Maskenball – jeder zeigt sein wahres Gesicht

Wie kurios! Erst durch eine Verkleidung zeigt so mancher sein wahres Ich.

Die Menschen lieben Verkleidungen, nicht nur am Körper, nein, auch das Gesicht muss verborgen werden – hinter Masken oder Schminke. Je weniger man den Menschen erkennt, je besser die Maskierung, desto beliebter ist man an den Karnevalstagen.

Für mich hat die Karnevalszeit mehr Wahrheitscharakter als das Leben dazwischen.
In der ganzen Welt gibt es ähnliche Veranstaltungen, in denen die Menschen ehrlich zeigen, wie sie sind und was sie sich wünschen. Ist das verrückt?

Ich erinnere mich an den Rheinischen Karneval in meiner Kindheit. Eine Zeit, die ich überhaupt nicht mochte. Ich wollte mich nie verkleiden, weil ich nicht wusste, wer ich außer mir selbst sein sollte. Es gibt Bilder von mir, die mich mit ca. fünf Jahren in einem Prinzessinnenkostüm zeigen. Ich erinnere mich vage: die Lippen geschminkt, den Kopf mit Krone und Tüll umhüllt und mit einem gequälten Gesichtsausdruck. Ich muss unter dieser Verkleidung sehr gelitten haben.

Bis heute mag ich keine Schminke in meinem Gesicht oder Kopfbedeckungen auf meinem Haar. Es ekelt mich, Makeup auf der Haut und Zeugs an den Augen und auf den Lippen zu spüren. Ich wische es sofort weg. Es fühlt sich wie eine falsche Haut an. Wenn ich etwas auf den Haaren spüre, muss ich es entfernen. Ich kann keine Mützen oder Fahrradhelme tragen. Deswegen fahre ich auch nicht Motorrad mit meinem Mann. Ich kann das Gefühl, etwas auf den Kopf zu haben, nur sehr schlecht aushalten.

Irgendwann sollte ich zur Karnevalszeit eine Indianerin sein und bekam eine schwarze Perücke aufgesetzt, an der ich solange herumzog und -zupfte, bis sie vollkommen verfilzt vom Kopf fiel. Meine Mutter war sehr verärgert, weil die Perücke nicht billig gewesen war.
Ich äußerte oft Dinge, die ich nicht wollte, aber gehört wurde ich selten. Ich hatte mich den Gesellschaftserwartungen zu beugen und sollte nicht auffallen.
Als ich älter wurde, fragte meine Mutter mich endlich einmal, welche Verkleidung ich mir wünschte. Ich erinnere mich an den Klang ihrer Stimme, sie muss ziemlich verzweifelt gewesen sein, weil ich alles „schrottete“, was sie mir bisher angeboten hatte.
Ich war zehn Jahre und wollte Zigeunerin sein. Meine Eltern schauten mich irritiert an, denn es gab Cowboys, Indianer, Prinzessinnen, Hippies und Clowns. Aber eine Zigeunerin? Das war niemand hier im Dorf! Ich liebte Zigeuner und die romantische Idee vom freien und ungebundenen Leben dieser Menschen. Sie zogen herum, waren wild, lachten, machten Musik, sangen und tanzten abends am Lagerfeuer. Niemand bestimmte über ihr Leben und sie mussten sich nirgendwo eingliedern. Wenn ihnen ein Ort nicht gefiel, zogen sie zum nächsten. Das fand ich toll!

Widerwillig nähte mir meine Mutter ein Kostüm. Ich bekam wieder eine schwarze Perücke, die ich ablehnte, aber trotzdem tragen sollte. Wieder verfilzte ich das Ding, weil es unablässig auf meinem Kopf juckte. Dann kam wieder das Thema Schminke auf. Mein Gesicht sollte braun angemalt werden mit knallroten Lippen und schwarzen Augen. Ich wollte nicht, aber ich müsse, sagte meine Mutter, weil es zur Verkleidung gehöre. Mir reichte jedoch das wilde Kleid mit den vielen Glöckchen am Saum. Mehr wollte ich nicht. Wenn ich mich drehte, erklangen diese Glöckchen und machten mich glücklich. Ich wurde dennoch geschminkt und das nicht zu wenig. Es dauerte keine zehn Minuten, und ich wischte mit dem Rock meine ganze Schminke aus dem Gesicht. Das brachte mir daheim mächtig Ärger ein und ich beschloss, mich nie wieder zu verkleiden. Ich war ich, warum sollte ich jemand anderes sein? Wenn die anderen jemand anderes sein wollten, dann war es eben so. Ich weigerte mich bei Schulveranstaltungen und Feiern verkleidet zu erscheinen, musste es aber immer wieder über mich ergehen lassen, um nicht aufzufallen. Es war eine Zeit, in der ich mich sehr unwohl fühlte. Es war aber auch eine Zeit, in der sich andere sehr wohl fühlten. Wieder einmal war ich die Außenseiterin. Warum nur war alles so anders bei mir? Später mied ich alle Veranstaltungen, die mit Verkleidungen verbunden waren.

