Als Asperger ein Simulant?

Wie oft musste ich mir in meinem Leben anhören, dass ich simuliere und mich in etwas hineinsteigere, wenn ich meine merkwürdigen Reaktionen zu erklären versuchte …, egal, ob einige in der Familie, Nachbarschaft oder im Freundeskreis diese Bemerkungen fallen ließen. Mit dieser Ansicht wurde ich viele, viele Jahre lang von allen Seiten konfrontiert.
Es begann, als ich Mutter wurde:

Seit ich nach der Geburt meines ersten Sohnes meine Vollzeitstelle gekündigt hatte und meine Rolle als Mutter wahrnahm, galt ich für viele als Simulantin, weil ich viel schneller erschöpfte als andere. Ich schlief fast keine Nacht mehr durch und hatte viele neue Aufgaben zu bewältigen, die ich erst akribisch lernen musste. Tag und Nacht voller Sorge, nichts falsch zu machen. Dieses kleine Wesen bekam meine ganze Aufmerksamkeit und Zuwendung, und ich empfand es als ein großes Geschenk des Himmels. Auch als ich das zweite Kind bekam, war ich voller Glück.
Während viele andere Mütter wieder arbeiten gingen, entschied ich mich zu Hause zu bleiben und mich voll und ganz der Erziehung meiner Kinder zu widmen. Ich beobachtete, wie entspannt andere Mütter ihre Aufgaben auf sich zukommen ließen, während ich voller Sorge war, etwas falsch zu machen, und ich las in dieser Zeit viel über Kindererziehung und Probleme, die entstehen könnten. Ich wollte vorbereitet sein, sobald sich Krankheiten zeigten, um richtig handeln zu können. Ich war nie gelassen und las alles über normale Entwicklungsphasen und die beste Pflege für diese Kinder. Ich wollte alles richtig machen.

Als die Jungen in den Kindergarten und später in die Schule kamen, half ich überall ehrenamtlich aus. Auch das sah ich als meine Aufgabe an, während sich viele Mütter diesen Aufgaben mit Ausreden entzogen.
Für mich stand fest: Wenn man die Aufgaben einer Mutter ernst nimmt, ist das ziemlich viel Arbeit. Am meisten hat mir der Kontakt zu anderen Müttern zu schaffen gemacht. Ich fühlte mich oft mit sogenannten Betreuungsdiensten ausgenutzt. Da ich nicht nein sagen konnte, waren bei uns fast jeden Tag Kinder zu Gast. Ich sah es anfangs als normal an, dass unsere Kinder nachmittags ihre Freunde zum Spielen bei uns im Garten hatten. Der war groß, mit Schaukel, Sandkasten, Tischtennisplatte und im Sommer einem Planschbecken. Wir bauten dort Holzhäuser und bemalten sie. Eben alles, wobei sich Kinder wohlfühlen. Ich gab jeden Tag mehr und mehr, legte immer noch eine Schippe drauf und ließ mir immer etwas einfallen.
Alle sahen tagsüber mein lachendes Gesicht, aber meine tiefe Erschöpfung am Abend, wenn die Kinder im Bett lagen, sah niemand. Es wirkte nur seltsam auf viele, dass ich die Wochenendausflüge absagte, weil ich einfach keine Kraft mehr hatte.
Ich hätte mir so sehr gewünscht, dass mir auch jemand zwischendurch mal meine Kinder abnahm, aber ich traute mich nie zu fragen. Dann hörte ich eines Tages hinter einer Hecke zwei Mütter tuscheln, dass ich irgendwie seltsam wirke und doch nur simuliere und spinne, um meine Ruhe vor den anderen zu haben. Seitdem kam ich auch nicht mehr auf die Idee um Hilfe zu bitten.
Damit will ich nicht sagen, dass es mir keinen Spaß machte, im Gegenteil, es war eine großartige Zeit! Aber sie war auch geprägt von totaler Erschöpfung und meiner Angst, andere um Hilfe zu bitten. Da ich Krebs bekam, als die Kinder zwei und fünf Jahre alt waren, schob ich meine Erschöpfung auf die Chemo und Bestrahlung, dass sie mir die halbe Kraft genommen hätten. So erklärte ich mir damals meine Abgeschlagenheit.

