Vom Mobben und Scheitern – eine schmerzhafte Erinnerung

Ich bin schon von Kindesbeinen an ein Flüchtling.
Als Kind hat man keinen großen Radius zum flüchten, aber die angrenzenden Wäldern boten mit derzeit genug Möglichkeiten, allein zu sein.

In meiner frühen Jugend entwickelte ich den Drang, das Land zu verlassen und in die USA zu reisen. Dort ist es groß, weit, anders, frei und eine Form der Natur vorzufinden, die mich ansprach, z.B. die Rocky Mountains. Ich träumte von einer Trapperhütte und stundelangen Wanderungen neben „Dem Mann aus den Bergen“. Ich sah mich schreiben und lesen.

Nun, ich will die Geschichte etwas kürzen, weil ich bereits über mein immer präsentes Fernweh schrieb.

2007 passierte dann etwas, dass ich nie vergessen werde und das mich in ein großes, erstes und wirkliches Trauma warf.

Wir hatten es als Familie mit zwei Kindern endlich geschafft, von der kanadischen Botschaft das Okay zu erhalten in Calgary/Alberta arbeiten und leben zu dürfen, weil die Zentralstelle für internationale Arbeitsvermittlung (ZAV) dringend Elektriker in Calgary suchte und mein Mann eine Stelle erwarb, weil er gerade arbeitslos geworden war. Unser primäres Ziel, in den USA zu leben kam näher, denn wer sich 5 Jahre legal in Kanada aufhält, bekommt eine Genehmigung, danach in den USA leben zu dürfen. Yeah!, dachten wir und ich steckte all meine Energie in diese großartige Auswanderung. Endlich! Es gab nicht einen Tag, an dem ich zweifelte, das Richtige zu tun.
Um auch hier abzukürzen, will ich von einem Ereignis schreiben, das die ganze Auswanderung zerstörte und von dem ich derzeit nicht wusste, woher es kam:

Wir waren durch zwei Arbeitsstellen in Calgary wirtschaftlich sehr gut abgesichert. Ich fand eine Stelle bei „Control Inovation“, einer Handelsfirma, im Büro, wo ich Bestellungen und Lieferungen und die üblichen Assistenzarbeiten erledigen musste. Im Grunde eine Arbeit, die ich mit links schaffe. Dachte ich!
Ich wurde in ein Großraumbüro gesetzt und bekam von meiner Vorgesetzten das Programm und die ersten Arbeiten erklärt. Soweit, so gut, denn dazu konnten wir uns in einen Nebenraum zurückziehen. Alles klar!
Dann musste ich an meinen Arbeitsplatz mitten im Geschehen und konnte mich nicht mehr konzentrieren. Ununterbrochen hörte ich meine Kollegen reden, lachen, diskutieren und zur Toilette oder Kaffeemaschine gehen. Derzeit wusste ich natürlich nicht, wo mein Problem liegt, aber es wurde schnell klar, dass ich zu langsam war, denn ich kontrollierte immer wieder meine Arbeit, weil ich Fehler fand. Zudem wurde ich von Kollegen ständig angesprochen und aus dem Konzept gebracht. Nun darf man nicht vergessen, dass noch eine zusätzliche Konzentration zur eigentlichen sozialen Interaktion hinzukam: die Sprache. Die kanadische Sprache hat viele „Eigenwörter“ und ich beherrschte nur die Basis-Sprache. Also hieß es doppelte Konzentration. Als Systemmensch legte ich mir eine Liste an und schrieb alle neuen Worte jeden Tag auf und versuchte sie abends nach der Arbeit zu lernen. Schon schnell bemerkte ich, dass ich mir nicht ein Wort merken konnte. Ich konnte plötzlich nicht mehr lernen!! Das war mir noch nie passiert.
Trotz allem Stress, den ich derzeit empfand, erhielt ich schnell Lob von meiner Vorgesetzten, dass ich zwar noch etwas langsam sei, dafür aber weitaus korrekter als meine Kollegen. Mir unterliefen so gut wie keine Fehler und auch die manuellen Kundenordner erhielten plötzlich eine Ordnung, die man nicht kannte. Und genau damit begann der Schlamassel!

Es begann damit, dass eine Kollegin mich ständig nach Büroartikel fragte, mit denen ich ihr aushelfen sollte: Büroklammern, Heftklammer, Locher… Das tat ich natürlich gerne, weil ich es als ein soziales Miteinander hielt. Ich erkannte nicht die Schikane und die Hinterlist dahinter, mit der diese Frau gegen mich vorzugehen schien. Doch als sie begann meine Pinwand, die ich vor mir aufgebaut hatte und die mit Infos für Kunden vollgeheftet war, zu verändern, mir also die Zettel während meiner Abwesenheit entfernte und sie auf meinen Schreibtisch legte, weil sie mal wieder Heftzwecken brauchte, zog sich die Sache hoch. Zunächst reagierte ich gelassen, indem ich ihr schlussendlich all meine Sachen schenkte und sagte, ich bestelle mir dann eben alles bei „Staples“ neu, denn ich hatte die Verwaltung über den Einkauf von Büroartikeln. Das muss meine Kollegin verärgert haben und sie wurde nachdrücklicher.

Eines Mittags ging ich in den Pausenraum und als ich wiederkam, war mein Locher verschwunden. Wie suchten überall und diese Kollegin zog weitere Kollegen voller Sorge hinzu. Sie sagte, bei ihr seien auch Artikel verschwunden und plötzlich griff sie in meine Tasche, die seitlich am Schreibtisch stand und holte all die vermissten Artikel heraus.

