Leipziger Buchmesse – konträre Gefühle, Freude und Stress zugleich

Dieser Blog wird etwas anders ausgerichtet sein, als meine anderen, und doch wird er mit meinem Asperger Syndrom zu tun haben.
Der Bereich meiner Arbeit ist ebenso von der Symptomatik des Autismus‘ betroffen wie mein Privatleben und gehört ebenfalls zum Gesamtbild meiner Probleme im Leben.

Mein Spezialinteresse ist die Psychologie des Menschen – also die Verhaltensweisen, bzw. Verhaltensstörungen der Menschen. Mich interessieren die Reaktionen der Menschen auf bestimmte Geschehnisse – ihre Hintergründe und Ursachen.
Vor 20 Jahren begann ich mein Spezialinteresse in einen Nebenjob zu verwandeln, indem ich Bücher darüber schrieb. Geschichten, die von Menschen handelten, die als Kind Opfer sexuellen Missbrauchs geworden waren. Damit hatte meine Buchreihe ein Thema bekommen: Die Opfer-Täter-Theorie. Da ich ein großer Fan von Thrillern bin, kombinierte ich den sozialkritischen Text mit „the worst case“, also dem schlechtestem Fall. Das bedeutet, das Opfer wird in meinen Geschichten emotional so weit getrieben, bis es mordet.

Vor fünf Jahren sind meine Bücher von der Öffentlichkeit entdeckt und in die eBook Bestsellerliste von Amazon katapultiert worden. Damit begann sich mein Nebenjob in einen Vollzeitjob zu verwandeln. Seit 2011 schreibe ich jedes Jahr ein Buch und bin regelmäßig als freiberufliche und lesende Autorin auf der Leipziger Buchmesse zu finden.

Ich bin extrovertiert und daher sollte man annehmen, es würde mir nichts ausmachen, mich in den Trubel einer Messe zu stürzen.
Irrtum!
Ich bin sehr öffentlichkeits- und fotoscheu. Der einzige Grund, warum ich eine Buchmesse bewältigen kann, ist, dass ich dort ausschließlich über mein Spezialthema referieren kann. Dieser Punkt ist mein Anker und gibt mir Balance in all dem Stress, der mir dort begegnet.
Zum Stress gehören die vielen fremden Menschen und Situationen, die unvermeidbar sind. Hinzu kommt der Geräuschpegel, der es mir fast unmöglich macht, mit anderen Menschen ein konzentriertes Gespräch zu führen. Die Reizüberflutung, die mich wie eine Welle überrollt, ist enorm. Und doch gehören diese Auftritte in der Öffentlichkeit zu meiner Arbeit. Alle Menschen sind sehr nett und freundlich, doch ich stelle mich bereits viele Tage zuvor durch extreme Ruhe auf diesen Stress ein. Ich bereite mich auf Lesung, Fragen, Gespräche, Fotos und Interviews vor. Ich kann mich allerdings nicht länger als drei bis vier Stunden auf der Buchmesse aufhalten. Das ist sehr schade, aber nach dieser Zeit falle ich in eine tiefe Erschöpfung und muss mich hinlegen. Die vielen Eindrücke, die mich erreichen, beschäftigen mich oft noch tagelang und rauben mir den Nachtschlaf. Ich komme dann auch tagsüber kaum zu Kräften. Doch das sieht niemand. Alle Menschen erleben mich als freundlich, kommunikativ und gut gelaunt. Das bin ich auch in der Öffentlichkeit, denn ich bin trainiert.

Ich will kurz darüber berichten, wie die letzte Buchmesse (2015) ablief:
Ich wurde von meinem Verlag am Freitag zu einem „Meet & Greet“ der Autoren eingeladen. Am Samstag wurde ich zu einem netten Abendessen mit Autoren und Verlagsbetreuern eingeladen. Am Sonntag wurde ich zu einer Lesung mit Signierstunde eingeladen. Zudem wurde ich am Sonntag zusätzlich von meinem vorherigen Verlag zu einem Autorentreffen eingeladen.
Auf mich kamen demzufolge an drei Tagen Termine auf der Leipziger Buchmesse zu.
Wie sollte ich auf all diese netten Einladungen nun so reagieren, dass man mich verstand und nicht als desinteressiert wahrnahm? Es lag auf der Hand, dass ich unmöglich all diese Termine voller Energie wahrnehmen konnte. Also musste ich eine Entscheidung treffen. Und die sah wie folgt aus:

