Die Theorie „Mensch ärgere dich nicht“

Dies ist ein sehr gewagter Beitrag, aber ich möchte ihn trotzdem gerne veröffentlichen. Er hat nicht direkt mit dem Asperger Syndrom zu tun, aber indirekt. Ich versuche einmal meine Weltanschauung zu verdeutlichen. Sie mag auf einige vielleicht banal oder gar überzogen wirken, aber sie hat ein Fundament, das meines Erachtens nicht gerade instabil ist.

Also sage ich mal, wenn du dies hier liest:

„Mensch ärgere dich nicht“!

Kennst du dieses Spiel noch?

Ich glaube, es ist das meistgespielte und beliebteste Spiel in Deutschland.
Das Ziel dieses Spieles ist es, andere aus dem Rennen zu werfen, um damit zu gewinnen. Man kann sie einfach, wenn die Zahl auf dem Würfel stimmt, rauskicken. Ja, das Kicken macht Spaß! Und dann hast du gelacht! Weil es so viel Spaß gemacht hat! Du willst siegen, gewinnen, als Erster ankommen …

Tut mir leid, aber ich mochte dieses Spiel nie. Viele in meiner Familie haben versucht, mich zu diesem Spiel zu bewegen, aber ich spielte es nicht. Auch nicht mit meinen Kindern. Auch nicht als Erzieherin im Kindergarten. Damals hatte ich keine Erklärung dafür. Heute habe ich sie. Sie ist ziemlich offensichtlich.
Ich bin ein Teamplayer und immer daran interessiert, mit allen gemeinsam ein Ziel zu erreichen. Ich mag es nicht, andere hinauszukicken oder zu mobben, sondern ich möchte mit ihnen in Harmonie zusammenarbeiten und leben.

Ich spielte als Kind gerne Halma und Backgammon, weil ich durch geschicktes Kombinieren nach vorne kam. Es geht dabei sicher auch ums Gewinnen, aber das war für mich zweitrangig. Ich fand es immer faszinierend, wie der andere mit mir zusammen Wege und Möglichkeiten schuf, um ans Ziel zu kommen. Dabei waren Logik und (für mich sehr wichtig) offene Strategien gefragt. Für mich waren es Gemeinschaftsspiele, bei denen mich der Spielprozess begeistert hat, nicht das Ende.

In frühester Kindheit wird uns spielerisch eine Methode beigebracht, uns an dem Niedergang anderer Menschen zu erfreuen. Dabei hat das Spiel „Mensch ärgere dich nicht“ wenig mit logischem Denken zu tun, nur unterschwellig. Es ist ein Glücksspiel. Wenn wir Glück haben und eine passende Zahl würfeln, können wir den anderen einfach rausschmeißen. Glück ist immer positiv besetzt. Oder?

Anderes – simples – Beispiel: „Schwarzer Peter“. Keiner will ihn haben und hofft, dass der andere ihn bekommt. Hallo? Warum sollte ich anderen etwas Schlechtes wünschen, nur um mich zu freuen? Ich soll Schadenfreude dabei entwickeln lernen. Der, der ihn gezogen hat, fühlt sich in der Runde seiner Mitspieler direkt schlecht, denunziert, ausgestoßen und ängstlich. Er hofft, dass der nächste den schwarzen Peter zieht. Also versucht er mit seinen Karten den anderen so zu täuschen, dass er ihn loswird. Warum gibt es dieses Spiel eigentlich, wenn doch niemand den schwarzen Peter haben will? Was wird gefördert? Frust und Täuschung. Mir war dieses Spiel immer sehr unangenehm.

Anders Beispiel: Das Kriegs-Brettspiel „Risiko“ kam zu einer Zeit heraus, in der sich Greenpeace und „die Grünen“ gründeten. Friedensdemos waren in Mode gekommen, also Gegner des Krieges. Für alle, die nichts davon hielten, gab es jetzt „Risiko“.
Hier die Beschreibung des Spieleherstellers :
„Das große Strategiespiel um die Eroberung der Welt.
Der unangefochtene Klassiker unter den Strategiespielen bringt Spannung mit vier Spielvarianten und Unterhaltung in jede Spielrunde. Befreie ganz im Stil Napoleons Länder und Kontinente von Besatzungsarmeen und schalte deine Mitspieler mit geschickten Spielzügen aus.“
Super! Eine perfekte Vorbereitung für das spätere Berufsleben.
Das Spiel wurde nach kurzer Zeit verboten, weil sich der kriegerische Charakter zu offensichtlich zeigte, aber nach einigen Jahren doch wieder zugelassen, dann, als genug Pädagogen pädagogische Gegen-Grundsätze fanden. (Man kann alles pädagogisch erklären. Alles ist eine Frage der Betrachtungsweise.)

