Meine Reise zum Autismus – ein Rückblick

Dieser Blog ist ganz sicherlich keine Anleitung zur Heilung, denn Autismus kann man nicht heilen. Nein, ich schreibe diesen Blog aus einem ganz anderen Grund. Die meisten stoßen rein zufällig auf das Asperger Syndrom und erleben eine Art Erleichterung und Verwirrung zugleich. Ja, das Gefühl kenne ich! Vielleicht hilft dieser Blog allen, die gerade erst erfahren, dass sie autistisch sein könnten oder sind, dass eine gewisse – ich nenne es mal Desorientierung – dazugehört. Keiner, der gerade erfährt, dass er autistisch sein könnte, schreit laut „Hurra“…

Meine Geschichte: Der Weg zum Autismus

Seit drei Jahren weiß ich nun von meinem Autismus und es hat mich anfangs so manche schlaflose Nacht gekostet und viele verwirrte Gefühle in mir hochgejagt. Als ich zum ersten Mal von dem Asperger Syndrom las, wollte und konnte ich nicht glauben, dass ich eine Betroffene sein sollte. Mein Verstand und meine Gefühle wehrten sich eine lange lange Zeit dagegen. Wie kam es nun dazu, dass ich zuließ, mich als die zu akzeptieren, die ich wirklich bin?

Zunächst einmal ging ich mit allen Mittel gegen das Gefühl, eine Störung in mir zu haben, an. Kämpfte ich nicht jeden Tag darum, in der Gesellschaft dazuzugehören, mich anzupassen, nicht aufzufallen? Verdammt, sollten diese Kämpfe etwa umsonst gewesen sein? Doch warum hörten sie niemals auf? Ich begann jeden Tag aufs neue bestimmte Verhaltensregeln zu lernen, Dinge zu verstehen und Reize bewusst zu filtern, ohne wirklich weiter zu kommen. Hört das denn nie auf? Wie blöd bin ich eigentlich?

Ja, „blöd“, so fühlte ich mich ständig. Zu dumm für diese Welt. In mir entstand schon während meiner Kindheit ein großes Schamgefühl und ich begann immer wieder von neuem darum zu kämpfen, nicht als blöd angesehen zu werden.

Ein Mensch, der nicht von Autismus betroffen ist, kann sich nicht vorstellen, wie immens die Anstrengung ist, jeden Tag zu den alltäglichen Dingen hinzu auch noch ein Verhalten abzurufen, das nicht angeboren, sondern jeden Tag neu erlernt werden muss. In meinem Kopf gibt es für gewisse Verhaltens- und Reaktionsstrategien keinen Speicher. Dazulernen? Fehlanzeige. Viele Dinge, die ich tue, löschen sich innerhalb kurzer Zeit wieder aus meinem Gedächtnis. Warum? Studien haben ergeben, dass Autisten in bestimmten Bereichen nicht lernfähig sind, weil es die Gehirnstruktur nicht zulässt. Eine fehlende Hand wird immer eine fehlende Hand bleiben. Zum Glück gibt es Handprothesen, aber leider keine Gehirnprothesen!

Wie gelang es mir nun nach all den Jahren – ja fast vergeblicher Mühe – mich so anzunehmen, wie ich wirklich bin? Endlich mit dieser ständigen Anpassung zu stoppen und auch anderen zu zeigen, wie ich von Natur aus bin.

