Die Angst, falsch wahrgenommen zu werden

Es gab eine Zeit in meiner Kindheit und Jugend, in der es mir egal war, wie man mich wahrnahm. Mein Leben war unbeschwert. Es kam mir alles normal vor. Ich konzentrierte mich auf meine Interessen und auf die Dinge, die ich mochte. Dazu gehörten unbedingt Bücher, Friedensbewegungen, die USA und Kleidung, die von der Vorstellung anderer Mädchen merklich abwich. Sie musste praktisch sein, niemals eng und niemals Kleider oder Röcke. Zudem ein praktischer Haarschnitt und keine Schminke oder auffälliger Schmuck. Ich trage immer schon „Symbolschmuck“, Lebenssymbole oder Erdsymbole (Baum, Steine, Herzen, Muscheln …) als Kettenanhänger oder Ohrringe, die mit Erinnerungen verbunden sind. Als Ring trage ich nur meinen Ehering.

Ich legte nie viel Wert auf ein besonders weibliches Aussehen. Wenn ich es einmal ausprobierte, fühlte ich mich unwohl und falsch. Hochzeiten oder besondere Anlässe, in denen eine „angemessene“ Garderobe (langes Kleid, Kostüm) erwartet wird, sind mir ein Graus. Ich könnte niemals einen Hut tragen oder meine Haare stylen. Ich käme mir vor wie ein Clown, der sich lächerlich macht. Es ist schlimm, wenn ich zu solchen Anlässen eingeladen werde. Dann steigt mein Stresspegel ins Unermessliche. Ich frage mich, wie ich wohl wahrgenommen werde. Man merkt, wenn das Äußere mit dem Inneren nicht harmoniert.
Ich erinnere mich an meine kirchliche Trauung. Es wurde mir empfohlen, mir eine Dauerwelle für das Fest machen zu lassen. Ich tat es – widerwillig. Die Locken waren drin und ich bekam sie nicht wieder heraus. Drei Tage später schnitt ich mir wütend die Haare ab, weil ich mir mit den Locken scheußlich vorkam. Mein Hochzeitkleid schmiss ich schon am nächsten Tag in die Ecke, weil es unbequem und unpraktisch war, genauso wie diese höllischen Schuhe mit Absatz. Wenn ich heute auf mein Hochzeitsbild schaue, sehe ich eine Fremde neben meinem Mann. Alle außer mir fanden mich schön. Man hat mich als passende Erscheinung wahrgenommen.

Durch meine eigene Art mich zu kleiden wurde und werde ich oft als merkwürdig wahrgenommen. Daran habe ich mich gewöhnt und konzentriere mich mittlerweile nur noch auf die Menschen, die mich so akzeptieren.
Mit der mentalen Wahrnehmung anderer sieht es anders aus.

Ich habe immer wieder große Ängste, wenn ich in die Öffentlichkeit muss und ich auf viele fremde Menschen treffe, weil mir die spontane angemessene Gelassenheit fehlt. Ich kann oft nicht das abrufen, was ich wirklich weiß oder zu sagen habe. Immer wieder stelle ich mir die Frage, wie mich die anderen wahrgenommen haben. Habe ich dumm gewirkt, obwohl ich viel zu einem Thema zu sagen gehabt hätte, es mir aber wieder einmal nicht eingefallen ist. Deshalb durchlebe ich in der darauffolgenden Nacht die ganzen Gespräche erneu, mit dem Unterschied, dass mir dann alle Antworten einfallen.

Ich merke, dass sich verschiedene Menschen zurückziehen, die mir wichtig wären, denen ich aber nicht angemessen begegnen konnte, so dass der andere mein Potential hätte erkennen können. Im Nachhinein traue ich mich meist nicht, die Dinge klarzustellen, weil ich Angst vor einer neuen Blamage habe.

Wir kann ich meine Authentizität zeigen?
Eine Frage, die mich, je älter ich werde, immer mehr beschäftigt.

Ich habe zu vielen Themen eine Meinung, scheitere aber meist, wenn es darum geht, meine Meinung spontan zu vertreten. Wenn mein Gegenüber eine andere Meinung vertritt und mich mit seinen Argumenten zu überzeugen versucht, bzw. meine Meinung in Frage stellt, bin ich mich sofort auf verlorenem Posten. Am liebsten würde ich sagen: „Lass mich darüber einen Tag nachdenken, und dann schreibe ich dir“, aber das funktioniert leider nicht. Wenn ich mit jemandem ins Gespräch komme und dann darum bitte, auf schriftlichem Wege mit mir zu kommunizieren, verliere ich den Kontakt. Ich kann es verstehen, wenn dem anderen das Schreiben nicht liegt. Aber was ist, wenn mir das spontane Reden nicht liegt? Eine schwierige Situation. Ich werde anders wahrgenommen, als ich wirklich bin.

Das Zauberwort heißt Geduld. Leider gibt es davon nicht sehr viel auf dieser Welt. Alles muss schnell gehen, sofort entschieden werden oder abgehakt sein.
Eine Welt, in der ich mich immer mehr auf verlorenem Posten befinde.

Dadurch, dass ich Bücher schreibe und zu Lesungen fahre, die in einem größeren Rahmen stattfinden, zeigt sich wieder, dass man mich anders wahrnimmt, als ich wirklich bin. Bei Lesungen rede ich über mein Spezialinteresse und bin sehr darauf trainiert, in diesem Rahmen angemessen zu reagieren. Weicht das Gespräch jedoch von meinem Thema ab, werde ich unsicher. Nach jedem Auftritt reflektiere ich sehr stark und versuche Patzer auszumerzen und die Gespräche auswendig zu lernen. Inzwischen beherrsche ich das System „Antworten auf Abruf“ recht gut, doch es fällt mir sehr schwer, dabei natürlich und gelassen zu wirken. Mimik, Gestik und Ton passen nicht immer zusammen, doch mit meiner fröhlichen Art kann ich vieles kaschieren.
Ich reflektiere mein Verhalten häufig mit meinem Mann (NT) um zu lernen, bin aber vielfach sehr verärgert über meine Unfähigkeit, weil ich nicht spontan und gelassen reagieren kann.
Vor manchen Terminen habe ich große Angst, sodass ich mich bereits im Vorfeld scheitern sehe und dadurch gesundheitliche Probleme (Fieber, Kopfschmerzen, Hitzewallungen) bekomme. Nur stete Übung kann mich aus diesem Dilemma befreien.

Seit mein Leben sich verändert und von der Mutterrolle in die Autorenrolle hinein verschoben hat, konnte ich mir ein kleines System erarbeiten. Ich lasse mich auf Situationen ein, die sich ähnlich sind, und übe sie. Wenn ich Sicherheit bekomme, lasse ich mich auf eine neue Situation ein. So erarbeite ich mir Stück für Stück meine Möglichkeiten, mich in der Öffentlichkeit präsentieren zu können, etwas, das ich früher nicht lernen musste.

Mein Autismus ist für mich jedoch kein Hindernis, mich im Leben weiter zu entwickeln. Mein Leben war immer vom Lernen geprägt, demnach wird es nie enden. Mein Motto lautet: „Mal sehen, ob ich diese Herausforderung schaffe.“
Ich finde, es ist ein gutes Motto. Und dazu gehört auch der Weg, meine Probleme sichtbar zu machen anstatt sie zu vertuschen.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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