Der Blick fürs Außergewöhnliche

Schon von Kindheit an besaß ich einen Blick für das Außergewöhnliche. Ich kann mich an mein 5. Lebenjahr erinnern, als mich bestimmte Treppen zu faszinieren begannen. Die Symmetrie oder Asymmetrie ihres Verlaufs. Je höher die Treppe verlief, desto faszinierter war ich vom Anblick, wenn ich von unten nach oben sah. Ebenso faszinierten mich immer schon Bilder, in der die Mitte eine große Rolle spielt. Kennt Ihr die Bilder, auf denen eine Straße mitten durch eine Baumallee führt, oder der Steg, der viele Meter weit vom Strand ans Meer führt? Die Symmetrie in diesen Bilder begeistert mich noch heute.
Ebenso erkannte ich in Hausfassaden schnell Gesichter. Traurige, lachende und staunende. In der Dunkelheit machten sie mir Angst. Ich fühlte mich von ihnen beobachtet und verfolgt, wenn früh Morgens oder Abends an ihnen vorbeilaufen musste. Diese Gesichter fand ich auch vorne an den Autos, wenn ich auf die Stoßstange mit den Abblendlichtern sah. Immerzu schauen mich Gesichter an, ob in den Wolken, im Wald oder auf Gegenständen. Das ist heute noch so.

Als Kind fand ich die einzige Mohnblume inmitten eines Weizenfeldes, die keiner beachtet hatte. Oder das vierblättrige Kleeblatt unter tausenden von dreiblättrigen.

In meiner frühen Jugend begeisterten mich die Handarbeiten der Indianer. Sie erstellen Schmuck mit den schönsten Mustern, ganz zu schweigen, wenn sie Gewänder besticken. Überall fand ich symmetrische Muster, die mich beruhigten und faszinierten zugleich.

Ich begann schon früh mit dem Fotografieren, doch meine Fotos waren immer anders. Ich lichtete mit Begeisterung kleine Details ab. Die Biene auf der Blume, die keiner sah oder einen Teil der Straßenlampe, wenn sie ihr Licht geheimnisvoll durch den Nebel auf die Straße warf. Die Schnitzerei an einer Holztür, ein besonders schön arrangierter Pflanzkübel vor einer Haustür oder die Spitze eines Kirchturms. Viele Menschen versuchten mir zu erklären, dass man mit einem Fotoapparat in erster Linie Großaufnahmen von Landschaften machte, doch mich interessierten solche Aufnahmen nicht. Erst später entdeckte ich diese Form der Fotografie. Bis heute jedoch dominieren in meiner Sammlung Detailaufnahmen.

Der Blick für das Außergewöhnliche zeigt sich auch in einem anderen Bereich. Schon immer interessierte ich mich für Menschen, die anders waren. Die, die durch irgendein Verhalten auffielen. Ihnen schenkte ich meine besondere Aufmerksamkeit. Dazu will ich einige Beispiele nennen:
Ein Junge in meiner 7. bis 9. Klasse erweckte meine Aufmerksamkeit, weil er von vielen Mitschülern geärgert und gehänselt wurde. Er sprach sehr deutlich und drückte sich oft altklug aus. Wir bekamen einmal die Aufgabe, aus 5 Wörtern eine Geschichte zu schreiben. Dieser Junge formulierte nur einen Satz und brachte darin alle Wörter unter. Ja, der Satz ergab sogar eine kleine Geschichte. Ich war begeistert, während die anderen ihn auslachten. Er wurde vom Lehrer gescholten und bekam eine sechs dafür. Daraufhin verließ der Junge den Klassenraum. Aus seiner Sicht hatte er alles richtig gemacht. Ich sah das genauso und bewunderte diesen Jungen heimlich.

Während meiner ganzen Schulzeit hatte ich nie eine feste Freundin, weil es einfach niemanden gab, für den ich mich interessierte oder die sich für mich interessierte. (Meine eher lockeren Freundschaftsverbindungen oder Kontakte pflegte ich eher mit älteren Schülern.) Das änderte sich, als ich in der 10. Klasse der Hauptschule meinen Realschulabschluss nachholte. Wir wurden aus vier Klassen zusammengewürfelt. Ich lernte Rosie kennen. Sie war gebürtige Italienerin und lebte in einem Kinderheim meiner Stadt. Sie wurde von vielen Mitschülern geärgert und ausgestoßen, doch ich mochte sie. Sie besaß eine blühende Fantasie und konnte herrliche Geschichten erzählen. Allerdings hatte sie tatsächlich einige Suizidversuche hinter sich. Sie zeigte mir ihre Arme und Handgelenke, die im Bereich der Hauptschlagader mit Narben übersät waren. Wir wurden für ein Jahr beste Freundinnen und verloren uns nach der Schule aus den Augen.