Ich lernte, mich auf mich einzulassen. Ich las zunächst viel über das Asperger Syndrom, um sicher zu sein, dass es bei mir zutraf. Dann ließ ich den ganzen Stoff in mir wirken. Ich war fasziniert, aber auch gleichzeitig abgestoßen oder sehr verwirrt. Es fühlte sich an, als würde sich meine ganze Lebensstruktur, die ich so schwer erarbeitet habe, löschen und nichts mehr passen. Man könnte auch sagen: Ich war eine lange Zeit durch den Wind. Ich bekam fast nichts mehr einsortiert, weder Gefühle noch Dinge, die früher in meinen Alltag gehörten. Es fühlte sich fast wie eine Amnesie an. Es war eine anstrengende Zeit, weil ich zusehends mehr meine Alltagsstruktur verlor. Ich verlor mein ganzes altes Leben. Plötzlich passten meine Gefühle und Gedanken nicht mehr in das Leben, was ich bisher gelebt habe.
Da wurde mir klar, dass ich „anders“ bin, als die anderen um mich herum, obwohl ich immer dachte, ich wäre genauso wie sie, müsste mir nur mehr Mühe geben. Aber nein, diese Tatsache tat zunächst weh. Einerseits wusste ich immer, dass ich nicht als 0-8-15-Nummer durch die Gegend lief, aber dass ich eine Störung in mir haben sollte, klang für mich absurd. Ich fühlte mich nie unnormal, nur eben irgendwie anders. In mir kam große Angst auf, dass ich viele Kontakte verlieren würde, wenn ich jemanden davon erzählen würde. Viele viele Monate lang sprach ich mit niemandem darüber. Hatte auch Angst, ausgelacht zu werden, weil ich den Autismus einfach nicht zeigen konnte. Und erklären schon gar nicht!

Nach einem Jahr begann eine Zeit, in der ich plötzlich verspürte, alleine verreisen zu müssen, um Klarheit zu bekommen. Wollte darüber nachdenken, wer ich wirklich bin und was ich will. Diese Reise wurde zum Durchbruch meiner Selbsterkenntnis. Ich spürte plötzlich, dass ich für niemandem mehr funktionieren musste und konnte alles tun, was mir Spaß machte. Ich musste keinem Aufmerksamkeit schenken oder mich anpassen. In mir entstand eine neue unbekannte große Lebensfreude. Ich hatte mein Ich wiedergefunden und vermisste nichts aus meinem alten Leben!

Ab diesem Moment beschloss ich, regelmäßig allein zu verreisen und meiner Leidenschaft, dem Schreiben, zu frönen. Bei jeder weiteren Reise entdeckte ich mehr Anzeichen von Autismus in mir, und ich begann diese Blogs darüber zu schreiben, weil es mich faszinierte. Meine Reisen begannen sich über 5-7 Wochen hinzuziehen und jedesmal entdeckte ich neue Dinge an mir, die ein großes Wohlgefühl in mir auslösten. Ich kam dem Gesamtbild einer Autistin immer näher und fragte mich, wie ich das all die Zeit nur ausgehalten habe. Ich fand auch dafür eine Antwort: ich bin hochfunktional. Ich verfüge über eine große soziale Kompetenz zur Anpassung, trotz viele autistischer Merkmale. Zudem ist die Psychologie mein Spezialinteresse, was mir sicherlich auch noch bei der Anpassung half.

Die Erkenntnis-Zeit dauerte ein weiteres Jahr. Solange ertrug ich den Übergang von meinem alten Leben in das neue. Es wurde im Laufe diesen Jahres immer besser. Ich fühlte mehr und mehr Stabilität aufkommen und mich bereit, mehr auf meine Bedürfnisse zu achten und es den anderen mitzuteilen.
Nun befinde ich mich im dritten Jahr der Erkenntnis und habe den ersten Schritt in die Gelassenheit gefunden. Ein Gefühl, das ich bisher kaum kannte. Ich bemerke, wie gut es tut, manchmal die Dinge fließen zu lassen. Dadurch, das ich viel auf meine Bedürfnisse zu achten gelernt habe, schaffe ich es ganz langsam, die Dinge mehr auf mich zukommen zu lassen, wo ich früher immer alles planen musste. Dieser Drang wird weniger, weil ich nicht mehr so viel Wert darauf lege, was andere von mir denken oder von mir erwarten. Manchmal fühlt es sich regelrecht egoistisch aber gut für mich an. Ich erkenne die Richtigkeit an der Sache. Ich DARF sein! Ich brauche mich nicht mehr verstecken. Alle Dinge, die plötzlich passieren, passen so gut zusammen und fühlen sich so richtig an! Die Erschöpfung vom Alltag lässt etwas nach. Ich komme immer öfters in längere Erholungsphasen.
Jetzt lebe ich immer mehr im Hier und Heute, was ich nur als Kind schaffte.

