Habe ich das Asperger Syndrom geerbt?

Ich kann mir vorstellen, dass diese Frage jeden Betroffenen beschäftigt.

Es ist allgemein bekannt, dass das Asperger Syndrom erblich sein kann aber auch durch andere Faktoren, wie starke bakterielle Erkrankungen oder Medikamente, hervorgerufen werden. Die Forschung weiß es nicht wirklich.

In den letzten zwei Jahren beschäftigte ich mich mit allen drei Theorien.
Ich kann mich an keine bakterielle Erkrankung oder Medikamenteneinnahme erinnern, die auffällig genug wäre, etwas in diese Richtung auszulösen.
Der Blick auf meine Eltern und meine Familiengeschichte ist schon interessanter.

Ich beginne bei meinem Vater, der heute 75 Jahre alt ist.
Ich glaube, ich bin ein „Papa-Kind“. Vielleicht deswegen, weil ich ihm von der Persönlichkeit her am ähnlichsten bin. Wir haben die gleiche Art, die Welt zu betrachten und zu entdecken, und eine Art Hyperaktivität, mit der andere Menschen oft nicht mithalten können. Wir sind beide extrovertiert, interessieren uns viel für unsere Mitmenschen und sind immer darum bemüht zu helfen. Wir planen recht aufwendig bis in kleinste Detail, unternehmen aber auch gerne wagemutige Aktionen. Wir haben keine Scheu, etwas Neues zu beginnen, sofern es uns interessiert und reizt, und wir setzen unsere Ideen konsequent um. Wenn es langweilig wird, suchen wir nach neuen Herausforderungen und sind für Depressionen nicht sehr anfällig.
Mein Vater, gelernter Konditor, aber Zeit seines Lebens als Heizungsmonteur im Kundendienst tätig, hatte immer ein gutes Gespür für meine Bedürfnisse, ließ mich in meiner Kindheit stundenlang schreiben – auch nachts –, kaufte mir Bücher und meinen ersten Schaukelstuhl, als hätte er immer gewusst, was für mich gut war. Er liebt Tiere sehr, lebte als Kind sehr eng mit einer Katze zusammen, hatte wenig Kontakt zu Freunden, weil ihn viele andere Dinge interessierten, und hielt sich immer schon wahnsinnig gerne in der Natur auf. Als Kind zeigte er eine besondere Begabung im Bereich der Mathematik und wollte gerne Lehrer werden, doch es fehlten die finanziellen Mittel. Heute lebt er in einem mit Holz beheizten Haus und muss ständig Holz hacken, was ihm große Freude bereitet. Er lebt genau wie ich gerne sehr einfach und sammelt alle Erinnerungen an Menschen, die er mag.
Obwohl in zweiter Ehe verheiratet ist er auch gerne alleine unterwegs und zieht sich zurück, wenn man ihn zu sehr fordert. Er gibt immer und gerne, aber manche Dinge bekommt er nicht geregelt, z.B. wenn Probleme komplex werden. Das ist der Moment, in dem er sich vollkommen zurückzieht, weil er sie nicht lösen kann.

Nun komme ich zu meiner Mutter. Sie ist 1983 an ihrem dritten Suizidversuch im Alter von 42 Jahren verstorben. Sie litt immer unter starken Schlafstörungen und an Depressionen. Sie stammte aus einer Flüchtlingsfamilie, die von Königsberg nach Bayern und später ins Rheinland geflüchtet war. Das war eine schwere Zeit für sie.
Ich weiß, dass sie eine sehr beliebte und gute Schülerin war, aber viel ausgenutzt wurde. Sie war ständig für andere Menschen am „Schaffen“ und fand nur wenig Zeit für sich. Auffallend war ihre Harmoniesucht. Sie war nicht in der Lage für ihr Recht zu kämpfen, sondern gab um des lieben Friedens willen ständig nach, um Streit zu vermeiden. Sie erfüllte lieber die Erwartungen anderer als sich zu wehren. Das führte immer wieder zu diversen Problemen bei meinem Bruder und mir, wenn es um Ungerechtigkeit z.B. in der Schule ging. „Sscht, sei ruhig, sag nix“, waren ihre häufigsten Worte, wenn wir uns über die Ungerechtigkeit anderer Menschen beschwerten. Sie war schlicht nicht in der Lage, problematische Situationen zu regeln oder zu lösen, sondern gab lieber nach.