Was ich an der Karnevalszeit allerdings sehr mochte, war die Ehrlichkeit, die sich plötzlich zeigte. Ich erlebte meine Freunde und Schulkameraden viel gelöster, irgendwie glücklicher und fragte mich schon sehr früh, warum es auf der Welt nicht grundsätzlich funktionierte, sich so zu zeigen, wie man wirklich war. Trug man in Deutschland auffällige Kleidung, wurde man direkt distanziert behandelt.
Ich liebte zum Beispiel als Jugendliche die Lederwesten mit Fransen, die man damals vielerorts in den USA trug. Also besorgte ich mir im Secondhand Laden eine solche Weste. Schon am ersten Tag, als ich damit in der Schule erschien, konnten sich die anderen das Gekicher nicht verkneifen. Es brachte mich dazu, nie wieder Kleidung zu tragen, die ich mochte, und ich lief jahrelang in schwarzen, unauffälligen Hosen und unscheinbaren Pullis herum.
Ich liebte die USA und London, weil dort viele Menschen total verrückt herumrannten ohne aufzufallen. Wieso war dies in meiner Stadt nicht möglich? Wieso musste ein Kind wie ein Kind, eine Mutter wie eine Mutter und eine Oma wie eine Oma aussehen? Es gab regelrechte Standard-Ausstattungen. Wagte sich eine Oma an einen etwas jugendlicheren Stil, weil sie es einfach mochte und es ihre wahre Persönlichkeit widerspiegelte, wurde sie ausgelacht. Ich mochte die Hippies, die damals immer mehr aufkamen. Sie trugen bunte und wilde Kleidung. Später schaute ich mir viel von deren Kleidungsstil ab.

Gottseidank hat sich die Kleiderordnung heute erheblich gelockert. Früher hieß es ständig: aber das kannst du doch nicht anziehen! Warum nicht? Wenn es mir doch gefällt!
Die Frage, die die Gesellschaft stellt, ist aber eine andere: Gefällt es den anderen?
Muss es das, damit ich angenommen werde?

Als meine Kinder die Karnevalszeit kennenlernten, legte ich großen Wert darauf, dass sie genau das trugen, was sie wollten. Ich nähte oder strickte alle Kostüme genau nach ihren Vorstellungen. Es gab keine Schminke oder sonstige Unannehmlichkeiten für sie. Wenn sie unverkleidet in die Schule gehen wollten, durften sie es, weil ich den Druck nur allzu gut kannte. Meine Kinder hatten eine sehr glückliche Karnevalszeit und haben ihren Wunsch nach Verkleidungen recht schnell abgelegt.

Seit vielen Jahren ziehe ich mich während der Karnevalszeit in mein Haus zurück oder verreise, besonders an den „tollen Tagen“ von Altweiberball bis Aschermittwoch. In dieser Zeit fühle ich mich draußen vollkommen deplatziert, weil ich keine Verkleidung will. Ich schaue in dieser Zeit gerne fern und sehe all die glücklichen Gesichter. Ich frage mich, warum nicht 298 Tage im Jahr Karneval ist und sieben Tage Alltag. Keiner brauchte sich mehr verstecken, jeder wäre glücklich. Ist dieses verquerte Weltbild der Grund, warum sich die Menschen in der fünften Jahreszeit so betrinken? Ist es letztendlich die Sehnsucht nach dem wahren Lebensgefühl und die Angst, dies nach sieben Tagen wieder verlieren zu müssen?
Fragen, die mich manchmal beschäftigen…

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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