Ich informierte meine Verlagsbetreuer über meine Probleme und erklärte, dass ich mich gerne auf einen Tag konzentrieren würde. Wenn ich am Freitag zum „Meet & Greet“ und Samstag dem Autorenessen erschiene, würden mich die vielen Eindrücke schlaflos machen und mir zudem durch die vielen Gespräche meine Stimme zum Vorlesen rauben. Das würde die Lesung gefährden, den wichtigsten Teil meiner Arbeit – die Werbung. Also entschied ich mich, nur zu der Lesung zu erscheinen und dort für drei Stunden voller Konzentration für das Publikum da zu sein.
Die Verlagsbetreuer reagierten sehr verständnisvoll und begrüßten mich am Tag der Lesung sehr freundlich. Sie unterstützten meinen Auftritt mit viel Aufmerksamkeit und forderten mich nicht zusätzlich zu nicht abgesprochenen Aktionen auf. Ich konnte viel Publikum gewinnen, eine gute Lesung halten und viel Aufmerksamkeit beim Signieren aufbringen. Nach zwei Stunden verließ ich den Stand und traf mich mit einer sehr netten Kollegin zu einem entspannten Gespräch, um mich „herunterzuholen“. Danach besuchte ich den Stand meines anderen Verlages, der gerade ein Autorentreffen veranstaltete. Ich sammelte meine letzte Konzentration und konnte dort nur eine Stunde verbringen, bis ich bemerkte, dass sich alles um mich herum drehte. Ich konnte den Gesprächen nicht mehr folgen und musste mich verabschieden. Einige wirkten irritiert, als ich meinen Besuch so plötzlich abbrach. Genau das sind die Momente, in denen andere den Eindruck gewinnen, ich wäre arrogant. Bin ich aber nicht. Ich bin schlichtweg erschöpft. Doch ich kann es nicht jedem erklären.
Das sind Momente, in denen Asperger von der Gesellschaft missverstanden werden. Eine Autoren-Kollegin schrieb mich einen Tag später an, dass sie mein Verhalten unangemessen und unhöflich gefunden habe. Und wieder begann ich mich zu erklären.

Selbst als freiberuflicher Mensch sind mir häufiger Grenzen gesetzt, als mir lieb ist. Ich laufe jedes Mal, wenn ich meine Probleme zu erklären versuche, Gefahr, dass sich Menschen von mir zurückziehen. Manchmal gefährdet es wichtige Vertragsabschlüsse oder Besprechungen, die ich nicht wahrnehmen kann. Doch ich bin stets bemüht, verantwortungsvoll mir gegenüber zu handeln. Die erweist sich gleichzeitig als verantwortungsvoll dem Anderen gegenüber. Was nützt es, Dinge zu versprechen, denen ich nicht nachkommen kann?

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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5 Gedanken zu „Leipziger Buchmesse – konträre Gefühle, Freude und Stress zugleich

    1. Kathrin

      Sehr interessanter Beitrag (danke Sindy fürs Teilen auf Facebook – mir wär der Artikel sonst wohl entgangen)!
      Mir bereitet ja besonders der Punkt Bauchschmerzen, dass das plötzliche Verlassen so kritisiert wurde. So etwas betrifft ja nicht nur Menschen mit Asperger. Jeder hat hin und wieder Tage, Momente, in denen er einfach erschöpft ist – aus körperlichen, psychischen oder einfach nur Stressgründen. Warum soll man sich dann quälen?! Sich zu etwas zwingen, hiflt weder einem selbst noch den anderen.
      Auch ich drifte gedanklich hin und wieder bei eigentlich spannenden Gesprächen, Diskussionen und Veranstaltungen ab oder kapsel mich ab, weil mir die Kraft und Konzentration fehlt. Traurig, dass man sich in unserer Gesellschaft immer für alles, was man tut oder nicht tut, rechtfertigen muss. Einmal nachzuhaken: „Was war denn los? Du warst so plötzlich weg“, ist ja vollkommen legitim, aber ohne Hintergrundinformationen gleich zu kritisieren, ist der falsche Weg. Vielleicht regt dieser Beitrag ja den ein oder anderen Leser dazu an, bestimmte Verhaltensweisen nicht immer nur mit Charaktereigenschaften zu begründen, sondern sich selbst zu hinterfragen, ob ein Verhalten auch andere Ursachen haben könnte.

      Gefällt 3 Personen

      Antwort
      1. booksandmore81

        Freut mich, dass der Artikel dir gefallen hat. Ich hatte ja am Samstag auch noch ein schönes langes Gespräch mit Marion und muss sagen, dass mir ihre Artikel eigentlich immer ein wenig aus der Seele sprechen. Ich glaube, du findest auf ihrem Blog noch einige ansprechende Artikel. Ja, dieses ganze Kritisieren finde ich auch extrem furchtbar und eigentlich für unsere Gesellschaft einfach nur traurig. Man kann nur hoffen, dass es mal einen Wandel im Umgang der Menschen untereinander gibt…

        Gefällt 3 Personen

  1. Pingback: [Die Sonntagsleserin] März 2015 | Phantásienreisen

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