Die Ehe meiner Eltern ging nach 18 Jahren in die Brüche, und die Depression meiner Mutter verstärkte sich, weil sie sich in einer vollkommen fremden Situation wiederfand und ihr Leben nicht mehr in den Griff bekam.
Auffallend ist, dass ihr Vater ebenfalls Suizid beginn, ebenso ihr Cousin. Sie kam also aus einer psychisch vorbelasteten Familie, die aber – und das darf man nicht vergessen – durch den Krieg sehr schwere Zeiten mit Flucht, Gefangenschaft und Neubeginn erlebt hatte. Es ist sehr schwer, an dieser Vorgeschichte bestimmte Kriterien festzumachen.
Meine Mutter war ein sehr häuslicher Typ, eine sehr fürsorgliche Mutter und sehr familiär. Sie schminkte sich gerne, färbte ihre Haare wasserstoffblond und zog gerne sehr weibliche Kleidung und Schuhe an. Sie wollte anderen immer gefallen. Das war ihr sehr wichtig.
Sie konnte gut kochen, handarbeiten, das Haus dekorieren und brachte jede Blume im Garten zum Blühen. Ich weiß von ihr, dass sie gerne Schneiderin geworden wäre, aber sie besuchte eine Hauswirtschaftsschule, heiratete mit 19 Jahren und wurde kurz danach Mutter.
Auffallend war, dass sie nach einem strengen Regelplan lebte. Es gab Wasch, Einkaufs- und Gartentage. Auch der Tagesablauf war präzise geplant und wurde so gut wie nie geändert. Wenn meine Mutter sich aufregte, setzte sie sich ins Wohnzimmer und strickte. Das beruhigte sie.

Mein Bruder war als Kind hyperaktiv, aber in einer anderen Form als ich. Er ist musikalisch sehr begabt und nutzte jedes Kissen und jeden Topf, um sich ein Schlagzeug zu bauen. Seine Hände, Arme und Beine waren ständig in Bewegung, und er konnte in der Schule nicht stillsitzen und sich konzentrieren. Damals schickte man diese Kinder zur Kur, wo sie therapeutisch betreut wurden, was aber nicht viel bewirkte. Je älter mein Bruder wurde, desto ruhiger wurde er. Heute ist er 53 und ein ganz ruhiger, zufriedener und in sich ruhender Mensch in zweiter Ehe verheiratet.

Wenn ich jetzt versuche herauszufinden, ob einer meiner Eltern ein Asperger ist oder war, muss ich passen. Bei beiden finden sich Anzeichen von Autismus, aber jeder Mensch hat autistische Züge. Es kommt auf die Menge und Ausprägung an, um den Asperger als solches zu definieren. Das ist wie eine Infektion. Ein paar Bakterien schaden dem Körper nicht, werden es aber viele, entwickelt sich ein Infekt daraus.

Was mich immer verwirrte, waren die Depressionen und die Schlaflosigkeit meiner Mutter, die so unerklärlich auf uns alle wirkten, obwohl alles in Ordnung war. Diverse Eintragungen in einem Tagebuch, das ich später fand, lassen darauf schließen, dass sie als Jugendliche vergewaltigt wurde. Als sie 40 Jahre alt war und ihre Ehe in die Brüche ging, wurde ihr Zustand so schlecht, dass Nervenärzte ihr viele Psychopharmaka verschrieben. Zum Teil mit Suchtpotenzial (Tavor, Alival), was letztendlich zu ihren ersten Suizidversuch führte.
Ich weiß, dass sie immer und allen geholfen hat und oft sehr erschöpft war. Sie konnte nicht nein sagen und belastete sich immer mehr. Das ist meinem Werdergang ziemlich ähnlich, nur dass ich über all die Jahre nicht an diesen Depressionen und Schlafstörungen litt. Dafür hatte ich im Alter von 48 Jahren einen kompletten Zusammenbruch.

