Der Perfektionismus – ein kleiner Fehler und alles ist hin

Der Perfektionismus ist einer meiner größten Feinde in mir. Er zeigt sich besonders dann, wenn es um mir wichtige Dinge geht. Bei kleinen Alltagserledigungen oder unbedeutenden Situationen meldet er sich nicht, aber wehe, es geht um eine wichtige Sache! Dann macht er mir das Leben zu Hölle.

Wenn ich jemandem helfe, der mir sehr wichtig ist, dann gebe ich mir besonders viel Mühe und versuche bis ins kleinste Detail alles richtig zu machen und nichts zu vergessen. Das bedeutet denken, denken, denken. Wo kann ich noch was machen oder verbessern? Das funktioniert natürlich nicht, denn es gibt an jeder Situation etwas zu verbessern, doch ich denke solange darüber nach, bis ich es finde. Eine never ending story. Es fühlt sich an, als lege ich es darauf an, etwas zu finden, um mich zu ärgern oder ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Als würde ich mir ständig beweisen wollen, dass nichts gut genug ist, was ich mache. Ich frage mich, ob das eine Form der Selbstbestrafung ist, die niemals aufhört.

Ich leide schon von Kindheit an unter Perfektionismus.
Immerzu bekomme ich von anderen zu hören, dass alles in Ordnung sei, doch es kommt nicht in meinem Verstand an. Ich nehme diese Worte gar nicht wahr. Mein Verstand hat für den Begriff „In Ordnung“ oder „erledigt“ keine Schublade. Nichts ist in Ordnung oder erledigt, solange mir noch etwas einfällt, was ich verbessern könnte. Doch wie stelle ich diese ewige Suche ab?

Bei meiner Arbeit ist es besonders schlimm. Ich schreibe viele und lange Texte für die Öffentlichkeit, in denen immer Fehler oder falsche Formulierungen zu finden sind, selbst wenn sie von einem Lektorat bearbeitet wurden. Sobald ich nur eine kleinen Satz finde, der mir nicht mehr gefällt oder worin ich einen Fehler übersehen habe, verliert die ganze Arbeit ihren Wert. Ich habe null Toleranz und mich überkommt der Drang, den ganzen Text neu zu überarbeiten. Das ist ein schlimmes Gefühl. Ich weiß, dass es falsch ist. Am schlimmsten ist meine Eigenart, dass ich jeden Tag die Dinge anders betrachte. Was mir heute richtig erscheint, ist morgen falsch. Mich plagen schlaflose Nächte, Wut und Autoaggressionen. Immer wieder denke ich, was andere wohl über mich denken, wenn sie die Fehler entdecken. Genau das lässt in mir oft das Gefühl entstehen, dass ich nie gut genug bin. Eine nahezu unerträgliche Form des Selbst-Denunzierens. Liegt es daran, dass meine Anpassung an die Gesellschaft künstlicher Natur ist? So kommt es mir vor.

Mir erscheint in dieser Welt vieles künstlich und nur mit großer Mühe erreicht. Ich versuche mir ständig vorzustellen, was andere von mir erwarten könnten, weil ich es einfach nicht abschätzen kann. Ich weiß nicht, wann der Gesellschaft etwas langt, wann sie etwas akzeptiert oder honoriert. Dabei mache ich immer wieder die Erfahrung, dass meine Grenze weit höher gesteckt ist als bei vielen anderen.

Ich muss mich immer wieder neu dazu zwingen zu lernen, dass irgendwann Schluss ist. Dass keine Arbeit, keine Situation, keine Sache und kein Mensch perfekt sind. Das theoretische Wissen ist da, aber warum kann ich es auf meiner Festplatte im Gehirn nicht endlich einmal als festes Programm installieren?
Das ist wohl auch der Grund, weshalb ich die Menschen, die entspannt und zufrieden nach der Arbeit nach Hause gehen und abschalten können, beneide oder nicht verstehe. Bei mir gibt es kein Abschalten. Nur selten erlange ich ein Level, bei dem ich mich kurzzeitig zufrieden oder entspannt fühle. Ich muss mir oft bewusst verbieten weiter über eine Sache nachzudenken. Kann also nur schwer loslassen und etwas ad acta legen. Doch ich muss mich zwingen. Jeden Tag neu.

Ich bin oft sehr dankbar, wenn man mich ausbremst oder mir mitteilt, dass alles so in Ordnung ist wie es ist. Ich benötige von fremder Seite oft eine Hilfe, um meinen Perfektionismus zu stoppen.

Das ist der Grund, weshalb ich mich immer mehr von vielem zurückziehe. Es dient meinem Schutz. Der ist wichtig. Zu viele Programme gleichzeitig zu starten macht den Computer eben langsamer. Und langsamer werden bedeutet für mich noch mehr Denken und Stress. Mittlerweile habe ich es ganz gut im Griff, nur noch wenige Menschen und Aufgaben um mich zu scharren, die mir wichtig sind, so dass ich nicht jeder Angelegenheit bis ins kleinste Detail nachlaufe. Ich kann immer öfters Anfragen ablehnen oder mich zurückhalten, wo ich früher unaufgefordert meinen Einsatz anbot. Das tut gut. Das bringt auch mein perfektionistisches Denken etwas zu Ruhe, doch es stoppt nicht meinen Perfektionismus. Diesen Feind werde ich nie los, aber ich kann mich mit ihm arrangieren lernen.

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4 Gedanken zu „Der Perfektionismus – ein kleiner Fehler und alles ist hin

  1. souveraenanders

    Es ist eine Erleichterung zu hören zu bekommen: „Es ist genug. Ruhe dich aus, du hast jetzt Freizeit. Alles was jetzt noch liegt kannst du auch morgen machen.“ Bei mir machen es meine Eltern. Ich kann deine Empfindungen absolut nachvollziehen.
    Der Perfektionismus und das Streben nach immer mehr und immer besser ist eine meiner größten Baustellen.
    Ich versuche dann immer, meine Gedanken und mich auszubremsen. Innezuhalten und ruhig zu werden. Denn dieser Perfektionismus hindert auch oft daran, zufrieden zu sein. Im Moment zu leben.
    Nicht zu schauen, was noch besser geht, sondern wo man stolz auf sich sein kann, das ist eine Lebensaufgabe glaube ich.

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  2. S.ina

    Perfektionismus ist in meinem Leben ein großer Faktor. Es sorgt für viel Stress, Unruhe und Streit in meinem Leben, mit allen Menschen in meinem Umfeld: Eltern, meine Schwester, meine Lehrer und meine Mitschüler. Alles was nicht in mein enges Raster der Perfektion passt sorgt bei mir geradezu zu Panik. Ich habe das ganze leider nicht besonderst gut unter Kontrolle und meist gerät das ganze außer Kontrolle, aus der mich niemand herauszerren kann.
    Ich hoffe das meine Therapeutin mir irgendwann helfen kann. Aber vielleicht hat jemand einen Tipp für mich? Denn so kann es auf keinen Fall weitergehen!

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    1. Denkmomente Autor

      Bei mir hat sich der Perfektionismus auch immer auf die Arbeit mit Kollegen ausgewirkt. Ich konnte nie länger als 4 Jahre in einem Job bleiben. Dann hatte mich mein Perfektionismus soweit eingeholt, dass ich selbst daran verzweifelte und die Stelle kündigte.

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