Autismus und Denksysteme – wenn das Bild aus dem Rahmen fällt

Das Denken und Wahrnehmen ist ein zentrales Thema bei Autismus. Ich denke in Bildern und versuche häufig, mein Denken mithilfe von Bild-Geschichten zu erklären. Ich nutze also eine Art Bild-im-Kopf-Strategie.
Wie funktioniert mein Gehirn eigentlich?

Stellt euch mein Gehirn wie ein Feld voller Sektionen vor. Oder voller kleiner Kästchen, das ist vielleicht einfacher.
Es gibt bei mir eine Gehirnregion, die ist voller Kästchen der Vergangenheit, eine der Gegenwart und eine der Zukunft. Alles klar? Also die VGZ-Kästchen.
Die Kästchen der Vergangenheit sind bereits mit festen Erinnerungen gefüllt, und zwar mit denen, wie ich sie wahrgenommen, bzw. erlebt habe. Das muss nicht unbedingt die Wahrnehmung der anderen gewesen sein. Es passiert häufig, dass Gespräche über die Vergangenheit stattfinden und ich sage: „Weißt du noch, das war doch so und so…“. Darauf bekomme ich öfters folgende Antwort: „Nein, das war nicht so, sondern so…“.
Beispiel: Ich habe in Erinnerung, dass ein Mädchen ein weißes T-Shirt trug, aber es war hellgelb. Nun passiert folgendes. Ich kann in meinem Kästchen keine Erinnerung mehr korrigieren und rufe immer die gleiche ab. Sie hat sich manifestiert. Der NT ist in der Lage, seine Erinnerung zu korrigieren und dies beim nächsten Mal auch abzurufen. Ich nicht. Bei mir bleibt das T-Shirt immer weiß, egal, wie oft ich die Erinnerung abrufe und korrigiert werde.

Nun gehe ich in das Kästchen der Gegenwart.
Es kam letzte Woche zu einem Vorfall, an dem ich das G-Kästchen gut erklären kann.
Ich arbeitete an dem Cover meines neuen Buches. Darauf ist ein Gesicht abgebildet, dass sich fest in meinem G-Kästchen platziert hat. Ich sehe es innerlich wie ein Bild in einem Rahmen, habe das Gesicht gespeichert und erkenne es überall wieder. Dann ist folgendes passiert: Mein Mann passte das Cover an ein Druckformat an und musste es ein wenig verändern, sprich, er musste es ein wenig in die Länge ziehen, so dass das Gesicht gering schmaler wurde. Einem NT macht es vielleicht nichts aus, aber in mir entstand eine Art Overload. Jemand hatte mein G-Kästchen zertrümmert!
Es passierte folgendes:
Ich erkannte das Gesicht zunächst nicht wieder und sprach ihn aufgebracht an, dass dies nicht das Gesicht sei, was ich ausgesucht habe. Er sah mich verdutzt an. Ich erkannte zwar die Farben wieder, aber nicht den Gesichtszug, den ich in meiner Erinnerung gespeichert hatte. Das Bild war also förmlich aus dem Rahmen gefallen. Stell dir vor, du klebst ein Foto völlig asymmetrisch vorne auf einen Rahmen. Dann passt es nicht mehr und du magst es so auch nicht ansehen. Es entspricht nicht deiner Vorstellung von einem gerahmten Foto.
Mit diesem verzerrten, für mich fremden Gesicht, war das Cover völlig inakzeptabel. Ich bekam einen leicht cholerischen Anfall, der meinem Mann die Röte ins Gesicht trieb. Ich verließ das Zimmer und sagte, dass ich mein altes Bild wiederhaben wollte, sonst würde ich das Buch nicht drucken lassen. In mir tobte unbändiger Stress, den ich nur in den Griff bekam, indem ich das Zimmer verließ.

