Ich werde von den Gedanken an Lösungen beherrscht

Schon von Kind an kann ich mich an nichts anderes erinnern als dem Wunsch, bei allem und jedem nach Lösungen zu suchen. So baute ich meine Systeme im Leben auf und lernte die Regeln. Alles, was passiert, muss eine logische Erklärung haben und alles was ich sehe, muss einer Regel zugrunde liegen. Bei mir gibt es nie das gelassene Denken, die Dinge einfach hinzunehmen ohne sie zu hinterfragen. Nein, ich will alles verstehen, damit ich es einordnen kann. Ohne Ordnung ist mein Leben undenkbar.

Als Kind träumte ich ständig den Traum der 1000 Regeln, worüber ich bereits einen Blog schrieb. Ich war wie besessen, alles verstehen zu wollen und dachte, wenn ich die 1000 Regeln nicht lerne, werde ich sterben, ja, ich erlitt mitunter Todesängste. Ich wurde furchtbar grantig, wenn ich etwas nicht verstand und es mir niemand erklären wollte. Dadurch hatte ich mir schnell die Bezeichnung „launisch oder komisch“ eingefangen.

Ich kann mich erinnern, als ich mit fünf Jahren wegen einer Blinddarmentfernung im Krankenhaus lag und einen Schlauch in meinem Bauch hatte. Als ich aus der Narkose erwachte, versuchte ich mir ständig diesen Schlauch herauszuziehen, weil er einfach nicht dorthin gehörte. Als die Schwestern es mir erklärten, verstand ich es nicht, weil ich keine Ahnung von anatomischen Vorgängen in meinem Körper hatte. Für mich war hier ein Fehler passiert. Doch ich versuchte immer wieder diesen Schlauch zu entfernen. Man legte mich in ein Bett mit hohen Gittern und fixierte mich schließlich. Man flößte mir Hagebuttentee ein, den ich entsetzt ausspie. Ich hatte niemals diesen Tee getrunken und wollte Limo. Tee gehörte nicht zu meinen Getränken. Ich spie was das Zeug hielt. Zum Schluss bekam ich einen Tropf in die Vene und schrie nur noch, weil alles in meinem Leben verkehrt lief. Meine Ordnung war vollkommen durcheinander. Ich glaube, man hat mich später mit Medikamenten betäubt, weil ich mich an nichts weitere erinnern kann.

Mein Verhalten mit der Suche nach Lösungen setzte sich fort, indem ich alles, was um mich herum geschah, in eine Form der Ordnung brachte. Es fing mit der Wohnungseinrichtung an. Jedes Möbel hatte dort zu stehen, wo es Sinn machte und nicht, wo es gut aussah. Das führte schon mal zu chaotischen Zuständen. Schon früh bemerkte ich meine Freude am Möbelrücken. Ich verrückte alles solange, bis es die perfekte Lösung ergab. Heute muss ich immer Lachen, wenn Sheldon Cooper (Big Bang Theory) seinen Sitzplatz auf dem Sofa verteidigt und erklärt. Er suchte die optimale Stelle von Luftzug beim Lüften, Blick auf dem Fernseher, Raumwärme und Überblick des Zimmers. Ja, das kann ich gut nachvollziehen…

Ich brachte auch die Menschen um mich herum in ein Ordnungs- und Lösungssystem. Meine Oma erzählte gerne Geschichten. Ich ging nur zu ihr, um ihre Geschichten zu hören und sprach niemals über andere Dinge mit ihr. Ja, ich versuchte die Menschen um mich herum mit den Themen zu verbinden, die sie am meisten interessierten und achtete darauf, sie auch nur darauf anzusprechen, was mich aber entsetzlich langweilte. Aber es funktionierte. Ich dachte lange Zeit, dass jeder nur ein Interesse in seinem Leben hat, so wie ich. Bei mir war es die USA, doch darüber wollte niemand mit mir reden. Meine Mutter kochte und strickte, mein Vater ging arbeiten und grillte. Mein Onkel fuhr einen roten Wagen und trug weiße Kleidung… So entstanden die ersten Systeme in meinem Leben, mit denen ich klarkam. Je älter ich wurde, desto komplizierter wurde es. Meine Systeme erweiterten sich und die Suche nach Lösungen wurden komplizierter. Das Leben erschöpfte mich immer mehr.

Lösungen warten in allen Bereichen meines Lebens. Was ich nicht selber herausfinde, lese ich in Büchern nach oder frage andere Leute.
Lösungen waren bisher auch ein großes Thema, wenn es um Probleme anderer Leute ging. Es verging kein Gespräch mit einer anderen Person, bei dem ich nicht gleichzeitig nach Lösungen für ihn suche, wenn er ein Problem hat. Und wenn ich nicht sofort eine fand, dachte ich in der darauffolgenden Nacht darüber nach. Das wurde schließlich so schlimm, dass ich darunter zusammenbrach und mir die Regel beibrachte, keine Verantwortung mehr für andere zu tragen.

Es hat wohl damit zu tun, dass ich nicht ohne eine strukturelle Ordnung leben kann. In diesem Zusammenhang benutze ich gerne den Begriff „Modul“. Man könnte auch „Pixel“ sagen. Auf dem Bildschirm kommt kein Bild ohne „Pixel“ zustande. Nur das Zusammenspiel vieler Pixel ergibt das Gesamtbild.
Doch ich muss mir jedes einzelne Pixel schwer erarbeiten und erst verstehen lernen. Was Menschen ohne Autismus von Natur aus mitgegeben ist, ist für mich eine Großbaustelle. Ich kann nicht gelassen auf eine Sache zugehen, nein, ich muss erst theoretisch und analytisch meine Module so zusammenbauen, dass sie meine Ziel auch garantieren. Fehlt ein Modul und ich bekomme es nicht hergestellt, zerbricht auch mein Ziel und ich lasse die Finger davon. Zu wissen, was passiert, gibt mit Sicherheit. Das wird niemals anders sein, egal wie sehr ich Gelassenheit zu trainieren versuche. Unkorrekte Arbeit ist mir ein Greul. Das verstehen viele nicht. Sie regen sich auf, wenn ich immer noch nach einem „Fitzel“ suche, was fehlt.

Ich kann kein Leben ohne Ziele aushalten, deswegen ist es für mich wichtig, mir immer ein neues Ziel zu setzen, nachdem ich das letzte erreicht habe. Es kann auch vorkommen, dass ich zu viele Ziele auf einmal starte und sie einfach nicht erreiche. Das macht mich sehr unzufrieden. Doch hat sich ein Ziel erst einmal stabilisiert, beginne ich mit dem Aufbau der Module und schon beschäftigt mich das Thema „Lösung suchen“ wieder. Ich werde niemals ohne Arbeit und der Suche nach Lösungen leben können.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe lesen)
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