Die Überwahrnehmung

„Was ist das“, fragte mich jemand, als ich stöhnte, schon wieder zu viel auf einmal wahrzunehmen, wie so oft. Ich erklärte, dass ich häufiger zu wenig Filterstoff im Gehirn produziere. Das sind Momente, in denen ich in meiner Umgebung und in meinem Denken, Sehen und Fühlen viel mehr wahrnehme als ich verarbeiten kann. Es könnte an dem Botenstoff Serotonin liegen. Das führt zu weniger gefilterter Wahrnehmung von Sinneseindrücken.
Um dies an einem Beispiel festzumachen, beschreibe ich mal einen Gang in den Keller meines Hauses:

Ich gehe in den Keller, um Wäsche zu waschen.
Auf dem Weg sehe ich, dass die Treppe mal wieder geputzt werden müsste. Das Geländer könnte auch mal wieder gewischt werden, denke ich. Dann sehe ich plötzlich neue Spinnweben an der Decke, obwohl ich letzte Woche erst alles weggefegt habe. Im Waschmaschinenraum denke ich, ich müsste mal wieder den gesamten Keller absaugen. Wenn ich die Wäsche in die Maschine stecke sehe ich, dass ich die Waschmittelschublade auch mal wieder reinigen könnte. Außerdem wäre mal wieder ein Maschinenreiniger nötig.
Auf dem Weg nach oben schaue ich auf ein Kelleregal und denke, ich könnte dort auch mal wieder aufräumen. Ach ja, die Sommerschuhe könnten langsam wieder ausgepackt werden. Es müsste grundsätzlich mal wieder im Keller aufgeräumt werden. Eigentlich auch wieder gestrichen. Ich sollte eine Liste anlegen, was alles weg könnte, um den Sperrmüll zu bestellen. Habe ich vielleicht auf dem Dachboden auch noch Sperrmüll? Mensch, da müsste ich auch mal nachschauen. Es müsste auch dort unbedingt mal wieder alles gereinigt werden. Wer weiß, wie es dort aussieht …

Das alles denke ich, während ich im Keller bin. Dann überlege ich, ob ich direkt einen Kasten Wasser mit nach oben nehmen sollte. Der alte ist fast leer. Dann spare ich einen Weg. Und den Staubsauger könnte ich auch gleich mitnehmen. Muss heute noch Putzen. Ach herrje, es wäre auch mal wieder nötig, Staub im Wohnzimmer zu wischen, bevor ich putze. Ich sah heute eine Grauschleier auf dem Sideboard. Dann könnte ich auch gleich überall im Erdgeschoss staubwischen. Auch auf den Fensterbänken, wobei ich auch gleich die Fenster putzen könnte. Das Bücherregal könnte ich in diesem Zuge sortieren. Habe einige Bücher in letzter Zeit einfach nach dem Lesen reingestopft. Ach ja, in diesem Zusammenhang wollte ich noch eine Rezension schreiben. Und wenn ich gerade am Computer sitze, könnte ich auch gleich einige Emails beantworten. Und Facebook nachschauen. Mal sehen, was es dort alles Neues gibt. Wahrscheinlich viele neue interessante Berichte. Ich könnte auch gleich die Lektoratsarbeit weiter erledigen und mein neues Buch weiter eintippen.
Dann fällt mir ein, dass ich noch nichts gegessen habe und in der Küche die Spülmaschine ausräumen muss. Könnte auch mal wieder mir Reiniger durchlaufen. Vielleicht sogar mal die Schranktüren wieder abwischen. Vorgestern sah ich dort einige Flecken. Außerdem wäre der Kühlschrank vielleicht mal wieder dran. Das könnte ich im Zuge der Küchenreinigung auch gleich erledigen. Ich sehe auf die Tapeten und überlege, ob mal wieder eine Renovierung vonnöten wäre. In den Ecken färbt sich die Tapete langsam etwas dunkel. Ach, dort gibt es wieder neue Spinnweben…

So in etwa kann meine Wahrnehmung aussehen, wenn ich nur die Wäsche in den Keller bringe. Ich kann einfach nicht die Abläufe filtern. Ich sehe alle Arbeiten auf einmal, obwohl das Haus im Ganzen sehr sauber und ordentlich ist. Genauso ergeht es mir, wenn ich einfach nur staubsauge. Ich sehe die kleinste „Baustelle“ während dem Saugen und überlege ständig, was ich in diesem Zuge noch alles erledigen könnte. Es hat auch etwas mit meinem rationellen Denken zu tun. Ich versuche immer möglichst viel auf dem Weg zu erledigen, um zusätzliche Wege zu sparen.

Das kuriose an der Sache ist, dass mich dieses Denken so erschöpfen kann, dass ich im Endeffekt gar nichts mache, weil ich nicht weiß, wo ich anfangen soll.

(Meine Blogs gibt es auch als eBook bei Amazon unter „Denkmomente“ und bald als Printausgabe)

DSCN3960

Advertisements

7 Gedanken zu „Die Überwahrnehmung

  1. denkmomente Autor

    Exakt! Oft ist es so, dass man erst gar nicht zu dem kommt, was man eigentlich tun wollte, weil man auf dem Weg so viel wahrnimmt, was man mal eben erledigt. Mein Sohn erzählte einmal, dass er als Fitnesstrainer ein Fitnessgerät reparieren wollte und auf dem Weg durch die Halle so viel bemerkt hat, was erledigt werden muss, dass er seine eigentliche Aufgabe ganz vergaß. Tja, dieser verdammte Filter im Kopf, wenn der mal funktionieren würde … ! :-/

    Gefällt mir

    Antwort
  2. Batschpeng

    ich sitze hier und weine.
    weine laut.

    du hast in worte gefasst was mich den ganzen tag unfassbar belastet und fast in den selbstmord getrieben hat.

    ich muss es abschreiben und in mein tagebuch setzen. es ist so gut.

    diese verdammte wortlosigkeit, die mich immer anheimfällt, wenn etwas „in mir“ passiert, dieses einfach nicht ausdrücken können… über jahre hinweg, scheiße.

    danke dir zutiefst.

    Gefällt 1 Person

    Antwort
  3. Marion Schreiner

    Vielen Dank für deinen Kommentar! Diese endlosen Gedanken sind unerträglich. Es passiert ja nicht gewollt. Es fühlt sich bei mir wie ein heißgelaufener Motor im Gehirn an. Allerdings leide ich unter dieser Überwahrnehmung nicht ständig, meist nur, wenn ich stark überbelastet bin. Wenn ich ständig darunter leiden würde, würde ich wahnsinnig werden.

    Gefällt mir

    Antwort
  4. Pingback: Markierungen 04/26/2015 - Snippets

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s