Die Erschaffung der eigenen Realität durch die Art der Wahrnehmung

„Ich bin nicht von dieser Welt“ ist eine immer wiederkehrende Aussage von Autisten in Gesprächen, Tagebüchern oder Artikeln. Es bedeutet, dass Autisten sich durch ihre Art der Wahrnehmung eine eigene Realität erschaffen. Nun, ich bin eine von ihnen und habe diesen Satz während meiner Jugend unzählige Male in meine Tagebüchern geschrieben. Ich lebte solange in meiner Welt, bis mich die anderen Menschen dort herausholten und mich anwiesen, ihr Spiel des Lebens zu spielen. Ich sah damals keine andere Möglichkeit als mitzuspielen. Meine Anstrengungen in diesem Spiel waren enorm, weil ich alle Regeln neu lernen und Dinge tun musste, die ich nicht für richtig hielt. Darüber habe ich in vielen Beiträgen geschrieben. In meinen Gedanken und Gefühlen schaltete ich meine eigene Welt ab und es hieß nur noch „durchhalten, durchhalten“, egal wie erschöpft ich in der Ecke saß und dafür auch noch von genau denjenigen Menschen gescholten wurde, denen ich meine ganze Kraft geopfert habe.

Ich lernte es mit der Zeit hinzunehmen, erkrankte aber immer wieder in merkwürdiger Weise. Es waren Fieberzustände, die nicht messbar waren, es waren Verwirrungen, die niemand verstand, und Reaktionen, die man verurteilte. Wie gut, dass ich vor drei Jahren von dem Asperger Syndrom erfuhr und so etwas wie Erleichterung verspüren durfte. Es gab noch mehr Menschen auf dieser Welt wie mich, die aufgrund einer anderen Wahrnehmung ihre eigene Realität besaßen und damit lebten. Welch´ eine Freude! Menschen, die in einer Art Welt leben, zu der oft nur die Menschen Zugang finden, die sie auch leben. Alle anderen Menschen können sie meist nur mit dem Verstand erkennen, aber niemals mit dem Herzen.

Ich konnte es zu Beginn nicht fassen, dass man sich tatsächlich von all den alten Strukturen lösen und seine eigene Realität und Persönlichkeit wiederfinden konnte. So dachte ich immer, dass meine Realität und Persönlichkeit falsch seien. Ich sah in der Zeit der Selbstfindung vor drei Jahren Heerscharen von Kritikern und Feinden auf mich zurasen, die mir meine Ideen vom Leben wieder wegnehmen wollten. Und in der Tat, es waren nicht wenige, die mich in der Zeit meiner Entschlusskraft in Frage stellten oder gar ablehnten. Doch ich ließ mich nicht beirren und hielt diesem ganzen Druck stand. Ich fühlte mich elend, egoistisch und falsch, weil ich plötzlich Hilfeleistungen, die ich immer erbracht hatte, zurückwies, nur um auf meinem Weg zu bleiben. Es hat sich aber gelohnt! Ich entschied, nur noch die Menschen in meinem Leben existieren zu lassen, die mich jetzt so annehmen, wie ich bin: eben manchmal unberechenbar, undurchschaubar, wechselhaft, auch komisch, aber ebenso impulsiv, leidenschaftlich und offenherzig. Aus meiner Sicht gibt es zweierlei Sichtweisen.

Ich besaß nie einen Blick für die materiellen Dinge dieser Welt: Besitztum, Reichtum und Wettkampf. Dies alles erscheint mir so unspektakulär für ein Leben auf dieser Welt. Und doch sehe ich mich täglich mit diesen Dingen konfrontiert und muss irgendwo dazwischen meinen Platz finden. Mich faszinierten die Dinge, die man nicht sehen oder kaufen kann – Gefühle. Mein Leben lang hinterfrage ich die Gefühle anderer Menschen. Sehr stark damit verbunden sind das Herz und die Seele. Gibt es noch eine andere Welt, als die, die wir mit dem Auge sehen? Ich will zwei Beispiele aufführen:

Wir alle begegnen Menschen, denen gegenüber wir auf Anhieb eine Art Ablehnung empfinden, obwohl sie freundlich und zuvorkommend sind. Sie laden uns in ihr Haus ein und beschenken uns. Doch irgendetwas in uns kann diesen Menschen nicht annehmen. Nenne es Instinkt oder Intuition. Wenn Autisten oft nachgesagt wird, diese Fähigkeiten nicht zu besitzen, so kann ich sagen, dass mir diese Begegnungen durchaus passieren, aber weit eingeschränkter als bei NTs. Mein Filter ist nicht sehr gut. Zu viele Menschen, vor denen ich mich in Acht nehmen muss, nehme ich nicht wahr. Viele sprechen in diesen Fällen von Naivität. Andererseits, wenn ich einem Menschen begegne, der mir unsympathisch ist, hat er niemals eine Chance, mit mir befreundet zu sein. Ich stecke ihn in eine Art Schulbade und schließe sie zu, denn alle weiteren Versuche, mich vom Gegenteil zu überzeugen, erscheinen mir wie ein Täuschungsmanöver.