Meine Beispiele anhand dieser Spiele klingen natürlich überzogen, doch ich möchte gerne ein Gesellschaftsproblem damit verdeutlichen.
Wie schnell bekommt ein lustiges Spiel Impfcharakter? Impfen heißt, dass man die Form der Denk- und Vorgehensweise übt, verinnerlicht und sie ins realen Leben übernimmt oder einbringt. Wenn man an das Spiel „Mensch ärgere dich nicht“ denkt, findet man offensichtlich inhaltliche Parallelen zum späteren Leben. Man schult den „Ellbogen“ für später. Man trainiert ihn. Wer trainiert, beherrscht das Trainierte irgendwann.

Ich kann mich erinnern, dass ich ungefähr 14 Jahre alt war, als meine Familie das Kriegsspiel „Risiko“ kaufte. Begeisterung erfasste die ganze Familie. Ich spielte einmal mit und dann war es für mich erledigt. Abgelehnt. Man unterstellte mir, ich könne nicht verlieren und sei zu dumm dafür. Falsch, ich kann und konnte immer schon gut verlieren, weil bei mir immer der Spaßfaktor beim Spiel zählte/zählt. Ich besitze kein Wettbewerbsdenken, bin auch ein schlechter Stratege, … aber dumm? Bin ich dumm, weil ich keine Kriegsspiele mag, bei denen es immer das Ziel ist, den anderen zu vernichten? Ich sollte Krieg spielen und mir Gedanken darüber machen, wie ich andere Länder zerstören und die Weltmacht an mich reißen könnte? Na toll! Ich sah darin damals einen dramatischen Eingriff in meinen Gerechtigkeitssinn und mein Fairnessdenken und lehnte das Spiel sofort ab, weil ich es unmöglich fand, Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen eine Freude damit zu machen, sich gegenseitig so niederträchtig zu vernichten.
Mir war und ist immer noch egal, ob ich etwas gewinne oder verliere. Es geht mir nur um eine soziale Methode. Ich finde diese Spiele unsozial.

Ich könnte unzählige Spiele aufzählen, die mit dieser Strategie arbeiten. Zum Teil werden sie „von Pädagogen empfohlen“. Ist es pädagogisch wertvoll zu lernen, wie man andere rauskickt oder vernichtet?
Natürlich ist mir klar, dass man durch Spiele Logik und Strategie erlernt, aber muss es denn auf eine Weise sein, mit der man andere gezielt ausschaltet?
Es gibt so viele gute und aus meiner Sicht pädagogisch wertvolle Spiele wie Halma, Mikado, Jenga, Elfer raus, Superhirn… oder einfache und didaktische Puzzle, bei denen man genauso Logik und Strategie lernen und schulen kann, ohne einen anderen zu vernichten oder auszuschalten.

Was mir auffällt, ist, dass es vielen Menschen einfach Freude zu bereiten scheint, andere verlieren zu sehen. Das löst Triumph- und Machtgefühle aus. Sicher, es gibt auch viele Menschen, die den Spielecharakter hinter all diesen Spielen erkennen und trotzdem sehr sozial bleiben, aber wühlt nicht in jedem so ein kleiner Teufel „doch gewinnen zu wollen“? Was ist wirkliches Gewinnen?

Bei mir entsteht das Gefühl von Triumph, wenn ich mit einer Gruppe, also meinen Mitmenschen zusammen, ein tolles Ziel erreiche und jeder mit seinen Fähigkeiten dazu beigetragen hat. Das bezieht sich auf all unsere Mitmenschen, die Hilfe benötigen, den Umgang mit der Natur und den Tieren und die Arbeitswelt. Nur so funktioniert für mich ein gutes Zusammenleben.
Ich mag keine Wettkampfspiele, weil sie den Verlierern ein schlechtes Gefühl vermitteln, obwohl sie ihr Bestes gegeben haben. Ich mag es, wenn jemand sein Bestes gibt und neidlos dafür anerkannt wird.
Als ich in meiner Kindheit und Jugend an einigen Wettbewerben teilnahm, schämte ich mich, wenn ich den ersten Platz gewonnen hatte. Ich schämte mich, dass andere sich wegen mir degradiert fühlten, also schlecht. So ist es heute noch.

Die Spiele, die ich soeben genannt habe, fördern Neid und achtloses Vorgehen ohne Rücksicht auf den anderen und vielleicht mag mein Beispiel wirklich arg überzogen klingen, aber es verdeutlicht eine Theorie oder Methode, die meines Erachtens nach nicht gut für unsere Gesellschaft ist.
Sicher, es wird diese Spiele immer geben, aber wenn bereits im frühen Kindesalter den Kindern Freude am „Rauskicken“ anderer vermittelt wird, was will die Gesellschaft dann erwarten? Wenn Jugendliche heute diese Baller- und Blutspiele spielen, was ist dabei anders als bei „Mensch ärgere dich nicht?“ Kann es sein, das unsere Jugend einfach nur resistent gegen diese alten Spiele geworden ist, weil die Reizüberflutung sie immer mehr abstumpfen lässt und verschärfte Spiel-Versionen benötigt werden, um Spaß und Freude zu empfinden? Steuert die Gesellschaft nicht auf einen riesigen Amoklauf zu?

