Hass auf Geräusche – Misophonie

Ehrlich gesagt musste ich lachen, als ich zum ersten Mal von der Misophonie las. Das ist eine selektive Geräuschintoleranz.
Ich bin wirklich nicht auf der Suche nach neurotischen Störungen oder weiteren Überempfindlichkeiten, aber dieser Hass auf Geräusche kommt mir irgendwie sehr bekannt vor…

Es begann, als ich mit fünf Jahren bei meinen Großeltern übernachtete und zum ersten Mal meinem Opa beim frühstücken zusah. Nichts bewegendes. Aber als er seinen Kaffee laut schlürfend aus der Tasse trank und ihn mit einem harten Schluckgeräusch herunterschluckte, wurde mir zum ersten Mal schlecht. Nicht ein bisschen, nein, in mir kam regelrechter Ekel hoch. Es wurde so schlimm, dass ich aufstand und die Küche verließ. Dieses Schluckgeräusch wirkte derart ekelig auf mich, dass ich nicht anders konnte, als mich zu entfernen. Ich wollte meinen Opa ja nicht anschreien, aber ich konnte dieses Geräusch einfach nicht aushalten.
Damals verband ich es nicht mit Wut, Zorn oder gar Hass, nein, es war einfach nur ekelig. Doch im Laufe meines Lebens veränderte sich diese Reaktion nicht, im Gegenteil, es wurde schlimmer. Ich hatte und habe immer noch große Mühe mit Menschen an einem Kaffeetisch zu sitzen, weil man dort das Schluckgeräusch besonders laut hört. Beim Mittagstisch ist es nicht ganz so schlimm, weil es durch die ständigen Geräusche auf den Tellern abgemildert wird.

Ich weiß, dass diese Menschen nichts dafür können, aber das Geräusch verursacht irgendetwas in meinem Kopf.

Später kamen noch zwei weitere Geräusche hinzu, die sicherlich auch viele kennen und nicht mögen. Eins davon war das Knacken mit den Fingerknöcheln. Es gab eine Zeit in meiner Jugend, in der es viele Jungs ganz cool und aufregend fanden, mit ihren Gelenken zu knacken. Ich erinnere, dass es während der Spencer/Hill-Filme zu einer Art Kult wurde. Man präsentierte damit Stärke und wollte den Gegner abschrecken oder Angst machen. In mir verursachte es Ekel. Viele fanden das Geräusch furchtbar, aber sie taten nicht das, was ich tat: Ich ging diesen Menschen regelrecht aus dem Weg und konnte keinen Kontakt zu ihnen halten, weil sich der Ekel für mich furchtbar anfühlte.

Einige Jahre später gesellte sich ein drittes Geräusch dazu: Das Kiefernknacken. Manche Menschen haben eine leichte Kiefernfehlstellung und benötigen eine sogenannte Schlafschiene. Wenn sie ihren Kiefer z.B beim Gähnen öffnen, knackt es. Wenn die Fehlstellung stärker ausgeprägt ist, knackt es sogar beim Kauen oder Essen. Ich bin nicht in der Lage, mit solchen Menschen an einem Tisch zu sitzen.

Liegt es an der Art des Geräusches, der Tonlage, die irgendetwas in meinem Gehirn auslöst?

Jetzt frage ich mich, ist es wirklich ein Hass auf Geräusche? Hass ist ein hartes Wort, aber es kommt meinem Gefühl sehr nahe, weil ich sogar Kontakte dafür aufgebe. Diese Gluck-und Knackgeräusche lösen in meinem Gehör irgendetwas aus, das ich nicht in den Griff bekomme. Das ist einer der Gründe, weswegen ich ungern in Gesellschaft speise. Ich bekomme es einfach nicht in den Griff, egal, wie sehr ich mich bemühe.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe lesen)
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2 Gedanken zu „Hass auf Geräusche – Misophonie

  1. Megaterhorst

    Ich habe dasselbe Problem mit Leuten welche in ein Taschentuch schniefen. Ich kann das Geräusch einfach nicht ab weshalb ich auch als Kind oft ein Taschentuch ablehnte insofern mir die Nase lief. Ich kam erst später damit etwas besser klar, versuche aber auch heute noch das Geräusch auszublenden insofern sich jemand anderes gerade die Nase putzt.

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  2. Alexandra

    wirklich aussergewöhnlich dass hier in Ihrem/Deinem Blog (hab mich gerade wieder festgelesen) etwas geschildert wird, dass ich kenne vom Geräusch dass entsteht, wenn der Hund sein Wasser schlabbert. Ich habe eine mittlerweile ältere Hündin, die ich mir aus fragwürdigen Motiven zulegte und deren Anwesenheit und Versorgung mich eigentlich belasten, da ich sie aber vom Tierschutz habe und auch von Freunden, die Tierfreunde sind, nicht abgelehnt werden möchte, pflege ich dieses Tier weiter. Ich dachte, meine Abneigung gegen dieses Geräusch, wenn der Hund sein Wasser schlabbert hat nur psychische Ursachen, das Tier kommt rein vom Gassie gehen und nimmt sich mit einer Selbstverständlichkeit sein Bedürfnis nach ein paar ausgiebigen Schlucken Wasser, während ich zB aufs Klo muß und erst noch ausziehen etc. Ich kann es nicht richtig beschreiben, aber es nervt mich so tief innerlich. Ab und zu organisiere ich Wanderungen mit Freundinnen, die sich sonst nicht in den Wald trauen, am liebsten mit Picknik, ihnen zuliebe auch mit Einkehr. Darunter sind immer so begeisterte Hundetränkerinnen dabei, dass ich weiß, ich brauch gar kein Wasser mitnehmen….Wenn ich den Hund doch hergeben würde (es könnte sein, dass mir ein geplanter Arbeitsplatzwechsel da günstig entgegenspielt), würden sie es eher verkraften, wenn ich sie anlügen würde, er sei überfahren worden… Als sie (die Hündin) mal eine Erkrankung in den Gelenken hatte, war ich ganz bewusst ohne sie Wandern gegangen, es war herrlich, ganz alleine, ich konnte einen Fuchs beobachten, ohne dass der Hund wüterich bellte und in Ruhe fotografieren. Soviel, dass ich meine es ist eher psychologisch, allerdings mag ich diese Schlabbergeräusche auch bei andren Hunden nicht.

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