In meiner Ausbildung zur Erzieherin zeigte sich wieder das Interesse an außergewöhnlichen Kindern. Kinder, die mir durch ihr auffälliges Verhalten interessant erschienen. Der Junge, der sich ständig bellend unter dem Tisch verkroch und lieber ein Hund war als ein Kind. Das Mädchen, das andere grundlos schlug, weil es zu Hause Prügel bekam. Diese Kinder bekamen meine Aufmerksamkeit und ich verstand mich stets gut mir ihnen, im Gegensatz zu den leitenden Erzieherinnen. Ich kam eher mit den anderen Kindern nicht klar, die mir oft frech und ungerecht erschienen.

Als ich später einige Kleinkindergruppen leitete, entwickelte ich immer wieder Sympathien für auffällige Kinder. Bewegungsauffällig oder einfach nur anders. Kinder, die ein Bild anders gestalteten als andere und Materialeien zweckentfremdeten erhielten mein Lob für ihre Kreativität. Ich mochte es, wenn ein Kind eine eigene Idee entwickelte.

Als ich mit 30 Jahren begann, Bücher zu schreiben, verspürte ich immer den Drang, eines Tages über einen autistischen Menschen zu schreiben und konnte mir diese Idee nie erklären. Damals wusste ich nichts von meinem Autismus. Heute stelle ich fest, dass fast all meine Protagonisten autistische Anzeichen haben, ich also immer schon ein Gefühl für das Denken und Handeln dieser Menschen hatte, weil es selbst in mir drinsteckt. Leser, die Rezensionen zu meinen Büchern schreiben, erwähnen oft meinen Blick für Details und das Außergewöhnliche. Selbst mein Schreibstil ist außergewöhnlich. Leser fühlen sich mit in die Welt der Protagonisten gezogen und erleben sehr detailliert und hautnah alles mit. Ich beziehe mich gerne auf das Wesentliche und nicht auf unwichtige Dinge drumherum. Eben der Blick für das Außergewöhnliche…

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe lesen)
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8 Gedanken zu „Der Blick fürs Außergewöhnliche

  1. blutigerlaie

    was soll ich sagen? Geschichte aus 5 Wörtern, ja denke, ich, ein Satz mit 5 Wörtern also… beim 2.Lesen des Absatzes merkte ich meinen „Fehler“… autistisch-konkretistische Wahrnehmung halt, auch wenn ich durch Stories mit den Lehrern meiner Kinder besser trainiert sein sollte

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    1. Denkmomente Autor

      Ah, verstehe… ja, der Satz bestand nicht nur aus diesen 5 Wörtern, sondern die 5 Wörter waren in einen langen Satz eingefügt. Jetzt, wo du es sagst, wäre mir wohl das Gleiche passiert, wenn ich die Geschichte nicht selbst erzählt hätte… 😉 Ich begreife vieles zunächst wortwörtlich.

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  2. Horst

    Hallo Marion!

    Ich möchte Dir heute den Film „Die fabelhafte Welt der Amelie“ für das Jahresende empfehlen.
    Alles andere als die vordergründige Liebesgeschichte und passend zu Deinem Thema oben! Ganz nebenbei mal die Augen schließen und nur der Musik lauschen!

    LG Horst

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  3. Horst

    Hallo Marion!

    Übrigens: Horst = Chris (vom „stalking“), bitte entschuldige die anfänglich Maskerade.

    Mich würde sehr interessieren, was Dich an dem Film so sehr fasziniert – ich hoffe Du siehst hier auch die Parallelen zu dem Thema oben.
    Neben der Musik (ich spiele selber seit ein paar Jahren Klavier), sind es für mich die vielen Zufälle, die den Reiz ausmachen: Zufälle, die erklärbar sind (von außen gesehen), Zufälle die provoziert sind (jemand initiiert), Zufälle die nicht erklärbar sind (echter Zufall? – manchmal aber auch wirklich nur im Film vorkommen können…) und Zufälle die mir vielleicht noch gar nicht aufgefallen sind. 🙂

    LG Horst

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    1. Denkmomente Autor

      Was mich an dem Film so fasziniert, fragst du. Eigentlich alles, denn es fühlt sich wie meine Welt an. Ich sehe zum Beispiel die Farben Grün, Rot und Gelb besonders leuchtend. Meine Wohnung muss immer das Licht der Dämmerung haben, also gelbliches Licht, genau wie Amilie lebt. Es sieht in ihrer Welt alles gemütlich aus. Die Menschen um mich herum wirken genauso chaotisch auf mich und ich lebe ständig in einer eigenen Welt neben ihnen her. Ich bin sehr wütend, wenn Menschen gemein oder ungerecht sind. Dann finde ich es nur gerecht, wenn ihnen übel mitgespielt wird. Zudem empfinde ich Zufälle nicht als Zufälle, sondern als eine magische Begegnung, die einen Sinn haben muss. Ich liebe verspielte Annäherungen und wenn Menschen, die mir wichtig sind, glücklich sind. Ich lasse mir auch oft etwas Fanatsievolles einfallen, um andere glücklich zu machen. Und ich träume gerne von glücklichen Welten, die ich in der Realität nicht finde. Ich träume sie mir schön und bunt. Die Liebe findet bei mir auf einer anderen Ebene statt, genau wie bei Amelie. Sie muss mit Seelenverwandtschaft verbunden sein und doch scheint es einem oft unmöglich sich einem Menschen zu nähern, dem man diese Liebe gegenüber empfindet. Ich mag Menschen mit außergewöhnlichen Leidenschaften, weil ich auch viele habe. Ich sammle schon immer Steine vom Boden auf, die mich mit besonderen Momenten verbinden. Doch bei mir müssen es herzähnliche Steine sein.
      Es gibt also unzählige Dinge in dem Film über Amilie, die ich liebe. Doch das schönste darin ist die Magie, die der Film ausstrahlt und sich so unendlich weich und warm anfühlt…

