Umzug – wenn die Welt wieder zusammenbricht!

Struktur und Organisation sind die wichtigsten Bestandteile in meinem Leben. Pläne und Abläufe im Voraus zu beherrschen geben mir Sicherheit. Wenn ich auch manchmal überstürzte Entscheidungen treffe, weil sie mich nerven oder ich zu impulsiv bin, so sind große Entscheidungen bei mir doch arg durchdacht. Ich brauche oft sehr lange, bis ich sie treffen kann. Muss mich erst an sie gewöhnen, bis sie mir eine Art Sicherheit geben. Dann setzte ich sie um.

Nun ist es wieder soweit. Ich ziehe um! Menschen, die mich kennen, sind manchmal erstaunt, wie oft ich umziehe. Das passt doch gar nicht zu einem Menschen, der von Autismus betroffen ist. Doch wer hinter diese Entscheidungen schaut, wird sie verstehen. Da gab es einen betrügerischen Vermieter, der Jahresabrechnungen fälschte und seine hauseigene Sauna damit finanzierte (pfui Teufel!), und Familienzuwachs, so dass die Wohnung größer werden musste. Dann noch Arbeitslosigkeit, weswegen der Wohnort gewechselt werden musste. Also alles ganz normale Vorfälle. Diesmal ist es der Eigenbedarf des Hauses, der vom Vermieter angemeldet wurde. Ein neuer Umzug ist angesagt.

Für mich bricht jedesmal eine Welt zusammen, doch ich zeige es nicht. Ich versuche, mich den Herausforderungen so gut wie möglich zu stellen und Menschen von außen könnten nie den Eindruck gewinnen, dass ich ein Problem damit habe, denn ich bin ein Meister im Kaschieren und Probleme lösen. Habe oft innerhalb kurzer Zeit schon eine Idee parat, die ich in Angriff nehme. Es hat damit zu tun, dass ich nicht lange mit ungelösten Fällen leben kann. Sie bringen alles in mir durcheinander. Es muss so schnell wie möglich eine neue Struktur her, an die ich mich halten kann.

Problematisch wird es, wenn viele Menschen an der Organisation eines Umzuges beteiligt sind. Jeder hat seine Ansichten und seine Ordnung. Und das ist das größte Problem für mich, denn ich bin nicht in der Lage, ständig meine Ordnung umzuwerfen. Am liebsten möchte ich den Umzug ganz alleine organisieren, damit alles so läuft, wie ich es mir vorstelle. Gleichzeitig überfordere ich mich damit. Ein Teufelskreis. Diesmal kommt hinzu, dass zu meiner Umzugsplanung noch Pläne des Vermieters hinzukommen. Er will direkt nach unserem Umzug das Haus sanieren lassen, so dass mehrmals in der Woche Handwerker ein- und ausgehen, die begutachten und Angebote schreiben wollen. Baumaterialien werden zusätzlich in unserem Keller eingelagert. Ich versuche dem Vermieter mitzuteilen, dass es mich arg stresst, weil ich dadurch mit meinem eigenen Umzug nicht klarkomme. Ich fühle mich in die Enge getrieben und rausgeschmissen, obwohl ich noch viele Wochen in diesem Haus leben muss. Ich weiß aber auch, dass ich in viele komplizierte Interaktionen eingebunden werde, wenn ich mich gegen alles wehre. Also gebe ich nach und halte meinen Mund. Viele sagen: selbst Schuld. Ja, ich bin mal wieder selbst Schuld, weil ich nicht in der Lage bin, komplizierten Gesprächen standzuhalten? Das ist doch mein Problem!

Dies sind Momente, in denen ich wieder einmal völlig isoliert und unverstanden dastehe. Wieso, wird gefragt, ist doch alles bestens organisiert…. Wo ist das Problem?
Das Problem besteh darin, dass es nicht zu „meiner“ Organisation passt. Jeden Tag kommen neue Termine hinzu. Die Hölle für mich!