Meine Familie zu organisieren hat mich oft an den Rand meiner Kräfte gebracht. Ich hatte den ersten großen Nervenzusammenbruch, als mein jüngerer Sohn zwölf Jahre alt war. Damals wusste ich nichts von meinen Autismus und dachte, ich wäre einfach nur unfähig. Also beschloss ich, mir mehr Mühe zu geben.
Das Leben für vier Personen zu managen und allen Anforderungen gewachsen zu sein, erforderte meine ganze Aufmerksamkeit, so dass ich keine Rückzugsmöglichkeit fand, keine Möglichkeit der Regeneration. Ich litt oft an Schlafstörungen und empfand Rastlosigkeit, zeitweise fand ich kaum genug Energie für die Belange, die anstanden. Ich sah andere Familien, die mit Leichtigkeit ihren Alltag bewältigten, und verstand nicht, warum ich ständig diese Erschöpfung spürte und mich völlig ausgebrannt im Sessel wiederfand. Es war keine körperliche Erschöpfung, sondern eine geistige. In mir tobten ständig die Gedanken herum, dass ich noch mehr leisten müsse. Ich war einfach nicht gut genug. Dann das schlechte Gewissen, wenn ich wieder einmal etwas vergessen hatte, und letztendlich das Schuldgefühl, weil ich nicht angemessen für alle da sein konnte. Mich überfiel in dieser Zeit regelmäßig nächtliches Fieber und mein Zucker als Diabetikerin Typ 1 geriet ohne ersichtlichen Grund außer Kontrolle. Mein Kopf verbrannte nur vom vielen Denken den Zucker wie die Hölle und meine Leber schüttete Zuckerreserven aus und jagte meinen Zucker wieder in die Höhe. Niemand kam damals dahinter, woher der hohe Zucker kam. Man unterstellte mir unkontrolliertes Essen, was ich dezidiert verneinte, und man stempelte mich auch dort schnell als Simulantin und Lügnerin ab. Das löste zusätzlich großen Stress in mir aus.
Immer wieder versuchte ich den Kontakt zu anderen Müttern zu halten, aber sie trafen sich auch privat, hielten Smalltalk und redeten über Themen, von denen ich nichts verstand oder die mich nicht interessierten. Sie gingen auf Partys oder zu Veranstaltungen, zu denen ich nur widerwillig mitging. Ich versuchte mitzulachen oder mitzumachen, musste aber immer wieder feststellen, dass ich nicht in ihre Welt passte. Jede Party bedeutete für mich großen Stress, weil viele fremde Menschen auf mich zukamen. Es wurden immer mehr, so dass ich die Namen vergaß und die Kontrolle über die Gespräche verlor. Ich hatte keine Freude an Cliquenbildungen oder Elternzusammenschlüssen, sondern nur weitere Erschöpfung und letztendlich Angst. Immer wieder fragte ich mich, warum ich dies alles nicht beherrschte. Es schien doch offensichtlich nicht schwer zu sein. War ich wirklich all die Zeit eine Simulantin?

Nun, nachdem ich meine Jungs gut ins Leben entlassen hatte, erfuhr ich von dem Asperger Syndrom, dass ich eine Betroffene bin. Das erklärt vieles, was mir in meiner Rolle als Mutter wiederfahren ist. Und es beruhigt mich, weil ich nun die Gewissheit habe, dass meine Erschöpfung normal war. Heute richte ich mein Leben mit diesem Wissen anders aus. Und manchmal wünschte ich mir, ich hätte alles früher gewusst. Das hätte vieles verhindert.

Das schlimmste Gefühl auf der Welt ist, wenn einem nicht geglaubt wird. Während meiner Recherchen zu dem Syndrom und meinen Gesprächen mit Ärzten und Therapeuten, versuchte ich meine Probleme meiner entfernteren Familie und meinem Freundeskreis mitzuteilen, traf aber auf wenig Verständnis. Nur wenige verstanden, worum es ging, und sind heute noch eng befreundet zu mir. In anderen Kreisen hörte ich hinterrücks wieder den Satz „Die simuliert doch nur. Die war schon immer komisch“.

Es wäre ein guter Anfang, wenn alle ein bisschen genauer hinsähen und zuhörten und nicht direkt mit Vorurteilen und Bagatellisierungsversuchen den Betroffenen begegneten.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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Ein Gedanke zu „Als Asperger ein Simulant?

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