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  4. Horst

    Hallo Marion!

    Danke für Deine Worte! Es gibt eine 120 Seiten Bachelorarbeit zum Film, in der dieser eher „mathematisch“ untersucht wird (übrigens eher meine Welt) und hier tritt natürlich das Wort Magie nicht in Erscheinung, ist aber doch sehr interessant den Aufbau des Films mal so zu sehen. Das Drehbuch entstammt ja keinem Magier – oder vielleicht doch…? Ich bin froh, dass Du nur herzförmige Steine von speziellen Momenten sammelst, sonst würde ich mir Sorgen um die Taschen Deiner Kleider machen… 🙂 Interessant für mich ist besonders, dass Du auch in den Zufällen des Films (und vielleicht auch den „wichtigen“ des „Alltages“) magische Begegnungen siehst oder vermutest. Mich reizt es natürlich hier weiter zu „bohren“, aber das Titelthema ist ja nicht „Die fabelhafte Welt der Amelie“, auch wenn wir beide hier Zusammenhänge erkennen sollten. Kannst Du Dich noch an die Quelle der Inspiration des Titelthemas erinnern?
    Regeln der Kommunikation gibt es viele – zumindest für mich eine der wichtigsten: Offenheit! Wenn hier also für Dich „seltsame“, ungewollte Themen oder zu viele Fragezeichen auftauchen, dann bitte einfach offen ansprechen.

    Noch ein frohes neues Jahr 2016 für Dich, mit besonders vielen magischen Momenten!

    LG Horst

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    1. Denkmomente Autor

      Ich wünsche dir auch ein frohes neues Jahr!
      Keine Sorge, ich werde mich schon melden, wenn mir bestimmte Fragen zu weit gehen. Nein, das ist falsch, leider reagiere ich oft ratlos und antworte gar nicht mehr. Das ist eines meiner Probleme, die soziale Interaktion, obwohl sie mir auf schriftlichem Wege um vieles leichter fällt, als auf verbalem. Es passiert mir immer wieder, dass ich bestimmte Fragen einfach nicht verstehe. Mit fehlt irgendwie der Zusammenhang, wogegen ich komplizierte Dinge wiederum oft schneller verstehe… ???? Mein Gehirn ist auch mir ein großes Rätsel… 🙂

      Zur Frage, ob ich mich noch an die Quelle der Inspiration des Titelthemas erinnere: Meist ist es so, dass ich durch Dinge im Alltag darauf aufmerksam werden, was bei mir so anders ist. Das können Begegnungen, Bücher, Blogs oder einfach nur Beiträge in Facebook oder Filme sein. Dieses Thema entstand, als ich meine England-Fotos sortierte und bemerkte, wie viele Detailbilder ich gemacht habe. Dächer, Kamine, Laternen, einsame Bänke…. Ich finde weniger Landschaften oder Großaufnahmen. Und doch weiß ich, wo ich jeden einzelnen Kamin abgelichtet habe. Eines Tages werde ich mal einen Blog über meine merkwürdigen Macken schreiben … hehe… Dazu gehört unbedingt das Sammeln von Herzsteinen, die tatsächlich meine Hosen- und Jackentaschen oft unschön ausbeulen, je nachdem wie groß sie sind, die ich finde. Ich sammele sie und bilde daraus daheim einen „Herzberg“. Immer wenn neue hinzukommen, wächst der Berg. Er ensteht auf einer Holzscheibe, die von einem Baum in England stammt, unter dem ich oft gesessen und geschrieben habe und der leider vor zwei Jahren gefällt wurde. Das Fällen von besonderen Bäumen tut mir oft weh. Ich bin ein Mensch, der alles was er sammelt, mit Erinnerungen verbindet, doch es sind fast nur Naturmaterialien. Ich habe zur Natur eine besondere Verbindung und finde viele wunderbare Dinge darin. Die Deko meiner Wohnung besteht aus Baumrinden, Steinen und anderen Dingen, die man wunderschön arrangieren kann.
      Ich hoffe, damit deine Frage beantwortet zu haben.

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