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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6 Gedanken zu „Die Theorie „Mensch ärgere dich nicht“

  1. Myriade

    Das sind sehr interessante Überlegungen. Du wirfst da eigentlich die alte Frage über Anerzogenes und Angeborenes auf. Haben jede Form von Konkurrenzspielen so viel Erfolg, weil das Konkurrenzdenken im Menschen drinnensteckt ?
    Ich kann deine Überlegungen sehr gut nachvollziehen und würde es auch sehr viel besser finden, wenn die Betonung nicht nur bei Spielen sondern im gesellschaftlichen Verhalten im Allgemeinen mehr auf Zusammenarbeit und Empathie liegen würde.
    Das Fördern dieser Haltung ist in der Praxis ein ziemlich anstrengerndes Schwimmen gegen den Strom. Und es bleibt die Frage ob der Strom gegen den man schwimmt die Natur des Menschen ist oder Anerzogenes.

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    1. denkmomente Autor

      Sehr interessanter Gedanke! Vielen Dank dafür! Ich denke, dass in vielen Menschen das Streben nach Gewinnen angeboren ist. Desegen existieren auch so viele Spiele in dieser Richtung. Schließlich spiegelt sich in der Natur auch das Verhalten „Der Stärkere gewinnt“ wieder. Also muss es in der Natur der Lebenwesen „verankert“ sein. Aber Tiere und Pflanzen besitzen die Eigenart, ein Gleichgewicht zu halten, was der Mensch nicht kann.
      Es stellt sich mir nur die Frage, was wir als Menschen aus uns und der Erde machen, wenn wir dieses Streben nach Gewinnen nicht etwas eindämmen, denn die Schäden, die dadurch an Mensch und Natur entstehen werden fatal sein… Die nächste Frage, die sich mir aufwirft ist, ob es nicht eine geplante Veränderung der Natur ist, dass es immer mehr Autisten gibt, die diese Eigenschaften erst gar nicht mehr besitzen, sondern eher wettbewerbsfrei und teamorientiert denken. Schließlich ist es eine Umstrukturierung des Gehirns, die sich immer mehr zeigt …. ???

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  2. denkmomente Autor

    Ich habe bisher nur Autisten kennengelernt, die zwar gerne für sich alleine und zurückgezogen arbeiten, weil ihnen Bewegungen, Geräusche und Unterbrechungen bei der Arbeit zu schaffen machen (Gedankenunterbrechung), die aber immer am Gelingen des gesamten Projekts primär interessiert sind und nicht, um die eigene Position auf Kosten andere „aufzupolieren“. Damit meine ich, wenn sie Fehler finden, melden sie dies in Hinsicht auf die Verbesserung des gesamten Ergebnisses und nicht, um sich zu profilieren. Dr. Peter Schmidt macht das in seinem Buch „Kein Anschluss unter diesem Kollegen“ ganz deutlich. Er empfindet eine große Freude dabei, Fehler zu beseitigen, ohne dabei einen persönlichen Profit anzustreben. Das kann ich blind unterschreiben. Obwohl ich sehr gerne alleine arbeite (bin freiberuflich), so bin ich in erster Linie am Erfolg des Gesamtprojekts interessiert, also sehr teamorientiert. Wenn ich Fehler oder Verbesseungsvorschläge im Projekt finde, melde ich sie aus Freude, sie beseitigen zu können und nicht, um einen Vorteil zu erzielen. Natürlich gibt es auch ganz viele NT’s, die genauso denken.

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  3. simone

    Gut geschrieben , so hatte ich das noch nicht gesehen ,habe lange darüber nach gedacht , Wenn angeboren , kann die Erziehung nicht trotzdem etwas bewirken. So kommt es vielleicht auch darauf an ,wie man es gelernt hat zu spielen .Ich spielte mit meiner Familie oft Romme Doch es ging nie darum wer gewinnt oder verliert ,sondern um den Spaß am Spiel und das gesellige Zusammensein.Spielregeln wurden von uns einfach mal so geändert und mein Vater versuchte immer zu schummeln ,natürlich so auffällig ,das wir alle lachen mussten . Ganz anders bei meiner Freundin und Familie .Spielregeln sind Spielregeln ,kein Spaß sondern Konzentration ,weil man will ja gewinnen. Das ist ja auch der Sinn des Spieles ,wurde ich belehrt. Das finde ich furchtbar .Ich kann mich auch nicht so richtig freuen wenn ich gewinne und Schadenfreude gegenüber den Verlieren kenn ich nicht . Wenn ich mal „Mensch ärgere dich nicht “ gespielt habe ,und jemanden raus kicken musste ,hab ich mich bei ihm entschuldigt.
    Im Leistungssport finde ich es ganz schlimm ,da tuen Sportler alles um zu gewinnen..Ein Sieg würde ihnen Ruhm und Macht bringen ,und das wollen ja die meisten Menschen ,Und wenn sich dann alle mit dem Sieger freuen , werde ich dumm angeschaut ,weil ich Mitleid mit den Verlieren habe .

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