Gefühle – von der Tiefe an die Oberfläche

Jeder weiß, wenn man sich zu lange in der Tiefe des Meeres aufhält, wird man ertrinken. Dies ist im Leben nicht anders und kann auf alle Bereiche des Lebens übertragen werden. Ich möchte in diesem Beitrag gerne von Gefühlen schreiben.

Unser ganzer Körper besteht aus einem Netz von Nerven, Muskeln und Adern – unserem Lebensnetz, das durch unsere Stimmung im Fluss gehalten wird. Ein Fluss ist immer in Bewegung. Ein Fluss in unserem Körper ist gesund.
Meine Gefühle befinden sich ständig in einer Art „unruhigem Seegang“, der mit einem gleichmäßig dahin fließenden Fluss nicht viel zu tun hat.

Immer wieder gibt es in meinem Alltag Situationen, die meinen „Fluss im Körper“ durcheinander bringen. Ich denke, dass es jedem Menschen so ergeht. Was unterscheidet nun meinen „Fluss“ von dem anderer?

Es ist die Massivität, mit der ich Gefühle verarbeite. Wie bereits mehrfach erwähnt, fehlt mir der Regler für die „Gelassenheit“ in meinen Gefühlen. Es fühlt sich an, als wenn ein spitzer Pfeil direkt bis ins Herz vordringt. Eine Nachricht oder Situation, die mich durcheinanderbringt, kann meine Gefühle so stark in Wallung bringen, dass sie sich über viele Stunden oder gar Tage nicht mehr beruhigen. Dann haben sie sich komplett in die Tiefe meiner Psyche begeben und rauben mir Konzentration, Schlaf und Energie. Alles, was sich in der Tiefe meiner Gefühle aufhält, löst einen Dauer-Denk-Zustand in mir aus. Dauer-Denken erschöpft mich total. Ich kann diese Gedanken nicht abschalten und verspüre eine Art Hitze, die meinen Kopf und Körper erfassen und meine Energie regelrecht auffrisst. Wenn andere gelassen und geduldig reagieren, brennt bei mir die Hölle! Den Spruch „Das wird schon“ gibt es bei mir nicht. Ich verspüre ständig das Bedürfnis, für ein komplexes Problem sofort eine Lösung zu erarbeiten, damit ich es schnell wieder aus meinen Körper und Kopf kriege.
Dabei kommt es zu einem anderen Problem. Ich kann auf soziale Situationen nicht sofort reagieren und benötige oft Stunden oder Tage, um reagieren zu können. Das Problem, das meinen gesunden Fluss im Körper stört, bleibt über diese ganze Zeit präsent und beschäftigt mein komplettes Denken.

Diese Tiefe, in der meine Probleme oft landen, empfinde ich wie eine Wanne voll heißen Wassers. Es dampft und kocht, bis ich es endlich durch den Abfluss freilassen kann. Erst danach geht es mir besser und Erholung setzt ein.

Was passiert bei mir, wenn sich diese Tiefen-Probleme häufen und der Stress immer größer wird ohne sich abzubauen?

Mein Immunsystem bricht zusammen und mein Körper sammelt kleine Entzündungen. Meist zeigt es sich in den Augen. Sie werden rot, als hätte ich zu viel Alkohol getrunken (ich trinke überhaupt keinen Alkohol) oder eine Bindehautentzündung. Zunächst kann kein Arzt diagnostizieren, was es ist. Es tritt zweimal im Monat auf. Später diagnostizierte man eine Lederhautentzündung. Der Körper transportiert Infekte über die Augen nach draußen.
Ich bin kaum erkältet, habe selten Schnupfen oder Husten, aber ich leide nachts ständig an Fieberanfällen. Ein Zeichen, dass ich zu stark gestresst bin.

Derzeit zeigt sich ein neues Phänomen:
Es begann mit Schmerzen im Knie. Schleimbeutelentzündung, diagnostizierte man, gab mir starke Schmerzmedikamente und eine Kniebandage. Es wurde nicht besser und ich wechselte den Arzt. Inzwischen erstreckten die Schmerzen sich über das gesamte linke Bein, bis hin zur Niere, den Rippen, den Zähnen, und es endete in den Augen. Eine komplette linksseitige „Lähmung“ erfasste mich, und ich konnte mich nur noch unter starken Schmerzen bewegen.
Man stellte fest, dass sich durch den Stress die Faszien entzündet hatten. Faszien sind dünne Nervenhäute, die sich über den Muskeln befinden und diese „im Fluss“ halten. Diese Nervenhäute hatten sich entzündet, mit den Muskeln verklebt und begannen sie an ihren Bewegungen zu hindern. Das verursachte den Schmerz. Ich konnte es nur durch Dehnübungen und Blockadebeseitigung durch einen Osteopathen wieder loswerden. Ein sehr langwieriger Prozess.

Ich fand diese Reaktion des Körpers sehr grenzwertig. Schon Anfang des Jahres wiesen geschwollene Lymphknoten auf diverse Infekte im Körper hin, aber niemand fand heraus, welcher Infekt es war.

Derzeit übe ich, die Gefühle nicht mehr so sehr in die Tiefe gelangen zu lassen. Sobald ich bemerke, dass etwas zu tief geht, versuche ich es an die Oberfläche zu transportieren. Ein sehr anstrengender Denkprozess für mich, aber zum Schluss schenkt er mir Entspannung. Sobald die Gefühle an der Oberfläche landen, befreien sie mich von innerlicher Hitze. Da ich es ein Leben lang gewöhnt bin, die Gefühle in die Tiefe zu transportieren, wird es ein sehr langer Prozess werden, bis ich dieses Vorgehen beherrsche. Vielleicht wird er sich niemals verinnerlichen, und ich muss immer wieder mit der bewussten Erinnerung arbeiten. Eine von tausenden Erinnerungen in meinem Leben.

Was Menschen ohne Autismus genetisch mitgegeben wird, muss ich mir immer ständig durch hartes Training erarbeiten. Vielleicht hilft dieser Beitrag etwas, Menschen mit Autismus Störung besser zu verstehen.
Ich bin kein kaltherziger Mensch, sondern ein Mensch mit „zu viel“ Gefühl. Deswegen reagiere ich oft anders als andere.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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2 Gedanken zu „Gefühle – von der Tiefe an die Oberfläche

  1. Kitty

    Ich erkenne mich mich absolut wieder in dem Geschriebenen. Erst heute ging es mir so,etwas brachte mich aus der Fassung und ich bin panisch geworden weil ich immer sofort für jedes Problem eine 100 % Lösung brauche. Das ist so anstrengend und hinterher wird man jedes Mal krank. Und immer wieder diese Auseinandersetzungen weil andere das nicht verstehen können. aber man selbst kann es ja auch nicht ändern,wenn man so reagiert.

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