Versprochen ist versprochen, oder die Sache mit der Wort-Wörtlichkeit

Die Redensart „versprochen ist versprochen“ ist sehr verbreitet. Leider erlebe ich oft, dass viele Menschen ihre Versprechen nicht halten. Wenn ich nachfrage, antwortet man mir: „Aber das war doch nur so daher gesagt.“
Warum sagt man Sachen einfach nur so daher, wenn man sie nicht meint? Welchen Sinn erfüllen Redensarten?

Aus meiner Sicht führen sie zu Verwirrungen. Wenn man die Person, die eine Redensart ausspricht, nicht kennt, kann es schnell zu Missverständnissen führen.
Wenn ich etwas verspreche, dann halte ich es. Wenn ich es aus unersichtlichen Gründen nicht halten kann, melde ich mich, erkläre es und entschuldige mich für mein Versprechen. Dies können ganz banale Sachen sein:

Ich treffe in der Stadt eine Bekannte. Wir unterhalten uns eine Weile, und sie sagt: „Wir könnten nächste Woche ja mal einen Kaffee trinken.“ Ich antworte ihr eher aus einer spontanen Reaktion heraus als ehrlicherweise: „Können wir machen.“ Ab diesem Moment ist dieser Termin in meinem Kopf verbucht, und ich ärgere mich zu Hause über diese Zusage, denn ich habe gerade genug um die Ohren und kann nur noch notdürftig einen Termin unterbringen. Doch „versprochen ist versprochen“. NTs würden sagen: „Das war doch nur so daher gesagt“ und tatsächlich, als ich diese besagte Freundin einen Tag später anrufe, ist sie ganz erstaunt, dass ich nächste Woche mit ihr einen Kaffeetermin plane, weil ich gestern erst mit ihr gesprochen hätte. Ich bin von dieser Reaktion verwirrt.

Ich plane meine Tagesabläufe immer sehr früh und zeitgenau und trage sie exakt im Kalender ein. Diese Freundin hatte diese – die NTs nennen es Floskel – schon längst wieder vergessen. Aus Höflichkeit gibt sie nach und wir vereinbaren einen Termin. Beim Treffen wirkt sie verspannt und sagt, sie hätte noch viel vor und nur wenig Zeit. Warum hatte sie mich aufgefordert, Kaffee mit ihr zu trinken?
Unser Kontakt fror nach diesem Treffen ein.

Dies sind Momente – und davon gibt es viele in meinem Leben –, an denen sich die Geister scheiden. Ich nehme die Gespräche mit Menschen immer ernst und versuche sie ständig richtig zu deuten, aber es geschieht immer wieder, dass ich auf solche Floskeln hereinfalle, weil ich nicht unterscheiden kann, wann es mein Gegenüber ernst meint und wann nicht.

Ich bin so konzipiert, dass ich aus Unsicherheit bei sozialen Gesprächen schnell irgendwelche Versprechen gebe. Damit ist mein altes Problem des “Nicht-Nein-Sagen-Könnens“ verbunden. Doch die Menschen geben sich ununterbrochen Versprechen, die sie nicht einhalten. Hier einige Beispiele:
– ich rufe dich an
– ich schreibe dir
– ich komm mal vorbei
– ich denk an dich, wenn … (der andere einen schweren Moment durchsteht, OP, Prüfung …)

Nun wende ich diese vier Versprechen auf mich an. Ich rufe die Person wirklich umgehend an, um dieses Versprechen aus meinem Kopf zu bekommen. Ich schreibe jener Person wirklich, weil ich es versprochen habe. Ich komme wirklich vorbei, wenn ich in der Nähe bin. Und ich denke wirklich an meine Mitmenschen, die mir wichtig sind, wenn sie einen schweren Moment haben. Dafür habe ich eigens eine besondere Kerze an meinem Arbeitsplatz stehen, die ich in dem Moment anzünde, wenn der andere z.B. eine schwere Prüfung, eine OP oder andere schwere Momente durchstehen muss. Die Kerze erinnert mich in diesem Moment an diesen Menschen.

Ich könnte Hunderte von Beispielen aufzählen, die sich als Versprechen in meinem Kopf stapeln, wenn ich soziale Gespräche mit anderen führe. Das ist einer der Gründe, weshalb ich diese Gespräche meide. Sie füllen meinen Kopf mit unzähligen Zusagen. Wenn das Telefon klingelt, nenne ich es „haste-kannste-machste“-Gespräche, weil sich fast aus jedem Gespräche eine Verpflichtung ergibt, die mich zusätzlich terminiert. Deswegen stecke ich das Telefon häufiger aus. Nur wenn ich abgesprochene Gespräche erwarte, lasse ich es eingesteckt.

Nun fragt sich ein NT, warum ich diese Versprechen-Floskeln so ernst nehme. Weil ich nicht weiß, wann es unhöflich ist, sie zu übergehen. Das zermürbt mich. Eine meiner wichtigsten Eigenschaften ist die Zuverlässigkeit. Ich will nichts falsch machen, weil mir spätere Vorwürfe schwer zu schaffen machen.

Ich habe das Wort „Versprechen“ näher betrachtet. Bedeutet versprechen oder verspochen etwa, dass sich jemand „ver-sprochen“ hat? Also etwas gesagt hat, was er nicht so gemeint hat? Daraus ergäbe sich eine völlig neue Perspektive. Mein Problem ist es herauszufiltern, welche Versprechen wirklich einzuhalten sind. Ich rede hier nicht von wichtigen Versprechen. Natürlich bin ich in der Lage, wichtige Versprechen zu filtern. Aber was mache ich mit denen, die mir unwichtig erscheinen? Soll ich sie einfach ignorieren?
Versprochen ist doch versprochen!

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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2 Gedanken zu „Versprochen ist versprochen, oder die Sache mit der Wort-Wörtlichkeit

  1. Frau Anders

    Oh wie ich das kenne und hasse. Kalenderexplosionen ob Treffenzwangsgefühl meinerseits nach Floskeln. Ich frag inzwischen manchmal nach, ob das wirklich so sein soll oder gebe mir Mühe weniger zuzusagen oder auch in meinen eigenen gelernten Floskeln unkonkreter zu bleiben um ja keine ungewollte Einladung auszusprechen. Aber so richtig klappt das auch nicht.

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  2. Forscher

    Auch das kenne ich aus früheren Zeiten. „Du kannst Dich jederzeit melden, wir können uns auch einfach mal so treffen auf einen Kaffee.“ – nahm das ernst und war enttäuscht, weil es nie zu einem „einfach mal so treffen“ kam.

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