Motorische Probleme

Ich stoße überall an und das meine ich nicht im übertragenen Sinne! Ich stoße tatsächlich überall mit meinen Händen, Füßen und Schultern an. Deswegen kommt es häufig zu Verletzungen, über die andere nur den Kopf schütteln. Sie nennen es Tollpatschigkeit. Für mich ist es Alltag.

Schon drei Mal musste ich zum Optiker, um meine Brille richten zu lassen. Ständig stoße ich mir den Kopf an irgendwelchen Schränken und verbiege mein Brillengestell dabei. Nicht selten erleide ich kleine Verletzungen am Auge, so dass ich schon Angst bekam, man könnte annehmen, mein Mann würde mich schlagen. Nein, das tut er nicht, hat er nie getan und wird es auch nie tun. Aber wenn man öfter mit solchen Verletzungen gesehen wird, könnte es zu Spekulationen führen. Also ging ich zum Augenarzt und ließ mein Sichtfeld prüfen, ob es eingeschränkt wäre. Nein, ist es nicht. Alles in Ordnung.

Immer wieder rutsche ich mit dem Messer ab und schneide mich. Immer wieder stoße ich Dinge um oder vom Tisch oder renne mit der Schulter gegen den Türrahmen, wenn ich das Zimmer verlasse. Meine Ungeschicktheit wäre ein Comic-Buch wert. Ich verschätze mich bei Treppenstufen und habe ständig blaue Flecken am Schienenbein, weil ich mal wieder abgerutscht bin.

Als Jugendliche versuchte ich auf einem Turnbalken zu gehen. Keine Chance! Ich konnte das Gleichgewicht nicht halten. Folglich kann ich auch nur kurz auf einem Bein stehen. Sportlich war ich deswegen nie die Beste. Nur Schwimmen funktionierte, aber auch dabei beanstandete mein Schwimmtrainer ständig eine falsche Beinbewegung, die ich nie wegtrainiert bekam.

Grazie? Fehl am Platz! Ich meine, ich renne nicht wie ein Trampeltier durch die Gegend, aber ich bewege mich auch nicht sehr galant… Ich könnte niemals High-Heels tragen! Schon der bloße Gedanke daran lässt mich erschaudern! Ich trage deswegen immer schon bequeme flache Schuhe. Geschäfte voller Glas und Porzellan meide ich tunlichst. Warum? Ich kann einfach nicht abschätzen, wann ich etwas an- oder umstoße.

Kennt Ihr das Problem als Jugendliche, wenn man ungeschickt wird, weil Arme und Beine wachsen und das Gehirn manchmal nicht mitkommt, die Abstände abzuschätzen? Nun, bei mir ging diese Zeit nie vorbei. Doch ich entwickelte eine Menge Humor dadurch. Muss immer über mich selbst lachen. Mein Gehirn gibt mir irgendwie keine rechtzeitigen Signale in dieser Richtung.

Oder kennt ihr das Problem, mit dem Ärmel an der Türklinge hängen zu bleiben? Herrje, ich weiß nicht, wie viele Blusenärmel ich deswegen zerrissen habe…
Seit langer Zeit laufe ich nur noch mit hochgekrämpelten Ärmeln rum. Ich ziehe einen Pulli direkt beim Anziehen bis zur Armbeuge hoch, nur um beim Zimmerverlassen nicht wieder hängenzubleiben. Ich kann die Dinge, die ich deswegen schon fallen lassen habe nicht mehr zählen. Es stört mich grundsätzlich, Stoff an den Handgelenken zu spüren. Muss immer die Ärmel hochziehen, wenn sie runterutschen. Es irritiert mich sonst.

Es scheint eine Kombination aus zu schnellen Bewegungen/Hektik und Fehleinschätzungen bei der Wahrnehmung zu sein, die ich bis heute nicht in den Griff bekommen habe. Was ich aber im Griff habe ist, darüber einfach immer wieder zu lachen…

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe lesen)
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6 Gedanken zu „Motorische Probleme

  1. kiki0104

    Heute erst habe ich auch mal wieder einen Sturzflug gemacht und zwar über ein Kabel. Konnte mich grad noch so am Tisch fangen, sonst wäre die Sache böse geendet. (Ich bin nicht-diagnostiziert, mein Psychiater riet mir ab davon) Aber was ich Dir sagen wollte: Ich habe auch immer alles voller blauer Flecken, die ganzen Beine und die Schultern wegen den Türrahmen…

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  2. Isi

    Guten Abend,

    leider ist der Beitrag schon ein Jahr alt, deshalbw eiß ich nicht, ob du ihn lesen wirst. Aber ich wollte ein paar Gedanken teilen.
    Meine Eltern sind beide Asperger und ich – wahrscheinlich – nicht, es wurde nie eine Diagnostik gemacht. Wenn dann wäre ich hochfunktional und hypersensitiv, das gepaart mit Hochintelligenz blendet sehr leicht über vorhandene Symptomatiken hinweg.
    Zu der Geschichte:
    Meine Mutter hat immer wieder vergessen, was wir ihr gesagt haben. Sie wirkte immer, als habe sie nicht zugehört oder würde langsam taub werden. Sie war extra bei einem HNO-Arzt, um das abklären zu lassen. Das Ergebnis war, dass es ihren Ohren perfekt ging. Sie war einfach von so vielen Reizen überladen und konnte sie nicht zwischenspeichern. Lautstärke hat da einfach keinen Unterschied gemacht. Sehr spannend.
    Und bezüglich Motorik musste ich gerade die Stirn runzeln. Mir passiert das auch, meine Lebenspartnerin fragt mich dann immer wieder, ob es mir nicht gut geht, weil ich oft auch so beherrscht wirke. Aber manchmal ist dann gar nichts Emotionales im Argen. Das bringt mich gerade zum Nachdenken.

    Liebe Grüße,
    Isi

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    1. Denkmomente Autor

      Liebe Isi, vielen Dank für deinen Kommentar! Es ist immer wieder merkwürdig, auf welche Art und Weise man auf AS aufmerksam wird. Wenn man nicht gerade wegen extremen Lebenskrisen in einer Klinik landet und dort eine Diagnose bekommt, bastelt man irgendwie ziemlich lange an allem herum. Bei mir stellte ich grundsätzlich fest, dass in meinem Leben irgedetwas nicht mit mir stimmte. Es war nur so ein Gefühl, das mich nie losließ. Als ich von AS erfuhr und las, löste sich das Gefühl auf. Ich wünsche dir alles Gute!! Liebe Grüße!

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