Die Angst vor dem Alleinsein

Seit einigen Tagen beschäftigt mich dieses Thema wieder, weil ich von anderen Betroffenen des Asperger Syndroms von dieser Angst lese. Es sind Menschen, die stehen in einer intimen Partnerschaft zu einem Menschen – Ehe oder Freundschaft.

Da ich diese Angst kenne, kann ich auch die Nöte nachvollziehen, die sie mit sich bringen.

Wie war das bei mir mit der Angst vor dem Alleinsein?
War es nicht eher die Angst vor dem Verlassenwerden?

Nun, ich bin seit 31 Jahren verheiratet und habe diese Angst zum ersten Mal verspürt, als mir bewusst wurde, dass ich eine Betroffene des Asperger Syndroms sein könnte. Was hat diese Angst ausgelöst?

Durch die Anpassung an die Gesellschaft über viele Jahre, habe ich mich nie mit mir und meinen Gefühlen beschäftigt, sondern alles hingenommen, wie es war und war immer bemüht, mich bestmöglich zu zeigen. Keine Frage, ob es mir gefällt oder ob ich es mag. Selbstaufgabe als Aufgabe, in der Gesellschaft zu existieren.

Als ich vor knapp vier Jahren begann, über das Asperger Syndrom erstmals zu lesen und die ersten Infos einzuholen, setzte sich in mir parallel zur Erleichterung auch eine Angst in Gang, die ich nicht kannte. Ich las plötzlich von Schwächen, die ich nie an mir wahrgenommen habe, weil ich sie mit Bravour bislang kaschierte. Nun lagen sie vor mir: all die Dinge die ich mit großer Anstrengung bewältigte und im Grunde doch nie beherrschte. Bereiche, die ich glaubte zu überblicken, die ich jedoch nie überblickte. Die große Anstrengung als Motor, nicht unter zu gehen. Nach über 30 Jahren war mein Motor jedoch plötzlich defekt. Er war verschlissen, abgenutzt und nicht mehr zu reparieren. Ich besaß nur noch die verbeulte Karosserie – die Hülle, den Körper.
Das war der Moment, in dem sich die Angst zum ersten Mal zeigte. Ich begegnete mir selbst mit der schmerzhaften Feststellung, dass ich Hilfe brauchte. Endlich! Ich war in der Lage, um Hilfe zu bitten. Gleichzeit fühlte ich mich den Menschen ausgeliefert. Und genau das hat eine riesengroße Angst in mir ausgelöst. Ich war plötzlich abhängig. Ich hasse Abhängigkeit!
Obwohl ich fast mein ganzes Leben lang von anderen Menschen abhängig war, weil ich es ihnen immer Recht zu machen versuchte, erkannte ich plötzlich eine andere Abhängigkeit:

Was, wenn die anderen erfahren würden, dass ich autistisch bin? Wie werden sie reagieren, mich sehen, empfinden oder, werden sie mich überhaupt noch akzeptieren?

Damit begann die Angst vor dem Verlassenwerden in mir hochzukriechen. Ich hegte keinerlei Absichten, mich von meinem Partner, meiner Familie oder den Freunden zu trennen, doch ich erkannte, dass ich viel mehr Entlastung, Rückzug und Ruhe brauchte, als ich bisher eingefordert hatte. Was würden diese Bitten bei den anderen auslösen?

Als ich Krebs hatte, war die Bitte nach mehr Ruhe klar zu erkennen. Krebs ist sichtbar. .., aber Autismus?

Wie sollten die anderen nun einen unsichtbaren Grund erkennen? Wie sollte ich erklären, dass ich die ganze Zeit eine Rolle gespielt hatte, von der ich nicht wusste, dass ich sie spielte, weil mir die Anstrengung so normal vorkam.

Ich war ab dem Moment, als ich mitteilte, mein Leben ändern zu müssen, allen Menschen um mich herum zunächst ausgeliefert. Das löste eine enorme Angst in mir aus! Mit den Entscheidungen und Meinungen der anderen fiel oder stieg ich auf. DACHTE ICH! Die anderen entscheiden, was aus mir wird. DACHTE ICH!
Das löste eine Depression mit starken Schlafstörungen in mir aus. Und tatsächlich, die ersten wichtigen Menschen um mich herum begannen sich zurückzuziehen oder mich nicht zu verstehen. Nur wenige fragten nach oder interessierten sich für meine „neuen“ Probleme. Und wenn ich versuchte, sie zu erklären, fühlte ich mich abgewürgt oder missverstanden. Viele versuchten meine Argumente zu entkräften und baten mich darum, einfach so weiter zu machen wie bisher. Ein Teufelskreis! Den musste ich durchbrechen. Ich musste direkt in meine Angst, verlassen zu werden, hineinarbeiten und tat es. Das war ein hartes Stück Arbeit und Überwindung!

Ich verreiste zum ersten Mal alleine und suchte die Einsamkeit. Ich suchte mich und meine Wünsche und Sehnsüchte. Ich war nicht in der Lage, in meinem bisherigen Alltag darüber nachzudenken. Die Angst, wie sich das Alleinsein anfühlen würde, war enorm. Doch es geschah etwas völlig Unerwartetes: Ich bemerkte, dass ich VON NIEMANDEM abhängig war! Dass es nur meine Einbildung und eine irrationale Angst in mir war, die mir dies zu suggerieren versuchte. Doch ich musste dieses Gefühl der Unabhängigkeit erst wahrnehmen und spüren lernen, um dann mein weiteres Leben darauf aufzubauen und diese Angst vor dem Alleinsein zu verlieren.

Heute habe ich keine Angst mehr, verlassen zu werden oder allein zu sein. Es sind eher die anderen, die nun unruhig werden, dass ich sie verlassen könnte…
Ich habe eine neue Kontrolle über mich gewonnen…

b jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe lesen
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2 Gedanken zu „Die Angst vor dem Alleinsein

  1. Frau Anders

    Danke für deine Worte, das tut gut zu lesen wie es sein kann am Ende des Weges den ich selber grade gehe. Ich arbeite auch an dem Thema mich mehr zu mir selber hin zu
    verändern mit all den Ängsten und Menschenverlusten die dazugehören und bin zum Glück glaub ich schon halbwegs auf der Zielgraden. Ich freue mich schon auf das Ziel

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    1. denkmomente Autor

      Vielen Dank für deinen Kommentar!! Ich drücke dir alle Daumen, dass du genug Kraft findest, den Weg weiter zu gehen! Dieser Weg fordert viel Geduld ein, weil die Angst ein ständiger Begleiter ist. Im Grunde ist es ein ständiges „Aushalten“ und Warten, bis es besser wird. Der Weg ist von unzähligen Entscheidungen geprägt. Entscheidungen, vor denen ich Angst hatte, ob sie richtig seien. Dann immer wieder der Druck von Außen, dass ich mich negativ verändert hätte. Doch was ist negativ? Ich empfand die Veränderung positiv. Auch da hat sich wieder die unterschiedliche Wahrnehmung gezeigt. Ich empfand lange Zeit eine große Wut auf viele Menschen, weil sie mir nicht gönnten, etwas für mich zu tun. Und genau von diesen Menschen musste ich mich trennen, wenn auch mit Schmerzen, aber heute weiß ich, dass es das Beste war, was ich je für mich getan habe. Ich sende dir 1000 Tonnen Kraft!! Liebe Grüße!

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