Das Phänomen Schlafstörung

Schwer auszuhalten, kann ich nur sagen.

Schon als Kind und Jugendliche hatte ich einen unregelmäßigen Schlaf. Als kleines Kind wurde ich oft von Albträumen geweckt und hatte regelrechte Fieberzustände, die aber kein Fieber waren. Als Schülerin lernte ich Schreiben und nutzte die Nachtzeit, um Geschichten zu verfassen. Zudem schrieb ich oft Tagebuch.
In dieser Zeit kam der mangelnde Schlaf tagsüber kaum zur Geltung. Es verging kaum eine Nacht, in der ich vor vier Uhr einschlief. Es machte mir einfach nichts aus. Es gab Zeiten, in denen schlief ich nur von vier bis sechs Uhr am Morgen. Danach war ich putzmunter und voller Energie und nahm es deswegen überhaupt nicht als eine Schlafstörung wahr. Meine Mutter war immer sehr besorgt und versuchte, einen Schlafrhythmus in mich hineinzubringen, doch sie schaffte es nicht. Und doch, wenn ich heute über diese Zeit nachdenke, fällt mir etwas auf, was ich gerade wieder erlebe. Es gab und gibt immer wieder Nächte, in denen ich tief und fest durchschlafe. Wie kann das sein und was löst diesen erholsamen Schlaf plötzlich aus? Nun kann man sagen: okay, irgendwann holt sich der Körper den Schlaf, den er braucht. Nein, nein, damit hatte es wenig zu tun. Es handelt sich bei mir um ein völlig anderes Phänomen, was ich gerade wieder erlebe! Ich versuche es zu schildern:

Sobald ich Menschen und Geräusche um mich habe, löst es bei mir eine Aufmerksamkeit aus. Aber nicht nur eine kleine, wie es bei NTs der Fall ist, nein, ich fahre direkt auf Hochtouren. Bei mir sind direkt alle Synapsen auf Empfang geschaltet und startbereit zum zünden! Auch die kleinsten Vorfälle, die von vielen ignoriert werden, landen bei mir in der Kammer der vollen Aufmerksamkeit. Mir fehlt der Filter für das Unwichtige. Bei mir ist alles wichtig. Je mehr Menschen und Geräusche ich um mich habe, je mehr Gas muss mein Hirn geben. Ich nehme alles wahr! Alles! Deswegen kann ich öffentliche Plätze oft kaum aushalten. Manchmal fährt mein Gehirn den ganzen Tag über im Vollgas, obwohl gar nichts Dramatisches oder Beunruhigendes passiert ist. Was ist das nur? Warum kann ich bei unwichtigen Dingen nicht einfach mal abschalten und mich erholen? Ich denke, das ist eines der ungelösten Geheimnisse des Autismus‘. In diesem Moment wird der Rückzug wichtig. Wenn ich keine Rückzugsmöglichkeit habe, kann ich den Motor im Gehirn nicht abschalten. Das kuriose ist gleichzeitig, dass mein Rückzug so aussieht, dass ich mich mit meinem Spezialthema intensiv in einem ruhigen Raum beschäftige. Werde ich dabei gestört, werde ich echt grantig! Menschen, die keinen Autismus haben, würden sagen: Aber dieses intensive Arbeiten mit dem Spezialthema ist doch viel anstrengender, als in einem Cafè zu sitzen und Kaffee zu trinken. Nicht bei mir! Bei mir ist es genau umgekehrt. Das zurückgezogene Arbeiten entspannt mich mehr als jede Freizeitbeschäftigung eines NTs.

Nun betrachte ich einmal meinen Tag:
Wenn ich tagsüber alleine bin und in Ruhe arbeiten kann, finde ich Nachts in einen guten Schlaf hinein. Ich stelle es mir so vor: In meinem Gehirn befindet sich Hirnwasser, dass sich zu drehen beginnt, sobald ich aktiv werde und Reize aufnehme. Je mehr Reize ich aufnehme, je schneller dreht sich das Hirnwasser. Es kommt also richtig in Fahrt.
Wenn ich nun den ganzen Tag von Menschen und Reizen umgeben bin, auch wenn der Tag noch so ruhig war, spüre ich eine enorme Drehzahl im Kopf. Es fühlt sich wie Hitze an. Und dann kommt die Nacht. Das Hirnwasser kann nicht so schnell stoppen, weil es zu stark auf Touren läuft. Die Gedanken, die sich darin durch die Reize tummeln, drehen sich also weiter und es dauert oft stundenlang, bis ich zur Ruhe komme. Besonders stark bemerke ich es nach abendlichen Veranstaltungen oder Partys, die ich nur mit großer Mühe durchstehe. Oder wenn ich den ganzen Tag hindurch mit Menschen zusammen sein muss.

Je älter ich werde, desto offensichtlicher zeigt sich dieses Phänomen. Als Jugendliche nahm ich es nicht wahr.

Die einzige Möglichkeit, einen erholsamen und langen Schlaf zu finden, ist also die Vermeidung von Reizen. Da ich keinen gut funktionierenden Filter dafür besitze, muss ich mir die reizfreie Umgebung schaffen, mitunter auch erzwingen, was nicht immer allen gefällt. Ich muss mich also auch von Menschen befreien, die ich im Grunde gerne um mich habe.
Das bringt mich oft in einen Konflikt. Ich sehne mich nach Kontakten und leide gleichzeitig unter ihnen. Das ist in einer Partnerschaft sehr schwer. Gemeinsamer Urlaub ist für mich zum Beispiel Höchstarbeit, weil ich den ganzen Tag mit meinem Partner verbringe und ihm Aufmerksamkeit schenke. Ebenso gemeinsame Ausflüge. Ganz zu schweigen von Wochenenden. Das ist richtig anstrengende Arbeit für mich!

Seit meine Kinder ausgezogen sind, geht es mir viel besser, obwohl meine Kinder keine Schuld tragen. Ich liebe sie sehr, aber ich bemerke auch, wie gut es gerade ihnen tut, ebenfalls von den Reizen, die ein Familienleben mit sich bringt, befreit zu sein. Nun arbeite ich an einer Balance zwischen meinem Ehepartner und mir. Es bedarf einer großen Ehrlichkeit und Toleranz, um einen Tagesablauf zu finden, der beiden guttut.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe lesen)
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Ein Gedanke zu „Das Phänomen Schlafstörung

  1. blutigerlaie

    Spontan dachte ich, Schlafstörung, betrifft mich gar nicht. Aber die BEschreibung mit dem „Hirnwasser“ sagt mir doch eine ganze Menge, und die Art der Erschöpfung und des trotzdem Nicht-schlafens, bei innerlich total aufgedreht, kenn ich nur allzu gut! Danke für die Beschreibung!

    Gefällt 1 Person

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