Trauer

Viele Asperger berichten, dass sie nicht so trauern können, wie andere es tun. Mir geht es genauso.
Wenn jemand verstirbt, kann ich in dem Moment, in dem andere Menschen Trauer empfinden, nur eine Form der Gefühlstaubheit wahrnehmen. In mir regt sich nichts. Ich fühle nichts, ich rede nicht und ich reagiere auf nichts, sondern erledige meine praktischen Alltagsaufgaben weiter, als wäre nichts geschehen. Ich bin die Person, die am Geistesgegenwärtigsten eine Beerdigung organisieren kann, ohne emotional zusammen zu brechen. Um das an einem Beispiel zu verdeutlichen, will ich den Tod meiner Mutter schildern.

Wie bereits im Blog „Fernweh – die ewige Flucht“ erwähnt, verstarb meine Mutter an ihrem dritten Suizidversuch in einer offenen psychosomatischen Klinik. Sie hatte sich im Badezimmer der Abteilung in der Nacht von Sonntag auf Montag an ihrem Rockgürtel erhängt. Um 4:00 Uhr morgens schickte die Klinik ein Eilschreiben an meinen Bruder. Der rief mich um 7:30 Uhr in meiner Ausbildungsstelle im Kindergarten an. Ich war damals 19 Jahre alt.

Die Nachricht von dem Tod meiner Mutter hatte mich in keiner Weise erschüttert. So ging ich zu meiner Chefin und teilte ihr kurz mit, dass ich heim müsse, weil sich meine Mutter soeben umgebracht habe. Dann fuhr ich zu meinem Bruder und wir erledigten zusammen mit meinem Onkel die Gespräche in der Klinik und mit dem Bestattungsinstitut. Während dieser Zeit hatte ich kein Empfinden, zumindest kann ich mich an nichts erinnern. Das war kein Schock, sondern ist eine ganz normale Reaktion in mir.

Da ich auf Todesfälle, die in meiner unmittelbaren Umgebung (Familie, Freunde) passieren, nicht spontan reagieren kann, tut sich auch nichts. Ich stecke in einer „Leerkammer“. Das kuriose am Todesfall meiner Mutter war, dass am Tag der Beerdigung der Fotograf in den Kindergarten kam und ich Wert darauf legte, von ihm abgelichtet zu werden. Das Foto besitze ich noch heute. Es zeigt mich fröhlich und unbeschwert. Kurz danach begleitete ich meine Mutter im Sarg zum Friedhof.
Was war passiert, dass ich so reagierte?

Ich hatte schon viele Tage vorher die Ahnung gehabt, dass es passieren würde. Solche komischen Vorahnungen setzen sich häufig bei mir in Gang und bestätigen sich oft. Es waren nicht nur die Bemerkungen meiner Mutter, dass sie am Ende ihrer Kraft sei, sondern mein unbeirrtes Gefühl, dass ich sie bald verlieren würde. Um dem entgegen zu wirken beschloss ich, meine Ausbildung für ein Jahr zu unterbrechen und sie auf eigene Verantwortung aus der Klinik herauszuholen. Es schien mir damals die einzige sinnvolle Lösung zu sein, da man ihr dort seit Monaten nicht mehr helfen konnte. Ich wollte sie von morgens bis abends beaufsichtigen, mit ihr viel in die Natur gehen und die Ernährung auf gesunde Kost umstellen. Meiner Meinung nach wirkt das am besten gegen Depressionen und nicht dieses ganze therapeutische Zeugs und Tablettenfutter. Meine Mutter hatte in den letzten Wochen nur noch von Pillen und Schokolade gelebt.
Dann passierte das Fatale: Sie erhängte sich exakt an dem Tag, als ich sie heimholen wollte. Es hatte ihre Depression vielleicht zusätzlich verstärkt, dass ich nun für sie meine Ausbildung unterbrechen würde. Diesen Zusammenhang habe ich erst viele Jahre später realisiert, weil ich nach ihrem Tod über Verhaltensstörungen zu lesen begann.

Ich besitze eine Art zu denken, die mir oft andere und unverständliche Gefühle beschert.
Nach dem Tod meiner Mutter setzte sich plötzlich ein merkwürdiges Verhalten von mir in Gang. Ich begann mich Wochen nach ihrem Tod zu bestrafen, indem ich mir verbot, in einem Bett zu schlafen. Ich schlief auf dem kalten Fußboden, um mich für mein Versagen zu quälen. Das mag merkwürdig klingen, aber ich neigte schon in meiner Jugend zu einer merkwürdigen Form der Selbstmarterung. Ich verbrachte unzählige Nächte auf dem Fußboden und hörte auf zu essen. Wenn mich im Kindergarten die Köchin nicht zusätzlich bekocht hätte, wäre ich wohl magersüchtig geworden. Ich erlaubte mir nichts mehr außer zu funktionieren. Ich litt monatelang an einer Amnesie, vergaß Kinderlieder, Spiele und sogar die Namen der Kinder, mit denen ich täglich arbeitete. Alles war weg.
Vielleicht war es auch meine Art zu trauern. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es nicht normal war.

Wenn ich heute zu Beerdigungen gehe, wirke ich oft sehr ernst und kühl, aber wenn ein „Muttermensch“ beigesetzt wird, dann breche ich im Moment der Sarg- oder Urneneinlassung in das ausgehobene Grab zusammen. Immer wieder erlebe ich ein Déjà-vu der Beerdigung meiner Mutter, bei der ich nicht trauern konnte. Ich weine für sie jedes Mal bei anderen Beerdigungen. Es ist wie eine lebenslange Trauer, die ich verspüre, weil ich ihren Tod bis heute nicht verarbeitet habe.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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