Als Aspergerin beruflich erfolgreich – geht das?

Ich bin extrovertiert und war schon immer ein Mensch, der gerne die Leitung übernimmt, aber das brachte mir als Aspergerin auch viele Probleme ein. Vielleicht liegt es daran, dass ich gerne nach eigenem Maßstab die Übersicht einer Sache behalten möchte. Meine Ansichten von Perfektion und Einsatz weichen oft von denen der NTs ab. Da bleibt eine Konfrontation nicht aus. Ich bin stets daran interessiert, miteinander und nicht gegeneinander zu arbeiten. Schon das alleine funktioniert nur in den seltensten Fällen. Konkurrenzdenken ist mir fremd. Ich neige aber dazu, stark auf Unfairness zu reagieren, was von vielen NTs als Neid oder Eifersucht gedeutet wird. Deswegen legte ich immer viel Wert darauf, entweder eine Gruppe zu leiten oder für mich allein zu arbeiten, obwohl ich ein großer Teamplayer bin. Aber, wie gesagt, ich kann meine Ansichten von Fairness und Perfektion nicht den NTs anpassen. Mir fehlt dazu die Gelassenheit oder auch Ignoranz. Es passt nicht in mein Systemdenken.

Bei mir hat es lange gedauert, bis ich den richtigen Beruf endlich ergriff. Habe eine Ausbildung als Erzieherin gemacht, in deren Berufssparte ich nie wirklich arbeiten wollte und schlug mich fast 25 Jahre mit Jobs herum, die ich immer wieder kündigen musste. Ich stieß an meine Grenzen oder mit Mitarbeitern zusammen, die mobbten. Alle 4 Jahre eine neue Arbeit, bis ich mich entschied, als freiberufliche Autorin zu arbeiten, weil mir das Schreiben schon von Kindheit an lag. Ich habe nichts in dieser Richtung studiert und startete mit vielen Rückschlägen. Zunächst wollte niemand meine Bücher lesen, weil nicht nur die Themen eigenartig waren, sondern auch der Schreibstil, den ich anwandte. Ich konnte anfangs keine Lektorin bezahlen und es hagelte viele schlechte Rezensionen. Doch Kritik kann auch sehr anregend auf mir wirken. Ich ging den konstruktiven Kritiken nach und verbesserte Stück für Stück meine Arbeit, bis ich die ersten Leser fand, die sich positiv meldeten. Das ermutigte mich enorm, so dass ich bei dieser Arbeit blieb. Es stellte sich plötzlich Erfolg ein.

Niemand macht mir jetzt Vorschriften oder bestimmt meine Arbeitsweise oder Arbeitszeiten. Inzwischen arbeitet auch eine Lektorin für mich.
Manchmal arbeite ich nachts, manchmal erst ab 11 Uhr morgens, je nach Kondition. An manchen Tagen kann ich gar nicht arbeiten. Das ist in normalen Jobs natürlich nicht möglich. Dafür arbeite ich an anderen Tagen 14-16 Stunden am Stück.
Ich benötige allerdings immer wieder Hilfe bei behördlichen Dingen. Das löst großen Stress in mir aus, da ich ständig dazu neige, es zu vermeiden. Das geht bei einer Freiberuflichkeit natürlich nicht. Aber ich habe gelernt zu delegieren und jemanden gefunden, der behördliche und auch technische Dinge für mich übernimmt. Das funktioniert gut.

Ich weiß, dass nicht jeder vom Asperger Syndrom betroffene Mensch so ein Glück hat, aber ich stelle immer wieder bemerkenswerte Fähigkeiten bei anderen fest. Das Internet ist für meine Arbeit eine ganz besondere Plattform, die mich nicht stresst. Vielleicht kann ich den einen oder anderen dazu anregen, darüber nachzudenken.

Es macht mich oft traurig, wenn ich lese, dass fast 80% von Autismus betroffene Menschen arbeitslos sind, weil ich weiß, dass viele sehr tüchtig und zielstrebig sind, wenn sie sich für etwas interessieren. Und ich freue mich, dass sich der Arbeitsmarkt für uns immer mehr öffnet.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe lesen)
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11 Gedanken zu „Als Aspergerin beruflich erfolgreich – geht das?