Ich erlitt einen starken Overload und fühlte ein starkes Knacken im Kopf. Zunächst dachte ich, es sei ein Schlaganfall, doch ich hatte keinerlei Anzeichen diesbezüglich. Dass man mich als Diebin zu bezichtigen versuchte, brachte mich nicht nur eine Situation, die ich nicht bewältigen konnte, sondern löste einen Overload nach dem anderen in mir aus.
Viele Kollegen trösten mich, ich solle mich nicht ärgern lassen, weil sie mir vertrauten und das nur ein blöder typischer Scherz dieser Frau gewesen sei, doch es änderte nichts mehr. Ich bin solchen Scherzen nicht gewachsen und war ab diesem Moment im Netz von Overloads gefangen, entwickelte eine Kontrollsucht und notierte mir jeden Abend den Bestand meiner Büroartikel, um festzustellen, ob ich wieder bestohlen worden war. Der Stress, der in mir entstand, war derart groß, dass ich die Kontrolle über meine Diabetes (Typ 1 mit Insulin) verlor und an starken Unterzuckerungen litt. Ich verlor fast 20 Kilo Gewicht, weil ich nichts mehr zu mir nehmen konnte. Der Clou war, als diese Kollegin sich in mein Programm häckte und eine Bestellung manipulierte. Das war der Tag, an dem ich zusammenbrach. Natürlich erfuhr ich keinerlei Schuld, aber ich konnte der Situation nicht mehr standhalten. Ich kündigte nach acht nur Wochen und begann daheim an Wein- Angst- und Panikattacken zu leiden. Ich isolierte mich im Haus, konnte keinen Wagen mehr fahren und das Haus nicht mehr verlassen. Die Depression wurde so stark, dass ich beschloss, nach fünf Monaten wieder zurück nach Deutschland zu reisen. Wir brachen mit der ganzen Familie die Auswanderung ab.

Heute weiß ich woran es gelegen hat. Heute weiß ich, worin das Problem bestand. Doch damals litt ich an der zusätzlichen Angst, geisteskrank zu werden. Ich sah nur noch eine Rettung: die Flucht. Zurück in die alte Umgebung und in die alten Gewohnheiten. Die Rückwanderung hat in uns allen ein Trauma ausgelöst. Wir kann man nach solch einem banalen Vorfall direkt ein so großes Projekt abbrechen? Ich hätte nur die Stelle wechseln müssen. Aber nein, ich konnte nicht mehr arbeiten gehen, weil mich die Psychoattacken derart gefangen hielten, dass sich sogar Knoten an der Schilddrüse bildeten. Man wollte mich in Calgary sogar in eine geschlossene Psychiatrie einweisen und mit Psychopharmaka versorgen. Das war der Moment, als ich abbrechen musste, denn ich spürte, dass dies alles falsch war! Schon damals spürte ich innerlich immer wieder, dass mit mir irgendetwas mit der Wahrnehmung nicht stimmte.

Heute weiß ich Bescheid. Ich konnte es damals in Calgary nicht schaffen, weil ich mich selbst nicht verstand. Das wiederum löste eine große Angst gegen mich selbst aus und verschlimmerte der Zustand sehr stark.

Der Fluchtgedanke ist geblieben. Ich depersonifiziere mich immer noch gerne, wenn alles zu viel wird. Seit drei Jahren flüchte ich regelmäßig nach England an die Küste. Dort schreibe und lese ich. Doch diesmal ist es anders, diesmal weiß ich, warum ich das brauche und was ich auf keinen Fall mehr zulassen kann … und das gibt mir ein gutes Gefühl!

Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen
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2 Gedanken zu „Vom Mobben und Scheitern – eine schmerzhafte Erinnerung

  1. Ismael Kluever

    Liebe Marion,
    du schreibst: „Ich konnte es damals in Calgary nicht schaffen, weil ich mich selbst nicht verstand.“
    Wäre es dir denn besser gegangen, wenn du mehr über dich gewusst hättest?
    Die Kollegin hätte sich ja nicht anders verhalten.

    Ja, es ist bitter, dass eure Zukunftspläne wegen des leichtfertigen Verhaltens dieser Frau gescheitert sind. 😦
    Aber in meinen Augen ist diese Frau viel mehr gescheitert. Nämlich charakterlich, als Mensch, und das total! Auch, wenn sich dass in ihrer beruflichen Karriere nicht ausgewirkt hat.
    Ich glaube, viele Leute haben keine Ahnung, was sie mit Worten und Taten anrichten…

    Gefällt 1 Person

    Antwort
    1. denkmomente Autor

      Vielen Dank wegen der Nachfrage, lieber Ismael! Ich hätte die Stelle erst garnicht angenommen, denn ich kann in einer unruhigen Umgebung einfach nicht konzentriert arbeiten. Doch das wusste ich derzeit nicht, weil ich noch nie in der Situation war. Daheim hatte ich im Büro eines Elektrobetriebes für kurze Zeit gearbeitet und das lief wunderbar, weil ich allein war. Deswegen dachte ich, das bisschen Büroarbeit krieg ich schon hin. Pustekuchen. Ich bin Mobbin nicht gewachsen und werde auch nie lernen, damit umzugehen. Egal in welchem Land.

      Ja, die Frau ist eine armselige Person. Sie hat nicht bemerkt, dass sie die Existenz einer ganzen Familie mal eben ausgepustet hat. Wir kamen völlig mittellos wieder in Deutschland an und ich musste erst einmal in eine Klinik für eine Radio-Jod-Bestrahlung, um die Knoten in der Schilddrüse wieder loszuwerden. Das sind Lektionen fürs Leben, die man nie vergisst…

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      Antwort

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