Das sind Punkte, an denen sich Menschen mit und ohne Autismus stark unterscheiden. Der ständige Wechsel von Abläufen ist für mich eine unerträgliche Situation und ich verharre in einem Zustand starker Verspannung. Spüre jeden Tag große Hitzewellen in mir aufsteigen und meine Freundlichkeit ist auch dahin. Alle sagen: „Es ist doch für alle schwer.“ Sicher. Aber dass es für mich um so vieles schwerer ist, das auszuhalten, stößt auch jetzt wieder auf wenig Verständnis.

Was bleibt mir? Auf den Tag zu warten, bis alles vorbei ist. Ich werde Wochen, wenn nicht sogar Monate brauchen, um wieder runterzukommen und in einen geregelten Alltag zu finden.
Das Bittere an der Sache ist, dass ich jedem so gut wie möglich zu helfen versuche. Doch wer hilft mir? Autismus misst sich am Mangel an Emapthie, wird gesagt. An dieser Stelle frage ich mich, ob es dem Autist oder dem NT an Empathie mangelt?

Bin wieder allein in meiner Welt in einen Raum gesperrt, hinter dem Fenster und schließe es für eine ganze Weile. Ich verstumme.
(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen)
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5 Gedanken zu „Umzug – wenn die Welt wieder zusammenbricht!

  1. Forscher

    „Problematisch wird es, wenn viele Menschen an der Organisation eines Umzuges beteiligt sind. Jeder hat seine Ansichten und seine Ordnung. Und das ist das größte Problem für mich, denn ich bin nicht in der Lage, ständig meine Ordnung umzuwerfen. Am liebsten möchte ich den Umzug ganz alleine organisieren, damit alles so läuft, wie ich es mir vorstelle“

    Falls Du die Idee nicht ohnehin schon hattest: Ich half vor kurzem beim Umzug. Die haben sich ein geniales System ausgedacht, nämlich sämtliche Kisten und Möbel mit Farbsticker zu beschriften, und in der neuen Wohnung dann die jeweiligen Zimmer/Keller in der entsprechenden Farbe kennzeichnen. Zusätzlich kann man anmerken, ob etwas zuerst oder zuletzt ins Zimmer getragen werden soll, damit man später alleine keine Probleme hat mit Aufteilung, Herumschieben, etc… Das hat alles wunderbar geklappt. Jeder Helfer wusste, was wohin muss.

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    1. Denkmomente Autor

      Das ist eine sehr gute Idee, aber es geht hauptsächlich darum, dass sich fast jeden Tag meine Tagespläne umwerfen. Ich kann einfach nicht so schnell umdenken und oder alles fließen lassen. Ich bin dann wie gelähmt und komme mit meinen Sachen nicht voran. Das ist, als wenn etwas zu Boden fällt und du weißt, dass du es aufheben musst, es aber nicht kannst. Du bekommst kein Signal vom Gehirn, dich zu Bücken. In meinem Gehirn löschen sich plötzlich alle bisherigen Strukturen und ich brauche Stunden, um neue zu entwickeln.

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  2. Aada

    Oh je!

    Das klingt ja ganz furchtbar. Das würde bei mir wohl in diversen Meltdowns gipfeln, da bin ich mir sicher.

    Ich drücke dir die Daumen, dass du das trotzdem alles – den Umständen entsprechend – gut überstehen wirst.

    Das System, welches Forscher geschildert hat, finde ich super klasse! Das werde ich mir auf jeden Fall merken, falls wir auch mal umziehen müssen.

    Liebe Grüße, Aada

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  3. Diana

    Die Frage bei wem es mehr an Empathie mangelt ist bei solchen Situationen echt gut nachvollziehbar und angebracht, hier versagt das gegenseitige Verständnis total, da sich die Nt in so etwas wohl nicht hineinversetzten können.

    Ich wünsche Dir dass es mit dem Umzug gut klappt und dass Du danach wieder Deine gewohnte Ruhe und Ordnung hast und dass die fremden Menschen in Deiner Wohnung die die kommenden Tage jetzt unplanmäßig verlaufen lassen nicht zu oft auftauchen, dazu wünsche ich genug Kraft, denn diese außerplanmäßigen Ereignisse werden viel Kraft kosten.

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