Schon die kleinsten Veränderungen entfremden meine Vorstellung. Meine Erinnerung kann nicht mit dem kompatibel werden, was ich dann sehe. Dazu muss ich ein neues Kästchen eröffnen und es damit füllen. Ich kann mental keine Korrekturen durchführen. Auf diese Art und Weise muss ich immer und vieles ständig neu lernen. Ich besitze kein Anpassungs- oder Korrekturdenken.
Als mein Mann das Gesicht wieder in den Ursprungszustand versetzte und anpasste, war wieder alles in Ordnung. Für mich hatte das Gesicht, als er es schmaler machte, nicht nur die Aussagekraft, sondern auch den Charakter verloren. Meinen Mann sah keinen Unterschied.

Nun zu meinen Kästchen der Zukunft.
Ich habe eine Vorstellung von dem, was morgen oder in weiterer Zukunft passieren soll, also einen Plan. Ich eröffne eine Menge neuer Kästchen oder Rahmen und fülle sie mit Bildern. Ich erstelle also neue Systeme in meinem Gehirn, womit es in den nächsten Stunden, Tagen oder Wochen arbeiten kann. Nun liegt es doch auf der Hand, dass es immer Veränderungen gibt. Was passiert nun mit meinen Denksystemen? Alle meine Bilder in den Rahmen verrutschen oder … die Kästchen sind zertrümmert. Ich muss sie neu erstellen. Das löst großen Stress in mir aus. Das erklärt auch, warum mich Veränderungen so aus der Fassung bringen. Für mich bedeutet es viel Arbeit, diese Kästchen zu erstellen, weil ich kaum Intuition besitze. Ich kann nur schwer eine Situation auf mich zukommen lassen und spontan angemessen reagieren. Deswegen versuche ich diese Situation vorher gut zu planen und mir einzuprägen.

Ein Mensch, der dieses Problem nicht hat, kann sich nicht vorstellen, wie anstrengend und erschöpfend es für mich ist, ohne Intuition zu leben. Das erklärt auch meine Ängste vor fremden Menschen und Situationen. Wenn ich nicht vorbereitet bin, trete ich gerne ins Fettnäpfchen, weil mein Gehirn anders verdrahtet ist und oft länger braucht, um etwas zu verstehen. Deswegen baue ich ständig diese Kästchen vorher in meinem Kopf.

Es gibt natürlich auch Veränderungen, die ich gut akzeptieren und umsetzten kann, aber das sind eher für mich unbedeutende Veränderungen, bei denen es mir egal ist, wie etwas wird. Aber die wichtigen lösen in mir Stress, Zorn oder eine Art Desorientierung aus. Das kann so weit gehen, dass ich in eine Erstarrung falle, nicht mehr rede oder mich nicht mehr bewegen kann. Das fühlt sich an, als hätte jemand meine ganzen Kästchen zerstört oder die Rahmen zerbrochen.

Was unterscheidet nun mein Gehirn von dem eines nicht autistischen Menschen? Meine Anpassungsfähigkeit in vielen Bereichen ist gestört.
Es tut mir gut, wenn ich vorher gut planen kann und wenn ich diese Planungen auch einhalten kann. Das Erstellen von immer neuen Kästchen und Rahmen kosten mich viel Mühe. Deswegen lebe ich nach strengen Regeln und Systemen.

Der NT erlebt eigentlich in gleicher Weise Stress, z.B. wenn er den Einkommenssteuerbescheid am Wochenende erledigen möchte. Nun kommt aber unerwarteter Besuch oder irgend etwas anderes dazwischen. Der Bescheid bleibt in einer Art Warteschleife im Gehirn und das stresst den NT. Doch er empfindet den Stress nicht in der Dimension wie ein Mensch mit Autismus. Die sogenannte Warteschleife in meinem Gehirn fühlte sich wie eine Höllenfahrt an. Sie nimmt meine ganzen Emotionen und Launen in Beschlag. Ich lebe streng nach dem Motto: Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.
Viele NTs leben entspannter, frei nach dem Motto: Kommst du heute nicht, kommst du morgen…
DAS KANN ICH NICHT! Ich komme heute, weil ich für morgen bereits neue Kästchen gefüllt habe.

Heute ist mein Kästchen mit Gartenarbeit gefüllt. Und das werde ich jetzt tun … Schüss!

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe lesen)
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