Ich würde so gerne mal meine Wut zeigen!

Wut und Zorn sind zwei gefährliche Gefühle in mir. Sie jagen mein emotionales Barometer in immense Höhe. Meist hängt es mit einer Respektlosigkeit, Ungerechtigkeit oder Hinterlist mir gegenüber zusammen. Ich kann mit diesen Dingen nicht umgehen. Es gibt aber auch Situationen, in denen ich Wut gegen mich entwickle, weil mir mal wieder nicht im richtigen Moment die richtige Idee oder Antwort einfiel. Das Problem mit der sozialen Interaktion…

Wut und Zorn können Dimensionen in mir auslösen, die für viele vielleicht unvorstellbar sind. Nur die, die das gleiche Gefühl kennen, können es nachvollziehen.

Ein wichtiger Termin oder ein wichtiges Gespräch, das ich durch fehlende Reaktionsstrategien vermasselt habe oder eine Arbeit, die ich veröffentlicht habe und nicht mehr rückgängig machen kann. Was passiert ist, ist passiert.

Ich lebe überwiegend von Korrekturen. Das bedeutet, dass meine ersten Reaktionen oft nicht angemessen sind. Sie erscheinen plump, ja, manchmal sogar dumm und naiv, weil sich so viele Reize und Reaktionen in mir freisetzen, die ich nicht sortiert bekomme. In mir entsteht ein riesiges Bündel von Emotionen, für die ich nicht schnell genug Worte finde. Also kommen mir zunächst nur unsortierte und oft auch zusammenhanglose Worte über die Lippen. Ich beginne sie erst dann gedanklich zu korrigieren oder gar erst zu erstellen, wenn die Situation längst vorbei ist und ich keine Reizen mehr, die mich ablenken, ausgesetzt bin. Stunden oder Tage später fällt mir die perfekte Reaktion ein. Das dumme an der Situation ist, dass ich stundenlang oder tagelang darüber brüte und Autoaggressionen in mir verursache, die meinen ganzen Körper in Beschlag nehmen. Erschöpfung, Müdigkeit, bis hin zur Verstummung und Erstarrung können die Folgen sein. Je nachdem, wie wichtig mir die verpatzte Situation erscheint.

Es geht mich schlecht, wenn Menschen einen falschen Eindruck von mir bekommen. Es geht mir noch schlechter, wenn sie anschießend über mich reden oder sich lustig machen.
Es gab Zeiten, da konnte ich nicht einmal mehr schlafen, weil ich nur daran dachte, wie sehr die anderen mich verachten. Ich fühle mich stigmatisiert und finde auch keine Möglichkeit, eine Situation zu bereinigen, denn damit trete ich direkt ins nächste Fettnäpfchen. Ich mag vielleicht einige passende Antworten parat haben, aber das Aufrollen einer alten Situation verursacht auch gleichzeitig ein neue Angriffsfläche. Ein Teufelskreis für mich!

Es gibt Situationen, die ich einfach so hinnehmen muss und denen ich nicht nachhängen sollte, um sie nicht noch verfahrener zu machen. Das Schlimme daran ist die Wut, die in mir bleibt. Es ist eine Negativenergie, die sich gegen meinen Körper richtet. Ich bin so gut wie nie erkältet oder leide an offensichtlichen Infektionen. Nein, der Kampf richtet sich gegen mein Immunsystem in einer Form, die zu Autoimmunerkrankungen führt. Der Körper beginnt sich selbst zu zerstören, indem er die Abwehr abbaut, Tumore können wachsen oder Organe in ihrer Stoffwechselfunktion geschädigt/gestört werden.

Mittlerweile habe ich eine Form der Gelassenheit erarbeitet, die mir ermöglicht, nicht mehr alles so nahe an mich heranzulassen. Ich verzichte auf immer mehr Kontakte, um die ich früher gekämpft habe. Im Grunde sind es doch Kontakte, die mich zugrunde richten, weil der nötige Respekt fehlt.
Natürlich verkleinert sich mein Freundeskreis dadurch. Früher habe ich immer gedacht, dass viele Freunde beweisen, wie „normal und richtig man tickt und dazugehört“. Falsch!! Viele Freunde zu haben fordert, sich auch viel anzupassen und zu verbiegen. Ein ewig stressiger Prozess in mir.

Was ist das Wichtigste für mich, wenn ich Wut und Zorn verspüre?

Ein Ventil!!

Ich möchte diese Gefühle nicht mehr in mir wüten lassen und habe eine Möglichkeit gefunden, die ich im Grunde schon als Kind genutzt habe: das Schreiben.
Das Schreiben ist mir heute wichtiger als je zuvor. Worte wirken wie heißer Dampf, der aus mir austritt, bevor ich platze. Das Schreiben gibt mir die Balance, die ich brauche, um mich gesund und stark zu fühlen.

Jeder hat ein Ventil in sich, sei es Sport, Musik, Malen oder eine andere Tätigkeit, die ihn entspannt.

Ich finde das Ventil eines der wichtigsten Werkzeuge bei Autismus. Es kann ein Spezialinteresse oder eine Beschäftigung sein, die den Druck nimmt. Wer sein Ventil kennt, sollte es nutzen, anstatt sich damit zu beschäftigen, wie man „verpatzte“ Situationen wieder geradebiegen kann. Wenn ich meinen Fokus verändere, und darauf richte, was mir guttut, verschwindet auch sofort die Wut…

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe lesen)
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3 Gedanken zu „Ich würde so gerne mal meine Wut zeigen!

  1. FlicFlac

    Ich lächle und weine insgeheim, wenn ich den Artikel lese.
    Ja, es ist der Umschalter, das Ventil, die Fokussierung auf Aktivitäten die ablenken, die guttun – welche Wut, Zorn, Traurigkeit, Enttäuschung aber auch Freude, Glück und das Anderssein erlauben, zum Ausdruck zu bringen. Die Gedanken ordnen, das System wiederherstellen und autoaggressive Prozesse durchbrechen. Es ist der Ausgleich zu einem immerwährenden anstrengenden Balanceakt den jede Autistin / jeder Autist tagtäglich durchlebt. Mein Ventil ist das Malen, das Eintauchen in Farben und Formen.
    FlicFlac

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  2. Lisa

    DAS SIND EINS ZU EINS MEINE WORTE!!!!

    … Musste ich laut sagen, es packt mich gerade, hat mich aus dem Schlaf gerissen, den ich eigentlich tun wollte. Man, man. Selbst Autoimmunkrankheiten und wenige Erkältungen, die ich habe, werden erwähnt. Unglaublich!

    Schreiben ist auch mein Ventil, welches ich schon sehr früh entdeckt habe. Bereits vor der Grundschule kritzelte ich auf Papier herum. Danke für diesen Beitrag, den ich soeben gelesen habe. Es gibt keine Zufälle im Leben, sage ich immer wieder.

    Gefällt 1 Person

    Antwort

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