  1. Horst

    Hej Marion!

    Jack London: Martin Eden 🙂 Bei Martin (oder eben Jack…) ist (war) es wie bei Dir – was das Schreiben betrifft!
    Dein Beruf ist übrigens nicht nur für autistische Menschen ein Traum und ich glaube, dass macht den Begriff „erfolgreich“ hier für Dich aus. Ich denke, Du verdienst mit Deinem liebsten „Hobby“ Deinen Lebensunterhalt (ein wirklich gewordener Traum!) – ob das allerding für die meisten anderen auch mit „erfolgreich“ bezeichnet würde, versehe ich mal mit den dicken Fragezeichen. Warum? Erstmal natürlich bist Du erfolgreich! Ich gehe bei Dir mal davon aus, dass Du Dein „erfolgreich“ aber nicht mit Macht, Ruhm oder nur einem seichten Glanz verbindest – diese Begriffe sind wohl oft die Triebfeder anderer „Erfolgreicher“. Dein Vorbild soll Mut machen für alle (autistisch oder nicht), es lohnt auf die eigenen Stärken zu setzten, wenn man sie entdeckt hat (suchen…). Natürlich suche auch ich noch meinen erfolgreichen Traumberuf, mit dem derzeitigen „mehr als guten“ leichten Kompromiss kann ich aber recht gut leben :-).

    CU Horst

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  2. Diana

    Ich kenne das Problem, bei den Kollegen negativ anzuecken bzw. aus der Art zu schlagen, ich bin in meinem Job nicht schlecht, was auch dadurch bestätigt wird, dass ich von meinen Kollegen/innen und Chef sehr oft um Rat und Hilfe gebeten werde, oder Sätze vom Arbeitgeber höre, ich hätte mehr Wissen abrufbar als der Chef selbst.

    Doch leider ist es wie bisher in jedem Job, ich kann den Stress mich anders darzustellen als ich zum Teil bin (mich anzupassen) einige Jahre durchhalten, bevor mein Körper von Jahr zu Jahr mehr Probleme macht und mir dadurch signalisiert das es Zeit wird wieder das Umfeld zu wechseln.

    Auch wenn die Kollegen/Kolleginnen über meine“ andere Art zu sein“ informiert wurden, kann man sich diese Weitergabe an Informationen meines Erachtens sparen meine Erfahrung ist bisher, dass ich trotzdem immer wieder Sätze höre wie „Du musst Dich mehr einbringen in die Firma, mehr auf die Leute zugehen, mehr lachen, mehr reden usw.“ und leider fehlt es komplett am Verständnis. Ich rege mich ja auch nicht tgl. darüber auf, dass meine Mitmenschen erst 45 Min. reden bevor Sie anfangen zu arbeiten, bzw. ein Drittel der Arbeitszeit verplempern oder unwahrscheinlich laut sind usw. Manchmal das gebe ich zu werde ich etwas ungehalten, wenn immer nur über andere Mitmenschen gehetzt wird oder gelästert wird. Ich habe dafür leider kein Verständnis, dass Mutmaßungen o. ä. in die Welt gesetzt werden, jeder Mensch ist anders und man solle jeden so akzeptieren wie er ist, das würde vieles einfacher machen.

    Ich möchte nicht immer die Arbeit wechseln oder überlegen müssen ob ich wieder kündigen muss, weil ich gesundheitlich zu starke Probleme bekomme durch den Dauerstress.

    Es wäre schön wenn jeder Mensch so sein darf wie er ist, halt anders, nicht soviel redet, lacht o. ä. sondern lieber arbeite und gerne viel Arbeit hätte statt immer Mittags schon mit der vorhanden Arbeit fertig zu sein und überlegen zu müssen, wie bekomme ich den Tag jetzt sinnvoll gestaltet, so etwas bereitet mir tgl. Kopfschmerzen und das nicht nur im übertragenem Sinne.

    Vielleicht bin ich ja mal so mutig und schaffe es meine eigene Chefin zu sein, wären da nicht diese Überlegungen, was passiert wenn einer seine Rechnungen nicht bezahlt und ich dadurch evtl. auch in finanzielle Schwierigkeiten gerate, diese Tatsachen welche ich so nicht abwägen kann, liegen mir leider gar nicht.

