Und plötzlich war alles anders!

Heute noch mittendrin im Geschehen einer Großfamilie und dann der Zusammenbruch. Ganz plötzlich!
Hallo?, sagten die anderen, die keine Ahnung davon hatte, was mit mir los war. Ich hatte alles! Ja! Eine tolle Familie, einen liebenden Ehemann, tolle Kinder, Schwiegereltern, die mich liebten, Freunde, die mich mochten, keine Schulden und lebte in einem tollen Haus in einer gemütlichen Stadt in einer Gesellschaft, die mich anerkannte. Ich hatte alles erreicht.
Hallo?, fragt sich jetzt jeder. Mehr kann man im Leben doch nicht erreichen! Ich hatte mein Leben optimiert! Mein Leben? Oder war es das der anderen?

Andere Szene:
Ich stehe auf einer Party und fühle mich wie in einer Blase. Ich bin abgekapselt und doch mittendrin. Ich höre die anderen lachen und frage mich, wie alle so ausgelassen und fröhlich sein können. Mich stressen die vielen Stimmen, die Fragen, die auf mich einströmen, das künstliche Gelächter, die Komplimente, die gelogen sind und die vielen Nebengeräusche. Musik, die ich nicht mag und mich zusätzlich aggressiv macht. Doch ich lache mit, ich verteile Komplimente, die gelogen sind und fühle mich so deplatziert und falsch. Kann nicht aus meiner Blase heraus, sondern fühle mich abgetrennt von dieser Welt. Ich hasse es zu lügen und Dinge zu sagen, die einfach nicht stimmen. Doch was soll ich tun? Was bleibt mir? Zuhause falle ich in eine tiefe Erschöpfung, die zwei Tage von meiner Kraft frisst…

Andere Szene:
Ich stehe beim Arzt. „Sie haben Brustkrebs“, sagt er. „Sie brauchen eine Chemo und eine Bestrahlung. Aber das bekommen wir hin. Sie sind so positiv und fröhlich, das schaffen Sie.“
Einige Monate später:
Ich stehe wieder beim Arzt. „Sie haben Diabetes Typ 1. Sie müssen ab sofort Insulin spritzen. Aber das bekommen Sie hin. Sie haben so viel geschafft.“
Einige Jahre später.
Ich stehe wieder beim Arzt. „Sie haben Knoten an der Schilddrüse. Brauchen eine Radiojod-Bestrahlung. Aber das bekommen Sie hin. Sie haben ….“
Stop!

Warum arbeitete mein Körper ununterbrochen gegen mich? Was passierte zwischen meinem Verstand und meinem Körper? Sie waren über 30 Jahre lang voneinander abgetrennt. Arbeiteten nicht miteinander, sondern zerstörten sich gegenseitig. Der Körper war zugrunde gerichtet. Nun beginnt der Verstand.
Nun wieder zum Anfang:

Heute noch mittendrin im Geschehen einer Großfamilie und dann der Zusammenbruch. Ganz plötzlich!

Dann die Diagnose: Autismus.

Ich bleibe in meiner Blase, wohne darin. Immer. Wird auch so bleiben. Ich fühle mich der Welt nicht zugehörig. Aber die Partys hören auf. Vieles hört auf. Zum ersten Mal beginnt mein Verstand Kontakt zum Körper aufzunehmen. Es funktioniert. Der Körper stabilisiert sich, doch meine Krankheiten bleiben eine Art Mahnmal, dass so etwas nie wieder passieren darf.

Ihr braucht mich nicht verstehen, denn Autismus ist schwer zu verstehen. Ihr braucht mich nur so zu nehmen, wie ich bin.
Wenn ich allein sein will, dann lasst mich allein.
Wenn ich nicht auf eine Feier will, dann ladet mich nicht ein.
Wenn ich Shopping-Malls meide, dann fragt mich nicht, ob ich mitkommen will.
Holt mich nicht immer in eine Welt, die ich nicht verstehe.

Ich kann nicht „nein“ sagen und überschreite ständig meine Grenzen. Will es allen recht machen. Aber ich hege die Hoffnung, dass immer mehr Menschen mich verstehen lernen und das viele Fragen aufhören. Wenn ich etwas möchte und die Kraft dazu habe, dann melde ich mich…

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe lesen)
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4 Gedanken zu „Und plötzlich war alles anders!

  1. lotos09

    Wenn ich das lese, erkenne ich mich darin wieder. Mir fallen jedoch nie die richtigen Worte ein, um meine Empfindungen auszudrücken. Meine Diagnose kam allerdings auch erst in meinen 50ern, nachdem mein Körper mir die Grenzen zeigte. LG.

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  2. D.Helbich

    Es ist wirklich so, dass der Körper irgendwann rebelliert auch wenn man es am Anfang noch nicht versteht wieso. Ich bekam meine Diagnose auch erst nach dem 40 Lebensjahr und habe seit mehreren Jahren immer mehr das Problem dass ich immer öfters wegen Immunschwäche des Körpers krank werde neben den täglichen Kopfschmerzen.

    Das Nein sagen fällt auch mir schwer, so arbeitet man immer so weiter und macht als das was man nicht unbedingt machen möchte oder kann , bekommt dann kurze Zeit später die Quittung da man Zu Hause zusammenbricht, aber keiner versteht es. Es kommen dan oft die typischen Sprüche das habe ich auch manchmal, eben: Manchmal aber nicht 365 Tage im Jahr.

    Ich finde es prima, dass Du/Sie die Möglichkeit hast/haben diese Umstände zu ändern und jetzt so lebst wie es für die gesundheitlich besser ist und dem Naturell deiner Persönlichkeit entspricht.

    Gefällt 1 Person

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