Sehnsucht und Widerstand zugleich oder „das offene Fenster“

Wie jeder Leser dieses Blogs sehen kann, verbinde ich das Bild eines offenen Fensters, das den Blick in eine herrliche Natur bietet, mit meinen Gedanken als Aspergerin. Dieses Fenster ist aus meiner Sicht ein symbolischer Blick ins Leben. Ich fühle mich in einen Raum eingesperrt und kann durch dieses Fenster das Leben außerhalb meiner Reichweite sehen, hören und riechen. Manchmal ist das Fenster geschlossen und ich kann nichts wahrnehmen von der Welt draußen. Und manchmal kann ich das Fenster öffnen und mich weit in das Leben hinauslehnen. Doch ich bleibe dabei stets in diesem Zimmer hinter diesem Fenster. Es sind Sehnsucht und Widerstand zugleich, die mich beherrschen.

Ich finde diesen Blick aus dem Fenster in England in meiner Hütte, in die ich mich einmal im Jahr für längere Zeit zurückziehe, Ruhe zum Schreiben finde und für mich allein sein kann. Die Hütte steht inmitten der Natur angrenzend an einen Farmbetrieb und umgeben von wunderschöner Landschaft, in der ich mit großer Freude umherwandere. Wenn mich die Sehnsucht packt und ich keinen allzu großen Widerstand vor der Welt da draußen verspüre, traue ich mich hinaus und rede gerne mit den Menschen um mich herum. Sie sind alle sehr nett und zuvorkommend und meinen es immer gut mit mir. Sie bieten mir Treffen an und sprechen Einladungen aus, was ich sehr schätze. Aber sie wissen nicht, wie sehr es mich fordert, diesen Einladungen nachzukommen. Ich weiß nicht, worüber diese Menschen dann sprechen oder was sie von mir hören wollen. Es sind meistens eher allgemeine Themen, die besprochen werden, die für mich belanglos sind und mich daher verunsichern. Das unterscheidet mich von den netten Menschen um mich herum. Ich habe die Sehnsucht, mit ihnen zusammen zu sein, aber ich spüre immer wieder diesen Unterschied, der mir Angst macht, ich könnte etwas Falsches oder Unhöfliches sagen, was ich nicht will.

So passierte es mir einmal bei einem five o’clock tea, als wir über Gebäck und Essen im Allgemeinen sprachen, über Rezepte und kulturelle Unterschiede, und ich bemerkte ganz ungewollt nebenbei, dass das Essen bei vielen Menschen Liebe, Zuneigung und Aufmerksamkeit ersetzt. Ich beschäftige mich viel mit Psychologie und befand mich wieder einmal auf dem Weg, meine Gesprächspartner in meine Interessengebiete zu lenken, wie es mir so oft passiert. Ich sagte, dass viele Menschen deswegen übergewichtig seien, weil ihr Körper eine Art Liebe empfindet, wenn er Nahrung zu sich nimmt. Es ist im Allgemeinen bekannt, dass der Körper es als sehr angenehm empfindet, wenn er mit leckerem Essen verwöhnt wird. Bei stark psychisch belasteten Menschen kommt es oft zu einem Mehrkonsum, um dieses fehlende Gefühl zu kompensieren. Ich sagte das ohne die Absicht, jemanden in dieser Teerunde damit konkret anzusprechen, und bemerkte nicht, dass ich eine übergewichtige Dame in der Runde damit verletzte. Sie wurde rot und erklärte mir, dass es ihr keinesfalls an Liebe mangele, sie würde einfach nur gerne essen. Ich erkannte meinen Fehler und erklärte ihr, dass es mir immer so ginge, und ich deswegen auch hin und wieder leichtes Übergewicht hätte. Hier in England würde ich es allerdings immer verlieren, weil ich mich hier psychisch stabil und gut aufgehoben fühle und nichts vermisse. Es nützte nichts, ich hatte das Gespräch verdorben.

