Das Telefon – mein Feind

Es gibt Dinge, die benutze ich nicht, weil ich die dahinterstehende Technik nicht verstehe. Ich erarbeite mir jegliches technisches Wissen mit viel Mühe und unter großem Stress. Deswegen besitze ich kein Handy, Smartphone oder wie diese Dinger eben heißen. Es liegt nicht nur an meinem technischen Unverständnis, dass ich keines dieser neuzeitlichen Geräte besitze, nein, Telefonate bringen ständig meine Tagesabläufe durcheinander. Ein Handy zwingt mich dazu, in Situationen zu reden, in denen ich nicht dazu in der Lage bin. Telefonieren bedeutet für mich Stimmungssache, besonders wenn es sich um soziale Gespräche handelt. Natürlich gibt es die Möglichkeit, sie auszuschalten, aber gleichzeitig frage ich mich, wofür ich sie habe. Damit ich von meiner Seite jemanden erreichen kann? Will ich das denn?

Ich konnte früher nie jemanden von unterwegs erreichen und muss es heute ebenso wenig. Diese Neuzeiterscheinung versucht mich dennoch immer wieder über Werbung zu überzeugen, dass ich ohne Handy nicht existieren könnte. Es soll alles einfacher und bequemer machen, aber auf mich wirkt es furchtbar belastend, wenn ich das Gefühl bekomme, immer und überall erreichbar zu sein. Natürlich gibt es Ausnahmen, z.B. wenn man einen Termin nicht einhalten kann, weil etwas Unvorhergesehenes dazwischen gekommen ist, aber dies passiert bei mir so gut wie nie. Und wenn, dann kann ich dieses Problem hinterher immer noch regeln. Soll ich tatsächlich dafür eine SIM-Karte kaufen? Ein Guthaben mit mir herumtragen, das ich nie einlöse? Ich warte, bis es abgelaufen ist, um es zu erneuern? Welch ein Irrsinn!

Ich habe einen Festnetzanschluss. Das reicht!

Bestimmte Telefonate muss man bei mir anmelden, bzw. ich muss mich auf sie erst einstellen. Es fällt mir sehr schwer, spontan den Anruf eines Freundes entgegenzunehmen, wenn ich erschöpft und müde bin. Der andere hat keine Chance, mit mir ein gutes Gespräch zu führen.
In der heutigen Zeit bin ich für diese Rufnummernübertragungen dankbar, so dass ich sehen kann, wer anruft. Ist es derjenige, mit dem ich einen Gesprächstermin vereinbart habe oder eine unerwartete Person, auf die ich nicht eingestellt bin? Ist am anderen Ende ein Langzeitredner oder ein Kurzzeitredner? Bei Langzeitrednern kann ich aus Zeitgründen manchmal nicht abheben, weil ich Probleme habe, ein Gespräch abzubrechen. Es gibt Menschen, die kommen von Hölzchen auf Stöckchen und überhören pfleglich meine Andeutungen, das Gespräch jetzt zu beenden, weil ich etwas anderes zu tun habe. Ich höre oft: „Nur noch eine Minute“, oder „Nur noch eine Sache“, und schon sind wieder 15 Minuten rum. Nicht selten bringe ich mich mit meiner inkonsequenten Haltung in Schwierigkeiten. Ich komme zu spät zu Terminen oder beginne zu spät zu kochen. Dann werde ich sehr wütend auf mich, weil ich wieder nicht „nein“ sagen konnte und meinen Ablauf selbst durcheinander gebracht habe. Seit der Rufnummernübertragung ist es möglich, bestimmte Anrufe erst gar nicht entgegenzunehmen. Das hört sich sehr unhöflich an, aber es ist für mich die einzige Art und Weise, mich zu schützen.

Fachgespräche zu meinen Büchern oder Interessen kann ich mühelos spontan bewältigen, weil mir ein großes Wissen zur Verfügung steht und ich sehr inspiriert mit dem anderen diskutieren kann. Spontane soziale Gespräche, sogenannte Smalltalks am Telefon, fallen mir sehr, sehr schwer, zumal wenn es um Probleme geht, die ich mit dieser Person bereits mehrmals durchdiskutiert habe. Es stresst mich ungemein, wenn Menschen immer wieder die gleichen Probleme durchkauen müssen. Ich weiß, dass es ihnen hilft, nur darüber zu reden, aber irgendwann, finde ich, muss Schluss sein. In solchen Situationen kann ich nur sehr schwer reagieren und freundlich bleiben.
Ich kann Menschen nicht verstehen, die sich stundenlang am Tag etwas zu erzählen haben, die lachen und witzeln herum, als hätten sie sich monatelang nicht gesprochen. Dabei haben sie erst gestern noch miteinander geredet oder sich gesehen. Es ist für mich befremdlich, so viel Stoff auszutauschen, denn ich nehme an, dass mindestens die Hälfte davon niemanden interessiert.

