Meine merkwürdigen Kindergeburtstage

Ich kann mich nicht erinnern je einen normalen Kindergeburtstag gefeiert zu haben. Ich feierte auch nur wenige, weil sie so seltsam waren und zum Schluss keine Freunde mehr kommen wollten.

Ich beginne mal am Anfang der Geschichte:
Vor meiner Grundschulzeit verliefen die Geburtstage in meiner Familie übersichtlich. Lediglich die Verwandten kamen und schenkten. Ich ging nie in den Kindergarten und hatte außer ein paar Nachbarkindern keine Kontakte. Doch zu ihnen pflegte ich eher ein sporadisches Verhältnis, weil ich selten draußen spielte.
Als die Grundschulzeit begann, begann auch mein Martyrium mit den Geburtstagsfeiern. Meine Mutter forderte mich auf, als ich in der dritten Klasse war, Freunde einzuladen. Damit sah ich mich einer großen Herausforderung gegenüber, denn ich wusste nicht, was man mit sogenannten Freunden zu einer Geburtstagsfeier machte. Ich war zuvor nie bei einem Kindergeburtstag gewesen und hatte auch keine Vorstellung davon.
Ich überlegte, ob es ein System oder eine Regel für eine solche Feier gab. Gut, meine Familie traf sich ja schon ein Leben lang und kannte sich. Aber die Freunde, die ich einlud, kannten sich zum Teil nicht, denn ich setzte sie aus Schulkameraden und Nachbarskindern zusammen. Das erschien mir sinnvoll, weil ich „Freunde“ unter „Kontakte“ laufen ließ. Ich hatte keine echten Freunde, sondern nur meinen Wellensittich.
Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, was die Freunde sich untereinander zu sagen hätten und bekam Angst, dass die Feier ein Reinfall werden würde. Meine Mutter wollte ein paar Spiele anbieten, die ich allerdings ziemlich dämlich fand. Also musste ich mir etwas einfallen lassen. Wie wäre es, wenn ich ein Quizspiel mit Preisen anbieten würde? Auf diesem Wege könnte jeder den anderen anhand seines Wissens kennenlernen. Ich kramte in meiner Kiste der Spezialinteressen und bastelte Fragen zusammen, die mir einfach und logisch erschienen. Mir! Ich dachte nie daran, dass die anderen Kinder völlig andere Interessen mochten als ich. Ich stellte Fragen zu Inhalten von Filmen die ich sah und Büchern die ich las. Ich nahm Serienmelodien mit Cassette auf und ließ raten, welche Serie es war. Spielte Lieder, die erraten werden mussten, stellte Fragen über die USA und Rätselfragen, die ich in der Zeitung fand und ließ Gedichte und Kurzgeschichten schreiben. Zum Schluss hatte ich ein dreistündiges Programm auf die Beine gestellt. Ich fand, das es genug Beschäftigung für meine Gäste war. Damit verfolgte ich das Ziel, dass danach jeder Bescheid wusste, was den anderen interessierte und was nicht. Für mich war dies eine wichtige Grundlage für einen Kontakt. Zum Schluss sollte es Preise für die geben, die am meisten wussten.

Als meine Gäste kamen gab es natürlich erst einmal Kuchen. Bis dahin war alles in Ordnung. Als ich mein Programm bekannt gab, gab es die ersten Beschwerden. Doch ich ließ mich nicht aus dem Konzept bringen, schließlich hatte ich kein Alternativprogramm und wusste auch nicht, über was ich mich mit ihnen unterhalten sollte. Da ich am Anfang recht einfache Fragen stellte, gab es keine Probleme. Doch je weiter der Nachmittag fortschritt, desto größer wurden die Beschwerden. Die ersten Gäste gingen. Ich ließ sie gehen und zog mein Programm weiter durch. Zum Schluss waren nur noch drei Gäste da, die die ersten drei Hauptpreise bekamen. Perfekt! Für mich war das ein voller Erfolg. Niemand ging ohne Preis heim.
Die Geschenke, die ich zu meinem Geburtstag erhielt erfreuten mich kaum. Zum größten Teil waren es mädchentypische Geschenke wie Haarspangen, Haarschleifen, irgendwelches Rüschengedrösel, womit ich nichts anfangen konnte und Mädchenbücher, die ich nicht las. Doch ich legte alles sorgfältig  beiseite und setzte sie im Jahr darauf als Preise für meine Gäste ein. Damit bekamen sie für mich wieder einen Sinn, denn ich dachte, das sind wohl genau die Dinge, die andere mögen. Ich aber nicht. So erschien mir das System perfekt.