Und doch nehme ich immer wieder mein Systemdenken in mir war, denn auch Dinge, die fließen, können ein System haben… Ich erkenne andere Zusammenhänge!

Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen
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3 Gedanken zu „Meine Reise zum Autismus – ein Rückblick

  1. gedankensplitter2016

    Vielen Dank für Ihre Blogs, Frau Schreiner! Ich lese jetzt schon länger mit, hab auch die „Denkmomente 1“ gelesen….
    Sie helfen mir sehr! Seit längerem hege ich den Verdacht, Asperger-Autist zu sein, und kann gar nicht genug dazu lesen. Vor allen Dingen in Ihren Beiträgen erkenne ich mich wieder. Ich bin weiblich, 53 Jahre alt und arbeite seit über 30 Jahren mit Begeisterung im Behindertenbereich, und auch seit einiger Zeit in einer Leitungsposition. Ich denke, der fachliche Umgang mit Menschen ist mein Spezialgebiet. Nicht gerade typisch autistisch…. Auch wird mir von Kollegen immer wieder gesagt, dass ich sehr empathisch sei. Letztes Jahr war das der Ausschlussgrund für eine Psychologin, bei der ich mich diagnostizieren lassen wollte.
    Mir wird immer klarer, wie ich mich jeden Tag verbiege, um dieses Leben zu führen, aber ich komme auch immer öfter an den Rand eines Burn-Out, und jedesmal brauche ich länger, um zu wissen, was ich brauche, und um mich wieder einigermaßen zu erholen. Zum Teil ist mir gar nicht bewußt, was mich so erschöpft.
    Ich habe Angst, diese Tür zu öffnen, und mich auf mich einzulassen, so wie Sie in diesem Blog geschrieben haben. Ich habe schon ein paar Erkenntnisse gewonnen, und mir gleitet mein Leben davon. Ich habe wirklich Angst, nicht mehr zu funktionieren, wenn ich weiter forsche… Gleichzeitig kann ich auf diese Weise aber auch nicht mehr weitermachen….
    Ihr Weg gibt mir Hoffnung, vielen Dank, dass Sie uns daran teilhaben lassen!

    Gefällt 3 Personen

    Antwort
    1. Denkmomente Autor

      Vielen Dank für die nette Rückmeldung! Ich kann Sie sehr gut verstehen, denn es ist ein Unterschied, zu vermuten oder zu wissen, ob man tatsächlich betroffen ist.
      Wie Sie so schön schrieben, ist für viele Psychologen die Empathie ein Ausschlusskriterium, was ein großer Irrtum ist. Bei vielen ist genau das Gegenteil der Fall, nämlich dass sie zuviel Empathie empfinden, was dazu führt, dass derjenige keine Grenze bei einer Hilfe findet, weil ihm das Nein-Sagen so schwer fällt. Warum fällt einem das Nein-Sagen so schwer? Weil er oft in eine soziale Interaktion eingebunden wird, der er schlecht standhalten kann. Also gibt er nach, weil er sich nicht anders zu helfen weiß. Ein Autist kann nur schwer spontan angemessene soziale Reaktionen abrufen, die ein nicht betroffener Mensch sofort mitteilen kann. Autisten geraten oft in die Scheife der Schuldgefühle und des schlechten Gewissens, wenn die Gespräche kompliziert werden. Das ist hauptsächlich bei hochfunktionalem Autismus der Fall. Nach außen bemerkt niemand etwas, aber innerlich bestehen viele Probleme, die ein Beroffener nur schwer in den Griff bekommt. Zudem ist es bekannt, dass Frauen das Asperger Syndrom anders zeigen als Männer und deswegen nur schwer an Diagnosen kommen.
      Ich freue mich, wenn Ihnen meine Blogs helfen. Viele Grüße!

      Gefällt 2 Personen

      Antwort

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