Was mir als Information dienen kann, ist die frühere Hyperaktivität meines Bruders. Heute würde man es wahrscheinlich als ADHS bezeichnen, eine Nebenerscheinung des Asperger Syndroms.
Während er als Kind in seinem Zimmer auf allem herum trommelte, schrieb ich akribisch Geschichten. Wir waren merkwürdige Kinder.

Ich habe mit meinen Vater vor einiger Zeit einmal über das Asperger Syndrom gesprochen, doch es überfordert ihn, sich im Alter von 75 Jahren damit auseinander zu setzen. Was er allerdings bestätigte, ist, dass er sich nie dieser Welt zugehörig gefühlt hat und dass er sein Leben insgesamt als sehr anstrengend und erschöpfend empfindet. Er leidet oft stark, wenn er in sozial komplizierte Situationen kommt.
Da wir beide eine sehr positive Lebenseinstellung haben, hilft es uns, über viele Niederschläge hinwegzukommen und immer nach neuen Möglichkeiten zu suchen. Was uns beiden zu eigen ist, ist die Gefühlsblindheit. Wir können uns kaum an bestimmte schwere Situationen emotional erinnern.

Ob aus dieser Reflektion eine erbliche Belastung hervorgeht, vermag ich nicht zu beurteilen.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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6 Gedanken zu „Habe ich das Asperger Syndrom geerbt?

  1. denkmomente Autor

    Vielen Dank, Kristin! In der Tat beginnt man darüber nachzudenken, ob Eltern oder Geschwister auch irgendwelche Anzeichen dieses Syndroms zeigen oder zeigten. Ich finde überall einen „Schnipsel“. Als ich vor einigen Jahren begann, mich mit diesem Syndrom zu beschäftigen, las ich meine alten Tagebücher. Dort habe ich tatsächlich unzählige Male „Ich bin nicht von dieser Welt“ eingetragen und viele meiner Gedanken und Gefühle in Frage gestellt. Ich fühlte mich nie dem Leben anderer zugehörig und sagte immer, dass ich ein Einzelgänger bin. Heute bin ich für diese alten Aufzeichnungen sehr dankbar. Sie bestätigen, dass sich in meiner Jugend bereits klare Anzeichen zeigten, nur damals (ca. 1980) niemand das Asperger Syndrom kannte.

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    1. Forscher

      Mir wurde anhand meiner damaligen Einträge klar, wie ich bereits damals nicht in der Lage war, Emotionen bei anderen richtig zu deuten,z.b. ob jemand mit mir flirtet oder nicht (meist nahm ich ersteres an), ich interpretierte viel wörtlich, war naiv, ließ mich leicht ausnutzen. Und zugleich Einzelgänger, hatte Interessen, die sonst niemand hatte, und hielt das für normal.

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  2. denkmomente Autor

    Genau, man hält es für normal. Ich spürte bei diesem Gefühl aber immer, dass es sehr beschwerlich ist. Ich hatte immer das Gefühl, ich müsste mir so viel zusätzlich beibringen, was andere schon konnten, habe es jedoch bis heute nicht geschafft, egal wie lange ich geübt habe. Lernte viel auswendig. Jetzt nehme ich alles so hin, wie ich denke und fühle und stelle mich einfach anders auf meine Umwelt ein, d.h. ich ziehe mich auch schneller zurück oder lehne etwas ab, wenn ich merke, dass ich es nicht schaffe. Ich kämpfe nicht mehr so lange um etwas, bis ich feststelle, es doch nicht erreichen zu könnnen. Seitdem geht es mir viel besser. Verstehen bedeutet für mich, besser Grenzen setzen zu können, egal was die anderen sagen.

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