Das Training, nicht aufzufallen

Zu diesem Beitrag hat mich ein freundlicher NT veranlasst, als er in Facebook den Begriff „Training“ in einem seiner Artikel aufgriff. Das fand ich sehr spannend.

Inwieweit bin ich darauf trainiert, nicht aufzufallen?
Mit 51 Jahren kann ich sagen: sehr!

Hätte ich nicht alle die Zusammenbrüche in den letzten Jahren gehabt und ärztliche Hilfe gesucht, wäre ich wahrscheinlich nie aufgefallen, aber auch irgendwie und irgendwann vor die Hunde gegangen.

Ich war so sehr auf das Standardleben in der Gesellschaft trainiert, dass ich nicht einmal selbst bemerkte, dass ich trainiert war.

Wenn man sein Leben lang das Gefühl hat, dass etwas nicht stimmt und man nichts von seinem Autismus weiß oder erfährt, zieht der Körper oft unerklärliche Krankheiten an. Man nennt das Psychosomatik, wenn man keine Erklärung findet. Das wirft die Frage auf: Was stimmt mit der Psyche nicht? Man funktioniert so, wie die Gesellschaft es erwartet, und doch muss es etwas geben, was nicht richtig läuft.

Ich lese oft Berichte über Menschen, die sich im falschen Körper fühlen und nicht zu ihrer wahren Identität finden. Die Männerseele in einem Frauenkörper oder umgekehrt. Oder der Mann, der keine Frauen lieben kann, und die Frau, die keine Männer lieben kann, also homosexuell veranlagt sind. Ich fühlte mich von diesen Berichten immer sehr angezogen und verstand diese Menschen sehr gut. Ich habe auch kein Problem, mit ihnen umzugehen, und kann sie so nehmen, wie sie sind. Wenn ich solche Berichte im Fernsehen sah, konnte ich erkennen, wie sehr diese Menschen darauf trainiert waren, gegen ihre wahre Persönlichkeit zu leben. Solange, bis sie zusammenbrachen und sich outeten, weil sie ihr Leben nicht mehr in den Griff bekommen.

Es gibt Menschen, die jahrelang spüren, dass ihnen ein bestimmter Mensch fehlt, und sie finden heraus, dass sie als Zwilling auf die Welt gekommen sind. Wenn sie ihren Zwilling finden, fühlen sie sich komplett.
Dies sind Menschen, die ein „Lückenleben“ führen. Es fehlt ihnen das passendes Puzzleteil im Leben, um sich gesund und vollständig zu fühlen.

Anhand dieser Beispiele möchte ich beschreiben, wie ich mich fühlte, als ich noch nicht wusste, dass ich autistisch bin. Ich trainierte mir das Leben eines anderen Menschen an, weil ich nicht wusste, was bei mir falsch lief. Schuldgefühle und schlechtes Gewissen haben mich zu diesem Training angetrieben und die Gesellschaft hat mir bestätigt, dass es richtig sein muss. Ich musste mich dabei in Kopf und Körper immens anstrengen ähnlich wie ein Hochleistungssportler.

Nun stelle ich mir die Frage, wie sich ein Sportler fühlt, der sich 51 Jahre lang auf Höchstleistungen trainiert hat? Wie lange mag sein Körper durchhalten, bis er zusammenbricht? Nicht nur der Körper, sondern auch die Seele ist unberechenbar in ihren Reaktionen. Das musste ich bereits mehrmals in meinem Leben erfahren und es hat große Einschnitte hinterlassen. Zu denken, dass man es schafft, ist etwas völlig anderes, als zu erleben, ob es wirklich funktioniert.

Sicher, durch Training kann man viel im Leben erreichen. Unser ganzes Miteinander funktioniert nur durch Training (Reden, Lesen, Schreiben, Auto fahren …), aber es sind völlig andere Bereiche, die trainiert werden.
Die Seele lässt sich nicht trainieren! Sie bricht irgendwann zusammen oft ohne Vorwarnung und mit fatalen Folgen. Wie hört es sich an, wenn in meinem Lebenslauf zu lesen ist, dass ich Monate in einer Psychiatrie verbracht habe?

Ich bin sicher, dass es Autisten gibt, die so sehr trainiert sind und so gut in der Gesellschaft zurechtkommen, dass sie sich stolz und stark fühlen. Meist sind es junge Menschen bis hin zum mittleren Alter. Aber wie stehen sie zwanzig Jahre später zu ihrem Training?