Ich versuche, eng vertrauten Menschen natürlich mitzuteilen, wo mein Problem liegt, aber sie verstehen es oft nicht, denn sie empfinden mich als freundlich, kommunikativ und angenehm. Das bin ich auch sicherlich, solange ich mich in einem Anpassungsprozess befinde und das sage, was andere von mir hören wollen. Was aber, wenn mir Worte über die Lippen kommen, die nicht angebracht sind, und ich es wieder einmal nicht bemerkt habe? Dann plagt mich ein großes Schuldgefühl.

Doch die Sehnsucht bleibt, mit allen Menschen, die ich liebe und die mir wichtig sind, ganz normal kommunizieren zu wollen. Es wird mir nie möglich sein. Ich werde immer nur diesen Blick aus meinem Fenster genießen können und darauf hoffen, mich so oft wie möglich hinauslehnen zu können. Ich freue mich über jeden Menschen, den ich treffe, der mich versteht oder der gleichgesinnt denkt.

Hier ein Zitat aus dem Buch „Das Rosie-Projekt“:
„Defekt! Das Asperger Syndrom ist kein Defekt! Es ist eine Variante des Möglichen, vielleicht sogar ein erheblicher Vorteil. Das Asperger Syndrom ist mit hoher Organisations- und Konzentrationsfähigkeit, innovativer Denkweise und rationaler Distanziertheit verbunden.“

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)
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2 Gedanken zu „Sehnsucht und Widerstand zugleich oder „das offene Fenster“

  1. Ismael Kluever

    Ich gebe zu, dass mich der Gedanke an dieses Abstand zwischen Autisten und neurotypischen Menschen, auf welche Weise er auch immer beschrieben wird, beunruhigt.

    Ich habe ja über das Internet schon recht viele Autisten kennengelernt. Mit fast allen ist der Austausch sehr harmonisch und von großem Vertrauen geprägt. Mit machen von ihnen entwickelten sich Freundschaften, einige habe ich sehr liebgewonnen. Um so mehr stellt sich die Frage, ob diese Wand des Nichtverstehens bei einer persönlichen Begegnung wirklich unüberwindbar ist. (Damit meine ich nicht, dass ein Mensch im „real life“ ganz andere und vielleicht überraschende Wesenszüge zeigt als bei der sehr ausschnitthaften Selbstpreisgabe in Webforen und -blogs. Man müsste sich immer ganz neu kennelernen.) Ich meine ein grundsätzliches Unvermögen auf beiden Seiten, die Wahrnehmungswelt des jeweils anderen zu begreifen.

    Wieviel Annäherung ist möglich?
    Wieviel Abstand wird bleiben?
    Wieviel Distanz muss vielleicht auch bleiben?
    Ich weiß es nicht.

    Wäre etwas anders, wenn wir eineander gut informiert, aber gleichzeitig offen und lernbegierig begegnen würden?
    Und wenn jeder eine Portion vorauseilender Nachsicht gegenüber den vermeintlichen Patzern anderer mitbrächte, aber ohne in eine hochmütige Jovialität zu verfallen?
    Was wäre, wenn wir auch die „Schrecksekunde“, wenn uns jemand mit seinem Verhalten überrascht, einfach mal hinnehmen?
    Wie wäre es, wenn wir zu irgendetwas erstmal keine „Meinung“ äußern würden, sondern einfach nur wahrnähmen, was „ist“?
    Oder wenn wir einfach nur mal „da wären“, ohne in Aktivitäten zu verfallen? So wie ein Vogel, der sich einfach nur auf den Fenstersims setzt?

    So viele Fragen.
    Es beschäftigt mich.

    Gefällt 2 Personen

    Antwort
    1. denkmomente Autor

      Hallo lieber Ismael! Ich danke dir von Herzen für deine Fragen, die mich einige Tage beschäftigt haben. Ich finde diese Fragen sehr wichtig und habe sie in meinem nächsten Blog thematisiert, weil ich denke, dass vielleicht viele NT’s Antworten darauf suchen.
      Hier an dieser Stelle also mein herzliches Dankeschön und viele Grüße, Marion

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