Im Jahr darauf wollten einige nicht mehr zu meiner Feier kommen, also wählte ich neue Kontakte aus. Auch dieser Geburtstag verlief ähnlich, nur dass meine Fragen und Aufgaben schwerer wurden, weil ich wieder viel dazugelernt hatte und dies den anderen zeigen wollte. Ich baute sogar ein aufwendiges Miniatur-Minigolfspiel, was ich in mein Quiz einbaute. Doch auch diesmal gingen einige Gäste. Meine katastrophalen Geburtstage sprachen sich herum. Nach drei Jahren kam nur noch „der harte Kern“. Danach feierte ich nie wieder einen Kindergeburtstag. Ich sah nicht ein, mir so viel Mühe für drei Leute zu geben.

Im Gegenzug möchte ich gerne von einer Feier berichten, die ich einmal besuchte. Man spielte dort Topfklopfen, was ich nicht mitspielen wollte, weil ich es demütigend fand auf dem Boden wie ein Idiot mit dem Kochlöffel herumzuklopfen, um einen Topf zu erwischen, unter dem Süßigkeiten lagen, die ich sowieso auf der Feier aus einer Schale nehmen konnte. Zudem mochte ich es nicht, die Augen verbunden zu haben. Als man mich zu Blindekuh überredete passierte folgendes: Man drehte mich und ich verlor vollkommen die Orientierung, ging los und rannte mit dem Kopf vor einen Schrank. Das tat ziemlich weh. Alle lachten. Ich riss mir das Tuch von den Augen und ging heim. Ich besuchte nie wieder einen Kindergeburtstag.

Als meine eigenen Kinder heranwuchsen, besprach ich sehr genau, was sie sich auf ihrer Feier wünschten. Wir wählten nur Spiele und Beschäftigungen aus, die sie mochten und hatten viel Erfolg damit. Bei ihnen ging Gottseidank niemals ein Kind vorzeitig heim.

(Meine Blogs gibt es auch als eBook bei Amazon unter „Denkmomente“ und bald als Printausgabe)
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2 Gedanken zu „Meine merkwürdigen Kindergeburtstage

  1. booksandmore81

    Hallo Marion 🙂

    ich war auch nie ein Freund von Kindergeburtstagen. Zum einen, weil ich als Kind auch nie viele Freunde hatte und zum anderen fand ich die Gestaltung auch immer schwierig. Ich find es ziemlich gut, dass du dann doch so viele Geburtstage „durchgehalten“ hast. Ich war da weniger enthusiastisch.
    Aber rückblickend hat es auch nicht geschadet 🙂

    LG Sindy

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    Antwort
  2. denkmomente Autor

    Vielen Dank, liebe Sindy! Habe auch nur drei Jahre durchgehalten. Es hätte wahrscheinlich eher geschadet, wenn man solche Feiern auf Biegen und Brechen durchhält … 😀 Damit ist keinem geholfen. Als Erwachsene feierte ich viele Jahre lang wieder auf Wunsch der Familie. War oft Stress pur. Habe nie gerne gefeiert sondern war immer froh, wenn es vorbei war. Vor drei Jahren habe ich es endlich wieder abgeschafft. Puh!

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