Ich habe inzwischen viele Berichte über Menschen mit dem Asperger Syndrom gelesen und festgestellt, dass viele erst zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr diagnostiziert werden, meist nach Zusammenbrüchen oder sozialen und gesundheitlichen Problemen. Es ist der Moment, in dem das Training nicht her ausreicht.
Ich befürworte es sehr, sich als hochfunktionaler Autist so gut wie möglich an die Gesellschaft anzupassen. Aber nur so gut wie „möglich“. Wenn die Möglichkeiten ausgereizt sind, bitte ich die NTs, sich auf die andere Seite zu stellen und sich dem Autisten auch so gut wie möglich anzupassen.

Es war schon immer die Mitte, die mich auf Bildern faszinierte genauso wie im Leben. Die Mitte hat für mich etwas Warmes, Harmonisches und Friedliches. Ein Platz, an dem sich jeder wohlfühlt.

Meine Trainingszeit ist vorbei. Ich habe austrainiert und suche jetzt die Mitte der Gesellschaft. Ich bringe viele gute Eigenschaften mit und freue mich über jedes Forum, das diese Eigenschaften nutzen möchte.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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4 Gedanken zu „Das Training, nicht aufzufallen

  1. Ismael Kluever

    Liebe Marion, ganz ganz herzlichen Dank für diesen so offenen und tiefgehenden Beitrag!

    Ich habe den Eindruck, als stünde hinter deinen Zeilen ein Doppelpunkt und ein weiterer Satz:
    „Jetzt seid ihr dran!“
    Wir, die Neurotypischen, die wir durch unsere „Mehrheit“ die gängigen Verhaltensmuster der Gesellschaft prägen, sind nun dran, euch euren Platz in der Mitte einzuräumen. In der Mitte der Gesellschaft und in unserem Herzen. Ohne „wenn…“, ohne Bedingungen.

    Das fordert dann, wie du schreibst, von uns Neurotypischen, dass auch wir uns anpassen. Nicht, in dem wir Nichtautisten autistisch würden, sondern in dem wir euch in euren Wahrnehmungsweisen und mit euren Bedürfnissen akzeptieren und, so hoffe ich sehr, auch lieben lernen.
    Auch für uns ist das ist ein Lernprozess. Er erfordert Information, Training und Erfahrung.
    Erfahrung bedeutet aber auch, Fehler zu machen. Das ist dann oft schmerzhaft, es verletzt.
    Deshalb habe ich drei Bitten an euch, die Autisten und alle, die sonst „anders“ sind als der Mainstream:
    1. Bitte helft uns NTs, euch kennenzulernen. Klärt uns weiterhin auf, so wie ihr es in euren Blogs und sonswie ja schon tut!
    2. Bitte verzeiht uns, wenn wir euch ungewollt verletzen.
    3. Bitte versteckt euch nicht, passt euch nicht zu sehr an! Denn wie sollten wir euch sonst bewusst als diejenigen wahrnehmen, die ihr seid?

    Ich wünsche mir sehr, dass es irgendwann zu einem selbstverständlichen Miteinander in der Gesellschaft kommt. Einem Miteinander, bei dem jeder Mensch in seiner Eigenart geachtet und wertgeschätzt wird. Wo dann auch Merkmale, also ob jemand ein Autist oder Nichtautist oder sonst etwas ist, als wertvolles Hintergrundwissen präsent sind, aber nicht zu einem klischeeartig vorgepägten Bild der Person führen.

    Vielleicht werden wir dann ja mal solche Formulierungen, wie ich sie eben gebraucht habe – „wir“ Neurotypischen, „ihr“ Autisten – hinter uns lassen.

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  2. Autländer

    Vielen Dank für die Erinnerung, nicht wieder in die alte Rolle zurückzugehen, sondern weiterhin ICH zu bleiben. So habe ich es mir nach der Diagnose vorgenommen. Ich will jetzt einfach ich sein und mich nicht mehr selbst in Rollen zwingen, nur um nicht aufzufallen. Ich bin nicht der, den ich noch außen immer gezeigt habe. So stark bin ich in Wirklichkeit nicht. Das hat mir die Kraft bis zum Zusammenbruch geraubt. Nun baue ich meine Welt Stück für Stück wieder auf. Dabei muss immer aufpassen, dass ich keine Teile is der alten Welt nochmal neu verwende.

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    1. denkmomente Autor

      Vielen Dank für die Rückmeldung!! Dann befinden wir uns ja beide auf dem Weg zum „ursprünglichen Ich“. Das ist nicht einfach und mit einigen Enttäuschungen verbunden. Gerade was die Reaktion einiger Menschen betrifft, die einen nur in der trainierten Rolle kennen. Aber ich will dir Mut zusprechen. Es tut letztendlich wirklich gut, nur noch die Menschen um sich zu haben, die einen so mögen, wie man wirklich ist. Alles Gute und viel Grüße!

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  3. Pingback: Markierungen 11/09/2014 - Snippets

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