Die Gefahr der Selbstprogrammierung

Wer kennt sie nicht: die eigene Prophezeiung „das schaffe ich sowieso nicht“ oder „den Kontakt kann ich auf Dauer sowieso nicht aushalten“? Erwartungen, die sich im Laufe der Jahre durch viele Erfahrungen selbst programmiert haben. Versagen als Programm. Das geht jedem so, NTs und Autisten.
Es ist wie ein Diätprogramm, das ich hundert Mal starte, um zum Schluss festzustellen, dass ich es wieder einmal nicht geschafft habe. Oder die neue Freundschaft, die wieder nicht funktioniert hat, weil ich es ahnte. Bin ich etwa auf Versagen programmiert?

So sammeln sich im Laufe des Lebens viele Enttäuschungen, die ich unter Erfahrungen verbucht habe. Ich gebe irgendwann auf und wage mich an keine neue Herausforderung heran. Doch genau das ist das größte Irrdenken, dem ich immer wieder erliege und was ich gerne beseitigen möchte. Dazu muss ich mir viele Dinge ins Bewusstsein rufen.

Ich bin 51 Jahre und habe viele Dinge gesehen, erlebt und durchgemacht, aber ich habe bis heute erstaunlicherweise nicht meinen Optimismus verloren. Trotz vieler Grenzen und Hemmschwellen in meinen Gefühlen und Wahrnehmungen hege ich zum Schluss immer wieder die Hoffnung, dass alles gut wird. Selbst eine verzweifelte Situation oder ein aussichtsloser Kampf hält zum Schluss immer wieder eine Überraschung bereit.
Meine Stärke: Ich generiere aus Wut Energie. Das war immer so, aber ich programmierte sie im Laufe meines Lebens immer mehr auf Versagen, Angst und Rückzug um. Begann von vorherein, bestimmte Situationen zu meiden und immer mehr Verstummung zu verspüren, die mir zu schaffen machte.
Ich habe viel Wut in meinem Leben gespürt. Da ich nicht in der Lage bin, spontan und angemessen auf meine Wut zu reagieren, falle ich meist in eine Erstarrung und verarbeite die Aggression, indem sie sich gegen meinem Körper richtet. Dennoch, das Ergebnis, was sich hernach zeigt, überrascht mich immer wieder neu. So verfahren die Situation auch sein sollte, so gelange ich nach einer „Auszeit“ meist zu einem erstaunlich guten Ergebnis. Je schlimmer sich eine emotionale Situation für mich gestaltet, je besser zeigt sich das Ergebnis. Die Zauberworte heißen „Geduld und Veränderung“. Begriffe, vor denen ich in der Regel viel Angst verspüre.
Auf den ersten Blick unlösbare Situationen bringen plötzlich eine positive Veränderung. Ich frage mich, warum ich dies immer erst über den Umweg einer Erstarrung oder tiefen Depression erlangen muss. Andere schaffen durch einfache soziale Kommunikation mühelos Veränderungen herbeizuführen. Sie wechseln den Wohnort, das Land, kaufen ein Haus, trennen sich oder schlagen neue Lebenswege ein. Woher nehmen sie die Kraft, diese Veränderungen ohne Angst umzusetzen?

Ich stelle mir die Frage, ob ich mich im Laufe meines Lebens vielleicht zu sehr auf selbstprogrammierte Erwartungen eingestellt habe.
Viele Erlebnisse haben mir gezeigt, wie es „nicht“ weitergeht, und je älter ich werde, desto mehr festigen sich diese Strukturen und Ängste.

Es ist an der Zeit, meine Programmierung zu überdenken und es erneut zu versuchen, das nächste Diätprogramm zu starten. Jede neue Chance ist eine Chance auf Erfolg. Jede neue Chance hat andere Voraussetzungen, obwohl sie einer alten ähnlich sieht. Ich habe inzwischen viele neue Eindrücke gewonnen und vielleicht fällt das Ergebnis überraschend anders aus. Wer garantiert mir – außer meiner Programmierung –, dass es diesmal nicht doch funktioniert? Ich rede von Zielen.

Wir alle haben Ziele, der NT genauso wie der Autist. Manchmal gewinne ich den Eindruck, dass ich als Aspergerin bei kleineren Zielen zu schnell aufgebe. Die erste emotionale Wut treibt mich in die Resignation. Bei großen Zielen reagiere ich genau entgegengesetzt. Ich kämpfe bis zum bitteren Ende um sie. Hier einige Beispiele:

Mit 29 Jahren bekam ich Krebs und entschied, dass ich gesund werde, obwohl meine Chancen schlecht standen. Ich wurde gesund.
Ich habe mich entschieden, jedem gesundheitlichen Angriff zu trotzen, um meine Kinder aufwachsen und ins Leben gehen zu sehen. Ich habe es geschafft.
Ich habe mich vor dreißig Jahren entschieden, Bücher zu schreiben, habe es vor zwanzig Jahren offiziell begonnen und bin trotz vieler Misserfolge drangeblieben. Vor fünf Jahren habe ich den Durchbruch geschafft.
Ich war ein Leben lang auf der Suche nach einem wunderbaren Ort auf dieser Welt, an dem ich frei von allen Störungen leben und schreiben kann. Ich habe ihn gefunden.
Ich habe mich entschieden, nur noch die richtigen Freunde um mich zu scharen, die mich so nehmen wie ich bin. Ich habe sie gefunden.
Also scheine ich die Fähigkeit für Veränderungen und Neustarts zu haben. Niemand kann mir garantieren, dass ich meine nächsten Ziele erreichen werden, es sei denn, ich programmiere mich von vornherein auf eine Niederlage.

Nun arbeite ich an dem Gefühl, das Leben etwas unbesorgter fließen zu lassen und einfach darauf zu vertrauen, dass es einen guten Plan gibt. Ich bin es leid, meine alten Programme weiterzufahren. Ich weiß, dass ich viele Dinge nur schwer oder gar nicht erreichen kann, weil sie mir nicht gegeben sind, aber ich kann es immer wieder versuchen. Vielleicht gelingen mir hier und da kleine Programmveränderungen, die mein Leben erleichtern. Ich bin und bleibe eben ein Optimist!

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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