Vom Fehler, andere beeindrucken zu wollen

„Wenn du ins Wasser springst, dann benimm dich wie ein Fisch!“

Dieser Spruch hing jahrelang bei uns im Badezimmer, bis ich ihn voller Wut entfernte, weil er mich dazu zwang, mich immer weiter von meinem wahren “Ich” zu entfernen. Mein Leben drehte sich ständig um den Gedanken, mich anzupassen. Eine der wohl wichtigsten Verhaltensweisen in unserer Gesellschaft.

Wie viel muss ich von meinem „Ich“ aufgeben, um bei einer bestimmten Person Eindruck zu schinden, um z.B. eine Arbeitsstelle oder eine bestimmte Position in der Gesellschaft zu erhalten? Wie nimmt mich mein Gegenüber wahr und welche Rolle muss ich weiterspielen?

Da bei mir soziale Interaktionsprozesse gegenüber fremden Menschen und Situationen nicht sehr gut ausgebildet sind, bin ich ständig darum bemüht, sie künstlich anhand von Gelerntem zu erzeugen und abzurufen. Ich überlege ständig, was nun wohl das richtige Verhalten oder die richtige Reaktion wäre, um positiv mitzuwirken. Was anderen als Intuition in die Wiege gelegt wurde, ist für mich harte Arbeit und gedanklich immer mit den Begriff „beeindrucken“ verbunden. So nenne ich mein Verhalten, wenn es den Erwartungen der Gesellschaft angepasst sein soll. Meine Definition des Begriffes ist sicher von der der NTs verschieden.

Das Leben ist ein riesiges Theater! Es werden Rollen verteilt und jeder schlüpft in eine hinein. Deckt sich diese Rolle überhaupt mit der wahren Identität?
Bei mir war es bis vor drei Jahren, als ich erstmals vom Asperger Syndrom erfuhr, nicht der Fall.

Ich glaube, es gibt keinen öffentlichen Bereich auf dieser Welt, in dem man nicht eine Rolle spielt. Schon früh entdecken Kinder ihre Freude am Verkleiden. Beim Vorlesen von Geschichten lieben sie es, wenn der Vorleser seine Stimme verstellt. Man entwickelt im Laufe des Lebens eine Vorstellung davon, wer man gerne sein möchte. So begegnet man seinen Mitschülern, Lehrern, späteren Chefs und natürlich seiner Familie.
Was aber, wenn diese Rolle vollkommen von dem abweicht, der man wirklich ist?
Dann ist „Error“ vorprogrammiert.

Ich hatte ständig das Gefühl, dass meine Persönlichkeit, Wahrnehmung und Ansichten von denen anderer abwichen und deswegen korrekturbedürftig seien. Ich wollte dazugehören und so begann ich mir Verhaltensweisen zu merken, mit denen ich beeindrucken oder Eindruck schinden könnte, unabhängig davon, wie ich dieses Verhalten wirklich fand. Es ging mir immer um die Meinung der anderen, nie um meine eigene.

Wenn man diesen Prozess viele Jahrzehnte mitmacht, verselbstständigt er sich und bei mir führte es zu einem starken Verlust meiner echten Persönlichkeit. Ich verbog mich bis zur Unkenntlichkeit, um nicht ausgegrenzt zu werden. Schließlich lernte ich den Beruf der Erzieherin und musste mit vielen Kindern und Eltern zusammenarbeiten. Ich entwickelte ein Spezialinteresse für die Psychologie und konnte anhand der Texte in vielen Büchern mein Verhalten trainieren.

Warum ist es in unserer Gesellschaft so wichtig, „Eindruck zu schinden“? Bereits der Begriff „schinden“ ist mit Stress und Anstrengung verbunden. Ein geschundener Mensch oder eine geschundene Seele sind Ergebnisse von Prozeduren, die zu Krankheit oder gar in den Tod führen. Dabei fängt der Prozess ganz früh an.
Wir alle möchten im Bad der Gesellschaft mitschwimmen, also kaufen wir Badehosen und machen unser Seepferdchen. Wir leben in einem sozialen Miteinander. Die ersten Voraussetzungen sind geschaffen. Dann wird es kritisch. Wollen wir es überhaupt bis zum Rettungsschwimmer schaffen oder wollen wir lieber zu einer anderen Sportart wechseln? Die Statistiken, Ämter, Werbefirmen und die Gesellschaft geben ein Raster vor, wo Bedarf besteht. Anpassen, heißt es nun. Ich muss beeindrucken, irgendwie positiv auffallen, dann schaffe ich es auch in dieses Raster hinein.

