Mein Thema zum Welt-Autismustag 2015: Das Fehlen einer angemessenen Reaktionstechnik

Heute ist Welt-Autismustag, und ich finde viele Beiträge im Internet, die Zeichen setzen und um ein besseres Miteinander kämpfen. Das freut mich sehr! Aufklärung ist der Weg zum Verstehen! Verstehen bedeutet Respekt. Respekt bedeutet sich gegenseitig anzunehmen. Sich gegenseitig anzunehmen bedeutet Glücklichsein!

Mein Thema zum Weltautismustag ist das Fehlen einer angemssenen Reaktionstechnik, denn ich glaube, dies ist eines der Hauptsymptome bei mir, weshalb ich zum Rückzug aus der Gesellschaft neige, das Alleinsein sehr entspannend finde und viele Dinge anders wahrnehme und reagiere.

Bereits vielfach nieder- und umschrieben sind die Probleme der Andersverdrahtung des Gehirns bei Menschen mit dem Asperger Syndrom. Die Direktleitungen zu spontanen Reaktionen sind gestört und werden durch Umleitungen ersetzt, was die benötigte Zeitspanne bei der Reaktion auf eine fremde oder neue soziale Situation erklärt. Gewohnte oder geübte Situationen stellen daher kein Problem dar, genau wie bei NTs. Alles, was der Asperger geübt hat, kann er problemlos abrufen. Je mehr er übt und trainiert, je weniger fällt er auf. Wo liegt nun das Problem? Daher die Frage: Kann er überhaupt alles üben? Dann wäre das Syndrom ja kein Problem mehr! Antwort:
Nein, er kann nicht alles üben!!
Damit möchte ich auf das Fehlen einer angemessenen Technik zu sprechen kommen.

Jeder NT hat in seinem Gehirn angeborene Techniken, um mit starker Wut, Trauer, Freude und Glück umzugehen, also diese Gefühle recht schnell zu überwinden.
Diese Techniken fehlen mir gänzlich. Ich fühle mich von meiner Impulsivität oft sehr gequält. Bekomme sie nicht in den Griff, wenn sie wie ein Vulkan ausbricht und Alltagsituationen zu außergewöhnlichen Situationen werden lässt. Ein Beispiel:

Ich sitze in fröhlicher Familienrunde bei einer Geburtstagfeier und höre den anderen beim Diskutieren eines Themas zu. Solange ich keine Meinung dazu habe, verhalte ich mich ruhig und zurückhaltend. Nähert sich die Diskussion aber einem Bereich, in dem ich mich auskenne und dem ich nicht zustimmen kann, beginnt der Spießrutenlauf mit meiner Impulsivität und meinen fehlenden Techniken, mich angemessen mitzuteilen. Innerliche Gefühlsaufwallungen entstehen – überdrehte Erregung. Mir wird heiß, und ich beginne, die Kontrolle zu verlieren. Zunächst schildere ich meine Ansicht recht kontrolliert, nur als Mitteilung, dass es noch eine andere Sicht der Dinge gibt. Doch innerlich stehe ich bereits in den Löchern zum Sprint. Nun wäre es gut, wenn man meine Ansicht schlichweg akzeptiert. Das würde mich den Sprint vergessen und zur Ruhe kommen lassen. Aber diese Reaktion ist bei einer Diskussion häufig nicht der Fall. Demzufolge beginnt ein Angriffsverfahren, dem ich schutzlos wegen meiner fehlenden Techniken ausgeliefert bin. Nun fragt sich jeder, warum ich nicht einfach den Mund halte. Nun … das kann ich nicht! Ich bin impulsiv! Ich besitze keine Technik, mich zurück zu halten. Mir fallen viele Argumente ein, die ich nicht zurückhalten kann und demzufolge vorbringe. Aber das Problem zeigt sich auf einer ganz anderen Ebene.
Es dreht sich um das „Wie“. Wie unterstütze ich meine Argumente in einem angemessenen Ton und bringe sie dementsprechend vor? Meine Impulsivität sucht sich nun Wege, die alles andere als angenehm sind. Es geht wieder einmal um Alles oder Nichts. Ich werde laut und aufdringlich. Stoße ich nicht auf eine Form der Toleranz oder Akzeptanz, entsteht Wut über die Respektlosigkeit. Ich muss dazu erwähnen, dass ich den Anderen immer wissen lasse, dass ich seine Ansicht verstehe und respektiere. Stößt das nicht auf eine Gegenreaktion, sondern unterliege ich Denunzierung und Degradierung, beginnt bei mir ein Stigma. Ich kann keinerlei Technik abrufen, um das Problem zu überwinden und meine Gefühle auf ein erträgliches Maß herunter zu fahren.
Es kam vor, dass ich die Feier verließ und stundenlang in der Gegend herumlief, um mich zu beruhigen. Das kann mitunter sehr lange dauern, so dass selbst mein Mann unruhig wird, weil ich nicht heim komme. Meine Gefühle laufen förmlich Amok. Es kann vorkommen, dass ich sogar tagelang keine Technik für eine Beruhigung abrufen kann und völlig erschöpft meinen Alltag bewältige.

Während NTs innerhalb kurzer Zeit ihre Gefühle durch angeborene Techniken wieder unter Kontrolle haben, wütet in mir ein Krieg gegen mich und die Welt. Dies sind Momente, in denen mich viele nicht verstehen. Es kommen Fragen auf:
Was hat sie denn?
Warum ist sie denn so komisch?

Ich habe durch die fehlende Technik, meine Gefühle runter zu fahren, das Problem, mich nicht beruhigen zu können. Das lässt mich komisch auf andere wirken. Wenn ich es zu erklären versuche, stoße ich auf wenig Verständnis, weil die anderen es nicht nachvollziehen können.

Meine Bitte:
Wenn man die Gefühle eines Menschen mit Asperger Syndrom nicht nachvollziehen kann, dann lasst ihn wenigstens solange in Ruhe, bis er sich wieder im Griff hat.

Toleriert,
akzeptiert und
respektiert
seine Probleme!

Bitte setzt ihm in solchen Momenten nicht noch mehr zu, indem man ihn zusätzlich verurteilt. Das kann seine Gefühle zur Explosion bringen und in eine Erstarrung jagen. Ein furchtbares Gefühl!
Die Folge: Der Wunsch nach sozialer Isolation.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)
welt-autismus-tag

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2 Gedanken zu „Mein Thema zum Welt-Autismustag 2015: Das Fehlen einer angemessenen Reaktionstechnik

  1. Sanna

    Je mehr ich über das Asperger Syndrom lese, um so vertrauter wird mir das ganze. Es ist irgendwie seltsam, aber ich kann Deinen Text genau nachvollziehen, weil ich vieles davon genau so kenne. Bisher dachte ich immer, das wäre alles normal und ich wäre einfach ein bischen seltsam, aber so scheint die Welt doch nicht zu sein. Danke für Deinen Text.

    Gefällt 1 Person

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