenannten normalen Typen‘ (NT) hingegen machen oft aus dem „andere-leute-warten-lassen“ ein widerliches machtspiel. wer andere warten lässt, hat die macht (behörden, ärzte, feinde, tyrannen etc.). wer die macht hat und sei es auch nur gefühlt, ‚darf‘ die lebenszeit anderer menschen verschwenden. für solche kindischen, unreifen spielchen habe ich weder kraft noch zeit. die finde ich nicht nur unhöflich, gedanken- und respektlos, sondern asozial, brutal und übergriffig – „typisch NT“ eben.
    wer meine lebenszeit verschwendet, geht nicht ‚behutsam‘ mit mir um, sondern respektlos und verlogen. im alltag (ämter, ärzte, feinde, tyrannen) muss ich das manchmal geduldig aushalten, irgendwie; manchmal bitte ich auch um konkretere (zeit-)ansagen.
    aber in meinem freundeskreis ist für solcherlei unzuverlässige respektlosigkeiten kein platz.

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    1. S.ina

      Du sprichst mir größtenteils aus der Seele. Das schlimmste daran finde ich aber das es in einem Moment heißt: „Es ist toll das du immer pünktlich bist, und alles möglichst Zeitnah erledigst“ und im nächsten Moment mutiert es dann zu „…Jetzt mach doch nicht so eine Hektik…“ selbst wenn das eine das andere bedingt stößt es trotzdem immer auf Unverständnis. Das ist ziemlich anstrengend.
      LG S.ina

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  2. Denkmomente Autor

    Vielen Dank! Das hört sich doch sehr sozial an!! Ja, ich kann auch oft nicht verstehen, warum man mir unsoziales Verhalten vorwirft. Irgendwie gehen die Definitionen oft auseinander. Dennoch muss ich für einige NTs in meinem Freundes- und Bekanntenkreis in die Bresche springen. Vielleicht auch deswegen, weil ich mir den Kreis ganz neu ausgesucht habe. Viele von meinen alten Kontakten hatten eher diese Respektlosigkeit, von der du schreibst. Und sie ist immer wieder in der großen Gesellschaft wiederzufinden.

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  3. Batschpeng

    Auch ich nutze diese dich verwirrenden Phrasen mit obig beobachteten Zeitdehnungen.

    Ich bin nämlich nicth in der Lage die korrekte Zeitspanne abzuschätzen, die ich benötigenwerde. Und wenn doch, dann habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich sanktioniert werde (egal wie geartet), wenn ich ehrlich antworte. Wobei das obige Verhalten die Sanktion (Rage oder Unmut des Wartenden zB) nur verzögert.

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    1. Denkmomente Autor

      Wenn ich weiß, dass jemand mit dem Abschätzen der Zeitspanne Probleme hat, dann kann ich gut damit umgehen. Ich habe das Problem häufig bei Menschen mit ADHS bemerkt und das lässt sich erklären. Bei diesen Menschen weiß ich, dass ich Geduld aufbringen und am besten noch mehrmalige Ansagen vorher machen muss.
      Am meisten ärgert es mich aber bei Leuten, die es grundsätzlich oberflächlich mit diesen Ansagen halten. Denen es egal ist, dass sie die Zeit anderer vergeuden.

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