Besonders albern finde ich es, wenn Menschen an der Kasse am Smartphone Gespräche entgegennehmen, obwohl sie sich gerade in der Kaufabwicklung befinden. Es ist ziemlich anstrengend, überall erreichbar zu sein, weil man nicht mehr in der Lage ist, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Ich finde es sehr unhöflich, wenn Gäste bei einer Feier Gespräche entgegennehmen, obwohl die Feier dadurch gestört wird. Wie groß ist die Sucht, dass sich viele Menschen ständig mitteilen müssen, wo sie gerade sind und was sie gerade beschäftigt?

Ich kann und möchte dies alles nicht, deswegen mache ich mich weitgehend unerreichbar.
Ich besitze einen Festnetzanschluss ohne Anrufbeantworter. Das kommt meinem technischen Unverständnis sehr entgegen. Ich bin dankbar, nicht diese technisch-fortschrittliche Neugierde zu verspüren.

Es gab eine Zeit, in der ich einen Anrufbeantworter eingeschaltet ließ. Es war eine furchtbare Zeit! Bis zu 20 Anrufe täglich befanden sich auf dem Gerät, die mich in großen Stress versetzten, denn alle baten um Rückruf. Das führte bei mir zu einem Overload. Ich rief mit großer Wut zurück und entschied, den Anrufbeantworter wieder auszuschalten.
Ich weiß, wie schwer es für Behörden oder Geschäftspartner ist, wenn man mich nicht erreichen kann, aber ich habe es weitgehend anders geregelt. Ich habe allen meine Email-Adresse gegeben und bat sie, mich darüber zu kontaktieren. Zudem bin ich über Facebook erreichbar. Mit diesen Möglichkeiten verschaffe ich mir Zeit zum Antworten und kann mir jedes Wort gut überlegen.

Ich möchte wirklich nicht wissen, was jederzeit überall bei meinen Freunden los ist und welche App ich unbedingt benötige, um das Wetter auf der ganzen Welt oder das Sonderangebot im nächsten Geschäft zu erfahren. All dieses Wissen würde meine Hirn-Kapazität sprengen. Wie kann ein Sonderangebot sinnvoll sein, wenn ich jeden Monat eine beachtliche Gebühr für dieses Smartphone oder dessen Vertrag bezahle, um dies zu erfahren?

Wenn ich etwas zu sagen habe, schreibe ich es lieber nieder, versende Emails oder lasse Geschichten in Büchern entstehen. Ich schreibe bereits ein Leben lang Tagebuch, wenn mich etwas beschäftigt. Wenn ich an die Öffentlichkeit gehen möchte, nutze ich Facebook. Ich verspüre nicht das Bedürfnis, jederzeit allen zu erzählen, was mich belastet oder erfreut. Das nützt doch keinem und würde auch nichts ändern. Nur ganz wenige Menschen dürfen mich jederzeit anrufen. Es sind Menschen, denen ich mein Vertrauen schenke und die aus meiner Sicht sinnvolle Sorgen mit mir teilen.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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3 Gedanken zu „Das Telefon – mein Feind

  1. Forscher

    Du sprichst mir in allen Punkten aus der Seele! Leider wird man nur belächelt dafür, wenn man sich verweigert oder ziert, sich endlich ein Smartphone zuzulegen. Dabei hat es für mich neben der ständigen Erreichbarkeit (auch online) auch den Grund, dass ich ohnehin viel vor dem Bildschirm sitzen muss und mich die kleinen Displays beim Lesen sehr anstrengen. Ich genieße dann auch die Phasen, in denen ich nichts zu tun habe, in die Ferne schweifen kann, lesen, Ideen entwickeln. Ein Smartphone würde ich andauernd benutzen, ich kenne mich – ich weiß, dass ich zu Kontrollverlust neige.

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