Vom Gefühl der falschen und richtigen Richtung

Alle Menschen unterliegen einem Plan des Lebens und jeder hat eine Richtung, in die das Leben ihn treibt. Das hat mit Autismus nichts zu tun.

Leider weiß man vorher nicht, wohin eine veränderte Richtung einen führt. Das nennt man eine Herausforderung. Man stellt sich die Frage, ob die Richtung, die einem das Leben plötzlich anbietet, richtig oder falsch ist. Es kommen Fragen auf, die man sich stellt:
Soll ich diesen Schritt wagen?
Welche Konsequenzen zieht dieser Schritt mit sich?

Es gibt unzählige Fragen, vor die das Leben einen stellt, wenn eine Veränderung ansteht. Die Wege zweigen sich. Gehe ich links oder rechts? Behalte ich die Gewohnheit bei oder bringe ich den Mut auf, mich ins Unbekannte zu stürzen? Wer gibt mir dann Sicherheit?

Zu der Hausforderung gesellen sich nun Zweifel.
Zweifel sind die schlimmsten Gegner der Herausforderung. Sie ringen miteinander, bis einer siegt.
Nun liegt es an der Persönlichkeit eines jeden einzelnen Menschen, wem er nachgibt. Das hat meiner Meinung nach mit einer optimistischen oder pessimistischen Grundeinstellung zu tun.

Bis hierhin klingt immer noch alles völlig normal.
Was hat diese These nun mit Autismus zu tun?

Für mich als Betroffene des Asperger Syndroms verändern sich ständig die Lebensumstände, je mehr ich mich selbst annehme und damit zu leben versuche. Es öffnet neue Horizonte und bildet neue Grenzen zugleich.
Dazu gehören große Entscheidungen zu treffen und Veränderungen auszuhalten. Beides fällt mir sehr schwer. Es ist die Hölle für mich, wenn ich vor grundlegenden Entscheidungen stehe, weil ich zu viele Komponenten hinzuziehe, die mich über lange Zeit beschäftigen. Am schlimmsten fühlt es sich an, wenn andere Menschen von meinen Entscheidungen betroffen oder abhängig sind. Dann neige ich dazu, immer den Fokus auf diese Menschen zu legen, meine eigenen Interessen und Wünsche in den Hintergrund zu schieben und die Entscheidungen zugunsten des Anderen zu treffen. Das verursacht ein großes Chaos in meinem Inneren – ein Ungleichgewicht – denn ich spüre sehr stark, dass ich mich in die falsche Richtung begebe. Ich gehe sozusagen mit der Entscheidung unter, dem anderen zum Wohle zu verhelfen. Warum entscheide ich nicht zu meinem Wohl? Die Antwort ist einfach.
Ich kann es nicht aushalten, wenn ich einen Menschen, der mir wichtig ist, verletze oder übergehe. Also beginne ich „zu basteln“. Was bedeutet „basteln“?

Ich bin ein unverbesserlicher und vom Leben getriebener Optimist und entscheide mich meistens für die Herausforderung, also die Veränderung, weil ich mich immer auf der Suche nach „meinem Platz im Leben“ befinde. Ich schiebe vehement jede Zweifel beiseite, auch wenn sie angebracht wären. Ich suche nach Möglichkeiten und nicht nach Unmöglichkeiten.
Nun beginne ich den betroffenen Menschen mit allen Mitteln zu überzeugen, dass die Herausforderung der richtige Weg ist. Ich übergehe die Zweifel und Bedenken des Anderen und bin schnell verärgert, wenn man mich ausbremst. Ausbremsen löst in mir Aggressionen aus. Das steht in Verbindung mit meiner Impulsivität und meinem Temperament.
Was mir als die richtige Richtung erscheint, erscheint dem anderen als die falsche. Was nun? Ist meine eigene Intuition richtig oder falsch? Täuscht mich mein Instinkt?

Es ist bekannt, dass die Empathie anderen gegenüber, der Instinkt und die Intuition dem Menschen mit Asperger Syndrom sehr zu schaffen machen. Sie bekommen nie das Gefühl der vollkommenen Sicherheit, weil sie viele Situationen durchleben, in denen sie falsch lagen. Das prägt! Und es verunsichert!

Als Aspergerin stehe ich in einem solchen Fall vor einem riesen Problem. Ich bin neugierig, entscheidungstüchtig und schnell zu begeistern. Aber ich verspüre auch ständig große Ängste dabei, falsch zu entscheiden. Immense Angst!

Worauf will ich hinaus?

Es gibt Entscheidungen im Leben, die eine grundlegende Veränderung bedeuten, sowie existentielle und örtliche. In mir entsteht eine große Zerrissenheit, wenn ich das Gefühl habe, dass meine Richtung stimmt, aber die Richtung des anderen, der mit davon betroffen ist, nicht stimmt. Auch wenn der andere sich für meine Richtung letztendlich nach unzähligen „Bastelversuchen“ und Überzeugungshymnen entscheidet, löst es in mir kein gutes Gefühl aus. Im Gegenteil, es widerstrebt mir zutiefst, andere Menschen und ihre Gefühle zu übergehen. Da ich selbst gerne so angenommen werden will, wie ich bin, mache ich das auch bei anderen. Doch was passiert, wenn sich bestimmte Ziele und Richtungen nicht mehr vereinbaren lassen? In mir beginnt die Hölle zu toben. Mein Wunsch nach Harmonie und niemanden verletzen zu müssen, ist unermesslich hoch. Doch … gibt es dieses Gefühl überhaupt?

Mit dem Asperger Syndrom unterliege ich ein Leben lang dem Gefühl falsch zu sein. Ich kämpfe seit Jahren um das Gegengefühl, doch das alte kommt immer wieder durch. Es fühlt sich wie ein Trauma an. Bei großen Entscheidungen verspüre ich die Last, die Verantwortung für alles und jeden zu tragen, der davon betroffen ist. Wenn etwas schief läuft, löst es große Ängste bis hin zu Depressionen aus, so dass ich alles wieder abbreche und rückgängig mache. Ich hasse mich dafür, weil ich nie zu meinen Zielen und Wünschen gelange.

Dieses lebenslange Gefühl, falsch zu sein, löst in mir den Wunsch aus, nur noch für mich alleine verantwortlich zu sein, um nicht immer diese Entscheidungsängste zu verspüren. Doch gleichzeitig entstehen auch Ängste des Versagens in mir, weil ich weiß, dass ich in einigen Bereichen Hilfe benötige, die ich im Falle des Alleinseins nicht bekomme. Ein Teufelskreis!

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)
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