Für mich bedeutet „beeindrucken“ puren Stress. Ich muss auf eine Kleiderordnung achten, meine Frisur, Statussymbole wie Auto, Wohnung…, Mimik, die Preisgabe meiner Hobbys und letztendlich die persönliche Weltanschauung. Das alles muss ich jemandem oder etwas anpassen, um mich in eine bestimmte Position zu bringen. Die Gesellschaft erwartet es. Nun beginne ich mit dem „Beeindruckungsprozess“. Was könnte jetzt besonders gut punkten? Ich verliere die Sicht auf mein eigentliches Selbst und präsentiere immer mehr einen Menschen, der ich nicht bin.
Bei mir sind solche Prozesse früher oder später auf „Zusammenbruch“ programmiert. Ich habe es mehrmals ausprobiert und nie länger als vier Jahre in einer solchen Rolle ausgehalten. Umso mehr bin ich von Menschen überrascht, die dies ein ganzes Leben lang können und denen es nichts ausmacht. Sie haben eine Form der Gelassenheit oder Ignoranz an sich, die dies möglich macht. Beides fehlt mir.

Ein anderes – simples – Beispiel wäre die Liebe. Ich treffe einen Menschen, zu dem ich direkt eine starke Zuneigung empfinde. Wie gewinne ich seine Aufmerksamkeit? Indem ich beginne, ihn zu beeindrucken. Ich versuche herauszufinden, was er mag, und beginne, mich ebenfalls dafür zu begeistern. Teile ich nämlich mit, dass ich seine Interessen nicht mag, befürchte ich, dass er mich ablehnt. Durch diese künstliche Begeisterung beginnt ein Prozess des Verbiegens, der solange weitergeht, bis eine Energiegrenze erreicht ist und ich zusammenbreche. Dann kommt die Wahrheit ans Licht.
Ist es nicht einfacher, sich direkt so zu zeigen, wie man wirklich ist? Auch auf die Gefahr hin, dass der andere einen ablehnt? Er wird es früher oder später sowieso tun. Es ist die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, die uns oft drängt, uns anzupassen. Wir geben nicht gerne einen Menschen auf, der uns gut gefällt. Doch schlussendlich ist es der leichtere Weg, wenn zu viel Verschiedenheit besteht. Leider lassen unser Verstand und Herz das nicht so leicht zu. Unser Glaube, dass es noch gelingen kann, treibt uns an, weiterhin diesen Menschen zu beeindrucken. Bis der innerliche Schmerz der Enttäuschung zu groß wird und die Wahrheit ans Tageslicht kommt.

Der beste Fall ist, wenn das System des „Eindruck Schindens“ erst gar nicht in Gang gesetzt werden muss. Wenn der andere, für den wir große Sympathie empfinden, uns so nimmt, wie wir wirklich sind. Mit all unseren Schwächen und Problemen. Oder der Chef in meiner Arbeitsstelle, der sich auf meine Probleme einstellt. Ebenso der Freundeskreis, der meine Ansichten und Bedürfnisse integriert. Dies sind „1. Wahl-Partner“ im Leben. Alles andere erfordert zu viel Kraft und endet meistens mit einer Trennung.

Erst wenn ich beginne, andere Menschen nicht mehr beeindrucken zu wollen, wird das in meinem Leben passieren, was mir gut tut. Es werden Menschen und Situationen auf mich zukommen, die mir Energie geben statt sie zu nehmen. Ich muss sie nur erkennen und wahrnehmen!
Ich darf nicht vergessen, mich ehrlich mitzuteilen, um den Anderen die Chance zu geben, mich zu verstehen und anzunehmen.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

DSCN3960

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s