„Das habe ich nicht von dir erwartet!“

Es waren die Worte, die alles in meinem Leben veränderten. Sie wurden in dem Zusammenhang erwähnt, als ich vor einigen Jahren zusammenbrach und mitteilte, dass ich am Ende meiner Kräfte sei. Ich pflegte und versorgte derzeit vier Menschen aus meiner Familie, die ich mehrmals darauf hinwies, dass ich entlastet werden müsse. Doch wie gewohnt hörte niemand hin oder wollte meine Bitte nicht wahrnehmen. Ich bat darum, endlich eine Pflegestufe einzurichten und einen Pflegedienst einzuschalten, doch es funktionierte alles aus andere Sicht prima. Ich übernahm alle anfallenden Arbeiten und erledigte, was jeder sich wünschte. Geht doch!

Am Tag des Zusammenbruchs reagierten alle entsetzt. Was denn los sei? „Das habe ich nicht erwartet“, habe ich mehrfach zu hören bekommen. Wie auch, wenn ich doch jeden Tag lächelte und mir nichts anmerken ließ, was darauf hinwies. Freundliche Worte und freundliche Bitten wirkten nicht genug. Ich hätte stöhnen, jammern, schimpfen und meckern müssen. Ich hätte meinen Unmut lautstark vorbringen müssen.
Leider bin ich nicht der Typ, der sich Belastungen anmerken lässt oder herumjammert. Wenn mich jemand fragt „Wie geht es dir“, lautet meine Antwort stets „gut“. Warum soll ich anderen Menschen meine Probleme aufbürden?

Tja, nach diesem Zusammenbruch gab es vieles, was man „nicht erwartet hatte“.
Man erwartete zum Beispiel nicht, dass ich mich vollkommen zurückzog und mit niemanden mehr reden wollte. Ich wollte einfach nur noch in Ruhe gelassen werden und mich nicht immer erklären müssen.
Man erwartete nicht, dass ich den Pflege- und Hilfsarbeiten in der Familie nie mehr nachkommen würde.
Man erwartete nicht, dass ich mich meiner privaten Leidenschaft, dem Schreiben, zuwenden und damit all meine Zeit verbringen würde.
Man erwartete nicht, dass ich mich nie wieder nach dem Wohlbefinden in der Familie erkundigen würde.
Man erwartete nicht, dass ich so ein kaltherziger Mensch geworden war.

„Das habe ich nicht von dir erwartet!“
Mich trafen diese bösen Worte aus der Entfernung. Sie erreichten mich wie Messerstiche und ich begann, mir ein Schutzschild zu bauen, die die Stiche abfangen sollten.
Niemand wollte hören, weshalb ich zusammenbrach. Ich sollte nur zurückkommen und alles wie gehabt weitermachen. Schließlich war es meine eigene Schuld, die dies verursachte. Ich hätte viel früher die Bremse treten müssen. Doch was mache ich, wenn das Bremspedal nicht reagiert? Was mache ich, wenn der andere nicht bemerkt, wie verzweifelt ich bereits seit langer Zeit bremse?

Ehrlich gesagt, ich hätte auch „nicht von bestimmten Menschen erwartet“, dass man derart abweisend auf mich reagiert.
Der Traum von einer großen harmonischen Familie und Zusammenhalt bis zum Tod zerbrach. Ich habe lange Zeit gebraucht, um zu begreifen, dass es nicht meine Schuld war. Es hat meine Ansicht zum Thema „Hilfe im Alter“ ziemlich verändert.
Man sollte nie zu viel erwarten…

(Meine Blogs gibt es auch als eBook bei Amazon unter „Denkmomente“ und bald als Printausgabe)
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8 Gedanken zu „„Das habe ich nicht von dir erwartet!“

  1. Tanja

    Wir erwarten gar nichts mehr von anderen…in meiner Familie sind 3 Asperger Autisten und wir als Familie „Ecken oft an“ da andere auch einige Dinge von uns erwarten die einfach nicht möglich sind. Verständnis oft keins.
    LG Tanja

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  2. junimabe

    ich bewundere Leute, die diese private Pflege leisten können. Ich bewundere Dich, dass Du es überhaupt so lange ausgehalten hast! Ich weiß aber auch, auch wenn die Vorstellung ‚Großfamilie‘ wie im ursprünglichen Sinn, funktionieren soll, dass ein zuviel an Nähe zerstörerisch ist. Und das ist passiert. Lass Dich nicht fertig machen. DU hast nichts falsch gemacht, denn Du hast die Probleme gesehen und auch darauf hingewiesen. Man hat nur darüber hinweggehört, weil man ja ‚einen blöden an der Hand hatte….‘. Es kann natürlich auch sein, dass es als weniger problematisch und peinlich empfunden wird, wenn ein Familienmitglied pflegt, aber das ist sehr kurz gedacht. Zumal Du mit Dir selber mehr als ausreichend zu tun hast.

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  3. Batschpeng

    Argh, die spiegelmomente ploppen auf!
    Ich fand es immer entsetzlich und entzetzend, wenn menschen mir dies sagten – aus aehnlicher situation enstastehend/enzstanden.

    Eines heast du aber komplett richtig gesagt:
    „Ehrlich gesagt, ich hätte auch „nicht von bestimmten Menschen erwartet“, dass man derart abweisend auf mich reagiert.“

    Ich denke der weg aus diesem entsetzen heraus ist die umdrehung im kopf, genau wie du es sagst.

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  4. olli

    hi. ich kenne das. aber: sie haben gefordert und gefordert, dir aber wollten sie nie was geben. klar funktionierte es gut, es funktionierte ja auch für sie gut. du solltest darüber nachdenken ob sie nicht auch autistisch sind, denn an reflektion wie es anderen geht mangelt es so sehr, daß es schon desinteresse ist. du warst nur so lange gut für sie wie du für sie funktioniert hast, nun, wo du nicht mehr funktionierst bist du für sie weniger wert als haushaltsmüll, sogar in einem negativen bereich daß sich sicher der ein oder andere aus deiner familie den qualvollen tod wünscht. ich kenne das.

    mach dir klar: sie haben dich benutzt. sie haben dich missbraucht. wenn es dann ans erbe geht wirst du derjenige sein der als erstes ausgebotet wird, denn sie behaupten von sich sie hätten ja so viel getan, und du hättest nix getan, ja sogar alle im stich gelassen als du deinen zusammenbruch „vorgetäuscht“ hast.

    zum glück bist du diese menschen los, familie hin oder her. wenn sie dich noch mal anmachen wollen schlage mit ganzer härte zurück. das bist du dir schuldig.

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    1. denkmomente Autor

      Deine Worte sind noch härter als meine, aber sie bringen das Thema wirklich auf den Punkt. Es steckt viel Wahrheit darin. Zum Thema Erbe: In der Tat lockten einige mit dem Erbe, wenn ich mich kümmere. Das hat mich sehr wütend gemacht, denn es stellte meine Hilfe und Absicht unter den falschen Scheffel. Erst als ich mich abwandte, begriff man, dass es mir nie aufs Geld ankam. Schade, jetzt ist alles vorbei. Aber es geht mir endlich mal gut!

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