Umgekehrt passiert es manchmal, dass ich Menschen begegne, die von NTs misstrauisch beäugt werden, bei mir aber eine große Sympathie aufgrund ihrer Reinheit und Ehrlichkeit erwecken, die NTs vielleicht Angst machen. Hier habe ich also eine völlig andere Wahrnehmung.

Zweites Beispiel: Ich wohne seit sieben Jahren in einem Haus, in dem ich mich nicht wohlfühle. Es ist ein wunderschönes Haus und auch die Vermieter und Nachbarn sind wunderbar, aber dieses besagte Haus hat eine Aura, die mir Angst einjagt, mich erdrückt und mir meine Inspiration raubt, obwohl es vollkommen gemütlich eingerichtet ist. Mein Auge nimmt eine harmonische Umgebung wahr, aber mein Herz und meine Seele fühlen sich abgestoßen. Es wird mit der Zeit auch nicht besser. Der Zustand bleibt gleich.
Ich weiß, dass dieses Haus von einer Person erbaut und bewohnt wurde, die viele gemeinnützige Aufgaben in ihrer Gemeinde erledigte. Selbst als Krankenschwester tätig war und immer hilfsbereit. Allein lebend ohne Kinder. Ich erkundigte mich in der Nachbarschaft und erfuhr, dass diese Person als kaltherzig wahrgenommen wurde trotz aller Hilfsbereitschaft. Niemand konnte zu ihr einen Zugang finden, der von Herzlichkeit geprägt war. Eine gemeinnützige Tätigkeit also als Ausgleich zur Kaltherzigkeit?

Ist es möglich, dass materielle Dinge Gefühle transportieren?

Ähnliches passierte im Haus zuvor, in dem ich 13 Jahre lang lebte. Ein wunderschönes, idyllisch gelegenes Haus. Dort lebten zuvor zwei Familien, die einander gewalttätig begegneten und dem Alkohol zugetan waren. Schlimme Geschichten. Ich erfuhr erst später davon, als ich auszog. Als ich das Haus verließ, riskierte ich nicht einen Blick zurück.

In meiner Wahrnehmung können Dinge eine Art Seele haben. Dadurch entsteht meine eigene Realität. Ich kann vieles nicht mit dem Verstand wahrnehmen und einsortieren, dafür umso stärker mit dem Herzen. Es ist das allumfassende Wahrnehmungsmodul in meinem Körper und ersetzt oft den Verstand. Doch es reicht in einer Welt wie dieser, die voller Täuschung und List ist, nicht aus. Demnach ziehe ich mich dorthin zurück, wo mich all dies nicht erreichen kann – in die Einsamkeit und Natur. Es ist der einzige Ort, der mich nicht herausfordert und infrage stellt. Er ist ehrlich, harmonisch und voll schöner Farben.

Es wird immer ein schwerer Balanceakt in meinem Leben bleiben, Eindrücke meines Herzens und meines Verstandes überein zu bekommen. Ich lese viele Bücher über den Einklang von Körper, Geist und Seele und bin ständig fasziniert. Leider konnte ich dieses Gefühl in der Welt da draußen noch nie verspüren. Aber es wird besser, je mehr ich mich auf meine Erschaffung der Realität und die Art, wie ich sie wahrnehme, einlasse. Manchmal kommen große Angstzustände auf, aber letztendlich sind es nur die irrationalen Hilfeschreie der alten Strukturen, die ich gerade verlasse. Ich riskiere keinen Blick mehr zurück, lasse die Angst fließen, bis sie aufgibt und mich verlässt. Es muss irgendwo in dieser Welt für mich eine Harmonie existieren, die dem materiellen Auge verborgen bleibt.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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4 Gedanken zu „Die Erschaffung der eigenen Realität durch die Art der Wahrnehmung

  1. Marille Gruenblatt

    Dieser Beitrag spricht mich sehr an. Einerseits weil in meinen Tagebüchern ähnliche Passagen zu finden sind („nicht von dieser Welt“), andererseits weil Du ein Phänomen erwähnst, von dem mir vor kurzem ein naher Verwandter erzählt hat: das Wahrnehmen von Geschehnissen, die eine Art „Nachhall“ in Orten/Gegenständen hervorrufen. Er meint, er kann manchmal spüren, dass schlimme Dinge an einem bestimmten Ort geschehen sind.
    Liebe Grüße!

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  2. Nobody

    Alles is Energie, auch die negative Energie wie die Geschehnisse in den Häusern bleiben gespeichert, wenn man wie wir Feinfühlig ist, riecht man schier die Qualität der Energie am jeweiligen Ort. Oder man betritt einen Raum mit vielen Menschen und zack, spürt eine gewisse Grundstimmung im Raum, dabei muss keiner was sagen. Ver-rückt!

    Gefällt 1 Person

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