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    1. Denkmomente Autor

      Du sagst es! Es ergeht mir genauso. Allerdings muss ich sagen, dass es mir bis heute noch nicht passiert ist, dass jemand seine Rechnung nicht bezahlt hat. Einmal musste ich vorsichtig nachfragen, aber dann war alles im Lot. Sein eigener Chef zu sein ist toll. Aber es obliegt einem auch eine große Verantwortung. Jeder muss für sich selbst herausfinden, ob die Freude oder der Stress überwiegt. Bei mir ist es eindeutig die Freude! Viele Grüße…

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    2. Horst

      Hallo Diana!

      Ich sitze heute zu Hause und arbeite mit dem Notebook meiner Firma. Mit der heutigen Technik ist das wie am Arbeitsplatz, alles ist vorhanden inklusive dem Telefon, Laufwerken und Daten – nur eben die nervigen Kollegen fehlen… 🙂
      Ob so etwas geht hängt natürlich von vielen Faktoren ab. Dein Image in der jetzigen Firma scheint ja hervorragend zu sein, vielleicht würde dies helfen so etwas zu versuchen und durchzusetzen – wenn Du es überhaupt so möchtest.

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      1. Diana

        Hallo Horst,

        ich würde dies sofort umsetzen nur leider ist mein Arbeitgeber schon über 70 Jahre alt und bei Ihm bekomme ich dies leider nicht so durchgesetzt, mir würde ja schon ein Büro reichen, bei dem es etwas ruhiger wäre, vielleicht habe ich ja Glück und bekomme es irgendwann mal umgesetzt.

        Bei anderen Arbeitgebern, welche mich als Arbeitnehmerin beworben haben, war dies kein Thema, aber leider kann ich nicht auf mehr als 13.000 € Bruttogehalt verzichten, deshalb habe ich noch nicht gewechselt.

        Warten wir ab, was kommt.

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  3. Horst

    Hallo nochmals!

    Es ist für mich unverständlich, wie viele Arbeitgeber die Talente vieler autistischer Menschen nicht erkennen. Auch für mich hat Arbeit eine soziale Komponente, ich möchte (und kann auch) nicht nur von zu Hause arbeiten, aber natürlich sollten die Arbeitgeber, neben dem betrieblichen „Klima“ (passt der neue Mitarbeiter in das Team? Kann das Team mit eventuellen Eigenheiten umgehen? Sind Spannungen zu erwarten (Neid der „Fauleren“)?), auch den Bedürfnissen von besonderen Leistungsträgern entgegenkommen und würdigen (und wie einfach das wäre, im Vergleich zu den zu erwartenden und erbrachten Leistungen).
    Fatal aus Sicht des Arbeitnehmers wird es, wenn z. B. eventuell zu erwartende Betriebsrentenansprüche, durch die häufigen Wechsel, gegen Null gehen.
    Eventuell eine Geschäftsidee… Bei mir als Chef, hätten autistische Menschen, mit passenden Spezialinteressen immer einen Pluspunkt!

    Im Endeffekt kein Rat, nur meine Empfehlung, weiter nach den gewünschten Arbeitsbedingungen zu „bohren“, da Du meiner Meinung nach eh nichts verlieren kannst, wohl aber Dein Arbeitgeber – Du solltest also im Vorteil sein…

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  4. S.ina

    Ich arbeite noch nicht, habe gerade aber eine Ausbildung in einem Beruf begonnen, den ich mir direkt nach meinen Interessen ausgesucht habe. Und der, mit eingerechnete, positive Nebeneffekt ist der, das ich relativ wenig mit Kunden oder Arbeitskollegen zu tun haben werde. Ich denke das es keine generelle Lösung für jeden in der Berufswelt gibt, aber: ich bin noch sehr jung, und ich habe noch die Chance die Besonderheiten in meine Planungen einzubauen und ich denke, jeder der die Diagnose in so jungem Alter erhält wie ich sollte sich, um sich sein späteres Arbeitsleben zu erleichtern, genaue Pläne machen. Natürlich ist auch das kein Generelle Lösung, aber es wäre zumindestens ein Anfang der relativ einfach umzusetzten wäre.
    LG S.ina

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